"Smoke on the Water" auf den Saiten des Appenzeller Hackbretts

Ein Keller an der Archstraße in Winterthur. Es herrscht ein Durcheinander: Regale an den Wänden, Sofas in den Ecken, nur die elf Hackbretter, die schön aufgestellt im Halbkreis dastehen, passen nicht ins Bild. Das ist der Proberaum des Hackbrett-Jugend-Orchesters Schweiz, kurz HJOS. Die zehn Mitglieder spielen gemeinsam "Smoke on the Water" von Deep Purple, ihr Lieblingsstück. Sie treffen sich jeden Monat in diesem Raum, um zu proben, "vor den Konzerten natürlich mehr", erzählt Dario, ein Mitglied des HJOS.

Das Appenzeller Hackbrett ist ein mindestens 100-saitiges, trapezförmiges Instrument. Es ist der Zither sowohl im Design als auch im Klang ähnlich. Die Saiten des Hackbrettes werden mit "Rüetli", Klöppeln, angeschlagen. Man kann sie auch zupfen, was aber eher selten vorkommt. Das Appenzeller Hackbrett hat zwei Schalllöcher mit hölzernen Rosetten im Deckel, es wird heute vorwiegend in der Volksmusik eingesetzt. 2006 haben sich erstmals junge, talentierte Hackbrettspieler aus der ganzen Schweiz getroffen und das HJOS gegründet. Seitdem hat sich einiges verändert. Das Repertoire ist internationaler, und es sind mehr Mitglieder geworden. Zur Gruppe dazugestoßen sind die Mitglieder durch ein Hackbrettlager, den Hackbretttag in Bern, oder sie haben sich nach einem Konzert informiert. Das Wichtigste ist, dass "jemand einfach zur Gruppe passt", betonen die Mitglieder einstimmig.

Urs Bösiger, der Leiter des HJOS, ist eher klein, trägt eine Brille und ein purpurnes Hemd. Die 14- bis 22-jährigen Hackbrettspieler albern herum, aber sobald Urs vor die Gruppe tritt und dirigiert, sind sie ruhig und konzentrieren sich aufs Spiel. Bösiger wird von Markus Engler als CO-Leiter unterstützt. Die beiden wollen den Jugendlichen eine Chance auf ein Hackbrettorchester mit hohem Niveau bieten. Die Proben in Winterthur sind intensiv. Zusätzlich gehen die Mitglieder des HJOS einmal in der Woche in den Musikunterricht. Da die Musiker aus der ganzen Ostschweiz zusammenkommen, gehen sie an unterschiedlichen Orten zu unterschiedlichen Lehrern in den Unterricht.

Fredi Zuberbühler aus Walzenhausen, einem kleinen Ort über dem Bodensee, ist noch ein richtiger Appenzeller-Vorderländer; er ist eher klein, trägt am linken Ohr einen Ohrring und spielt seit 1972 Hackbrett. Bei Auftritten mit seiner Band "Anderscht" trägt er die Appenzeller Tracht, auch wenn sie vor allem andere Stilrichtungen spielen. Er ist wie sein Vater gelernter Metzger. Auf das Hackbrett ist er durch einen Angestellten in der Metzgerei gekommen. Dieser spielte in einem Appenzeller Streichmusikorchester und fand, ein Hackbrett würde zu Fredi und seinem Orchester passen. Fredi Zuberbühler folgte dem Rat und hatte nach nur einem halben Jahr seinen ersten Auftritt. "Der Klang und die Rhythmik faszinierten mich", erzählt er begeistert. Wegen seines Berufs hat er das Spielen aber für 15 Jahre unterbrochen und erst wieder angefangen, als er Bademeister in Walzenhausen wurde. Abends, wenn nicht viel los war, konnte er am Beckenrand üben. Seit sechs Jahren ist er vollberuflich Musiker und gibt sein Können mit viel Geduld an seine Schüler weiter.

