Unter Männern den Bogen raushaben

Der Kontrabass: ein 1,80 Meter großes Instrument mit einem Gewicht von 15 bis 18 Kilogramm. Sie hören die schwingenden Saiten des schweren Holzinstruments im großen Hohlkörper widerhallen. Eine dunkel singende Melodie dringt an Ihre Ohren. Wen sehen Sie vor sich? Wie stellen Sie sich den Musiker vor?

Klein, ein Meter sechzig groß, blondes, schulterlanges Haar, blaue Augen. Mit einem fröhlichen Lächeln auf dem Gesicht strahlt Alexandra Scott einem entgegen. Sie erzählt mit einem sympathischen englischen Akzent über ihr Leben. Die Musikerin ist in Somerset, England, aufgewachsen und hat schon in jungen Jahren ihre Liebe zur Musik und zum Kontrabass entdeckt. Ihre Mutter spielte Geige in einem Kammerorchester.

Als Alexandra im Alter von fünf Jahren die Mutter in ein Konzert begleitete, sollte sie sich Gedanken darüber machen, ob sie auch ein Instrument erlernen wollte. Die Geigenspieler und auch die Bratschen konnten sie nicht überzeugen. "Doch der Kontrabassist hatte Spaß, drehte sein Instrument im Kreis und winkte mir strahlend zu. Und ich wusste, ich will Kontrabass lernen!" Doch zwei Jahre lang musste sie sich noch gedulden, bis sie endlich alt und groß genug war, und so hielt sie mit sieben Jahren ihren ersten kleinen Kinderbass in der Hand.

Alexandra Scott studierte an der Royal Academy of Music in London. Sie stellte ihr Talent und ihre Liebe zur Musik schnell unter Beweis und wurde mit zahlreichen Preisen und Titeln geehrt. Sie spielte in vielen Orchestern mit, bis sie 2007 beschloss, sich beim berühmten Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks zu bewerben. "Ich war nervös, als ich vor dem gesamten Orchester vorspielen musste." Doch Alexandra Scott wurde ausgewählt, als erste festangestellte Kontrabassistin in der mehr als 65-jährigen Geschichte des Orchesters.

Aber noch war das Zittern nicht vorbei für die junge Frau. Nach ihrer Aufnahme ins Orchester kam das Probejahr. In diesem Jahr war die junge Vorspielerin - Vorspieler sind in einem Symphonieorchester die zwischen dem Stimmführer und den Tuttispielern stehenden Orchestermusiker - stets aufgeregt, denn am Ende des Probejahres würde die ganze Besetzung über das Bleiben oder Gehen des Neulings bestimmen. Hatte sie zwei Drittel der Stimmen auf ihrer Seite, hatte sie einen lebenslangen Vertrag mit dem Bayerischen Rundfunk in der Tasche.

Und weil Alexandra Scott für die Gruppe ein ebenso fröhliches wie talentiertes Mitglied wurde und heute noch ist, durfte sie bleiben. "Wir waren gerade auf Tour in Luzern, als mein Kollege zu mir kam und sagte: Alex, ich habe eine schlechte Nachricht für dich: Du musst uns alle einladen! Und ich freute mich so, denn ich wusste, wenn jemand neu aufgenommen wurde, musste er die ganze Gruppe zum Essen einladen." Alexandra Scott strahlt beim Erzählen, als wäre es gestern gewesen.

Zurzeit hat das Orchester Akademie-Stipendiaten, die für zwei Jahre bleiben und bei Konzerten mitspielen, um Erfahrungen zu sammeln, und Scott freut sich über eine zweite Bassistin aus Korea in ihrer Männerecke. "Ich werde sie vermissen, wenn sie uns wieder verlassen wird." Seit Alexandra Scott beim Bayerischen Rundfunk fest angestellt ist, ist sie kaum noch aufgeregt, sondern freut sich immer total auf die großen Auftritte, besonders auf die Tourneen in England, weil diese für sie eine Art Heimspiel sind und jeweils ihre Familie im Saal sitzt und den Klängen der wundervollen Musik lauscht. Immer wieder gern geht sie mit auf Tour nach New York, weil sie NYC aufregend findet und in der Carnegie Hall stets eine ausgezeichnete Atmosphäre herrsche. Sie erzählt auch, dass das Orchester in Tokio immer auf besondere Begeisterung stößt, weil Mariss Jansons in der japanischen Metropole besonders viele Fans hat.

Alexandra Scott erinnert sich an ihr eindrücklichstes Erlebnis: "Es war in Berlin, und wir spielten in der Philharmonie. Mitten im Spiel wurde mir plötzlich klar, wie unfassbar still es im Konzertsaal war und wie gebannt die Menschen uns zuhörten. Wenn wir einen Film, ein Theaterstück sehen, sehen wir Bilder, erfahren wir eine Geschichte. Doch wenn wir in einem Saal sitzen und ein Konzert hören, konzentrieren wir uns nur auf die Musik; wir nehmen mit den Ohren wahr. Die Tatsache, dass sich die Zuhörer so sehr auf unsere Musik konzentrierten und sich von ihr in den Bann gezogen fühlten, war gleichermaßen erstaunlich und wunderschön."

Heute unterrichtet Alexandra Scott als Professorin für Kontrabass an der Hochschule für Musik in Karlsruhe. Jeder Lehrer legt auf etwas Wichtiges besonders viel Wert und trichtert es seinen Schülern ein. Was denkt sie, wäre das bei ihr? "Ich sage ihnen, dass man Musik lieben muss! Man soll Spaß haben an Musik, um sie genießen zu können. Stellen Sie sich den ersten Ton vor, der auf dieser Erde gespielt oder gesungen wurde. Das zeigt, dass Menschen Musik einfach brauchen. Und sie brauchten sie schon immer. Das ist so ein schöner Gedanke."

Informationen zum Beitrag

Titel
Unter Männern den Bogen raushaben
Autor
Nora Diethelm
Schule
Kantonsschule , Trogen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.05.2015, Nr. 102, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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