Roland Küng ist ebenfalls Hackbrettlehrer und spielt in Luzern im "21st Century Orchestra" mit. Das Orchester ist darauf spezialisiert, zu Filmen die Musik live mitzuspielen. Im Film "Gladiator" durfte Roland Küng vergangenes Jahr das erste Mal mitspielen. Das Hackbrett kommt dabei oft zum Einsatz, und es hat auch Solopassagen. Das Orchester hat 90 Musiker und zusätzlich einen 100 Sänger starken Chor. "Ich liebe den vielseitigen und abwechslungsreichen Klang des großen Symphonieorchesters und die Vielfalt der Musikstile in der Filmmusik." Roland Küng spielt im Film "Der Herr der Ringe" eine einstündige Passage nicht mit und hat erst dann wieder einen Einsatz. Diesen Einsatz hat er einmal bei einer Generalprobe mit Publikum verpasst. "Ich habe mir etwas falsch notiert und dachte, ich hätte noch lange Zeit, bis mein Einsatz kommt. Der Dirigent gab mir plötzlich das Zeichen zum Einsetzen, und ich war nicht parat." Roland Küng ist mit seinem Hackbrett im Orchester ein Einzelinstrument und spielt deshalb während der Registerproben bei den Exoteninstrumenten mit.

Fredi Zuberbühler konstruiert Hackbretter schon seit mindestens zehn Jahren. Die Hackbretter seien anders als klassische Instrumente. Vor allem in der Stimmfertigkeit, in Klang und Dynamik könne man das Hackbrett verbessern. Die von Zuberbühler geplanten Resonanzkörper lässt er bei den Appenzeller Hackbrettbauern Werner Alder, Johannes Fuchs oder von Baldur Stocker nach seinen eigenen Ideen fertigen. Die Hackbretter lässt er für seine Schüler und für seine Hackbrettformation "Anderscht" bauen. Insgesamt gibt es etwa 20 Hackbretter nach den Plänen von Zuberbühler. Von seinem Konzerthackbrett hat er zwei Anfertigungen, eines als Ersatz, falls mal etwas schiefgeht.

Eines seiner ersten Hackbretter, das er entworfen hatte, ließ er zu leicht bauen, und als es besaitet wurde, krachte es in sich zusammen. Seither berechnet er die Spannungen auf dem Computer mit CAD. Der wohl größte Unterschied zu anderen Hackbrettbauern ist, dass er nicht allzu sehr an den Traditionen festhält. "Traditionen sind gut, aber sie können auch hinderlich sein", sagt er. Hilfe für den Instrumentenbau holt er sich im Austausch mit Cembalo-, Leier-, Klavier- und natürlich anderen Hackbrettbauern. "Mein Traum ist es, irgendwann ein Hackbrett ganz allein zu bauen, auch die Holzarbeiten." Ein Schüler von Zuberbühler und Mitglied des Hackbrett-Jugend-Orchesters besitzt eines seiner Hackbretter und ist damit sehr zufrieden.

Da das Orchester auch im Ausland bekannt ist, reisen die Mitglieder sehr oft und weit. Große Koffer aus Holz schützen dann das Hackbrett zusätzlich. Das HJOS hat schon Reisen nach China, Italien und Budapest unternommen. "Im Ausland sind sie baff, dass so viele Jugendliche Hackbrett spielen", berichtet ein Mitglied. Das HJOS nahm im Jahr 2013 am Hackbrett-Weltkongress in Taiwan teil. Dort lernten sie eine taiwanische Hackbrettgruppe kennen, die sie zu einem gemeinsamen Konzert einlud. "Wir dachten, es sei einfach so dahingesagt, aber als wir wieder zu Hause waren, folgte kurz darauf die Einladung per Post." Den Kontakt zu den Taiwanern halten sie immer noch aufrecht.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
"Smoke on the Water" auf den Saiten des Appenzeller Hackbretts
Autor
Ellen Schilling
Schule
Kantonsschule , Trogen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.05.2015, Nr. 102, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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