Zeit, erwachsen zu werden

Heute ist ein besonderer Tag für Anusha Selvashankar. Die gesamte Familie hat sich in Anushas Haus, das in der Londoner City liegt, versammelt, um ihre Puberty Ceremony zu feiern. Die Familie umfasst etwa 50 Personen, Tanten, Onkel, Cousinen, Großeltern und enge Freunde. Manche sind schon vor zwei Wochen gekommen, um bei den Vorbereitungen zu helfen, andere treffen gerade ein und wechseln noch ein paar Worte mit der 14-jährigen Anusha, um deren Selbstbewusstsein zu stärken. Die Stimmung sei geteilt, berichtet ihre 18-jährige Schwester Purnami, die solch eine Feier schon erlebt hat und die Situation gelassen nimmt. Manche seien einfach nur aufgeregt, andere dächten gar nicht darüber nach und beschäftigten sich derweil mit anderen Dingen wie Computerspielen. Im ganzen Haus aber herrscht Hektik und Aufregung. Die Küche ist besetzt von einem großen Teil der Familienmitglieder, die Speisen für die Opfergaben zubereiten. Puberty Ceremony ist ein traditionelles hinduistisches Fest, bei dem das Erwachsenwerden der Mädchen zelebriert wird. Dies passiert im Alter zwischen 10 und 16 Jahren und richtet sich nach dem Zeitpunkt, zu dem das Mädchen seine Menstruation bekommt. Anusha trägt einen traditionellen Saree, eine Mischung aus Tuch und Kleid, der kunstvoll um ihren Körper gewickelt wurde. Damit es ein wirklich glanzvoller Auftritt wird, wird sie von einer Stylistin mit indischen Accessoires und ausdrucksstarker Schminke in Szene gesetzt. Natürlich dürfen die Hennabemalungen nicht fehlen. Ihre Arme und Hände umranken Knospen und schwungvolle Striche. Im Handinneren sieht man eine Lotusblüte, die sich gerade geöffnet hat. Auf dem Fußrücken sind kleine Tänzerinnen zu sehen, was bei Hennabemalungen sehr ungewöhnlich ist, aber Anushas Mutter erklärt, dass es "immer schon ein Traum von Anusha war, anders als andere zu sein", und sie daher so ein seltenes Motiv gewählt habe. Auf den Rücken ist ein Schmetterling gemalt, dessen Flügel mit Steinchen besetzt sind. Die Zeremonie beginnt mit dem Priester, der den Segen über die Feier und Anushas zukünftiges Leben spricht. Die Zeremonie dauert eine Stunde und findet zu Hause statt. Der Priester spricht Verse aus den Veden, in denen es um das Leben, um Missetaten und um die Familie geht. Anushas Mutter übersetzt im Nachhinein: "Wenn ein Mensch allen Begierden abschwört, die sein Herz betreten, und wenn er durch die Gnade Gottes die Freude zu Gott in sich selbst entdeckt, dann hat seine Seele tatsächlich Frieden gefunden." Während der Priester spricht, werden Anusha Gaben gereicht wie Milch, die sie in einen ölgetränkten Kelch mit Feuer schüttet, um ihre Seele zu reinigen. Danach wird die Familie fotografiert. Alle haben ihre traditionellen Kleider an, die sie auch im Saal tragen werden. Zuerst werden einzelne Familien fotografiert wie die Tante mit ihrem Mann und Kindern. Erst dann wird ein Foto gemacht, auf dem alle sind, um zu zeigen, dass alle füreinander da sind und sie gemeinsam eine glückliche Großfamilie bilden. Die farbenfrohen Bilder werden als Erinnerung in mehreren Alben gesammelt. Jedes Familienmitglied erhält einige Abzüge. Die besonders gelungenen Fotos werden an der Hauswand in golden verzierten Bilderrahmen ausgestellt. Kurz vor dem Aufbruch zum prächtig geschmückten Festsaal, der sich im berühmten Picadilly Circus befindet, wo bereits Hunderte von Bekannten und entfernten Verwandten warten, betet Anusha zusammen mit den Eltern am häuslichen Schrein. Dieser Schrein ist in einem etwas kleineren Raum, dessen Wand voll mit goldenen und silbernen Gottesbildern besetzt ist. Überall riecht es nach Räucherstäbchen. Zwischen den Gottesbildern gibt es einen kleinen, offenen Schrank, in dem Tabletts mit verschiedenen Pasten stehen. Sie heißen Kumkum und sind meist gelb oder rot. Sie werden als Punkt auf die Stirn aufgetragen. "Rot steht für die verheirateten Frauen und Gelb für die Männer. Die Farbe wird ebenfalls aufgetragen, um die Seele zu reinigen", erklärt Anushas Großmutter. Von nun an wird zumindest für diesen Tag jeder von Anushas Schritten mit der Kamera begleitet. Allerdings muss sie im Moment noch ihr Gesicht mit einem seidenen Schleier bedecken. Wie eine der berühmten Bollywood-Stars wird die Prinzessin des Tages zum Festsaal gefahren. Bevor sie präsentiert wird, trifft sie in einem kleinen Nebenraum auf die Kinder und Erwachsenen, die ihr bis auf die Bühne folgen. In der Hand halten sie edle Kerzenständer und goldene Tabletts mit verschiedenen Gaben, die zum Beispiel die Fruchtbarkeit symbolisieren. Dazu gehören indisches Gebäck, Reis, Curry und Früchte. Jetzt geht es endlich los: Anusha schreitet durch die Gästeschar zur Bühne. Ein Raunen geht durch die Menge. Anusha betritt die reich verzierte Bühne, die neben einer Schaukel auch über eine Art Sitzbank verfügt. Diese Sitzbank hängt mit einem großen Wandbild zusammen, das mit Blumenketten und Gottesbildern dekoriert ist und fast die ganze Bühne einnimmt. Daher fällt der Platz für die Schaukel klein aus, jedoch ist im Hintergrund der Schaukel ein weiteres Bild zu erkennen, das einen Wasserfall zeigt. Ihre Eltern überreichen ihr eine Art Vase, in der sich eine Kokosnuss und Bananenblätter befinden. Diese muss sie die gesamte Zeremonie über halten. Diese Vase zeigt, dass sie ihre Fruchtbarkeit nun in ihren Händen hält. Endlich legt das hübsche Mädchen ihren Schleier ab und zeigt ihr Gesicht. Anushas Großmutter segnet ihre Enkeltochter mit den Blättern des heiligen Banjanbaums. Anschließend wird Anusha mit bunten Rosenblüten bestreut. Ihre Eltern legen ihr Ketten aus echten Blüten um. Anusha fällt auf die Knie, berührt die Füße ihrer Eltern und zeigt so Respekt, Ehrfurcht und Liebe. Auch einige Verwandte legen dem stolzen Mädchen Blütenketten um. Nachdem die Rituale vollzogen sind, wird den hungrigen Gästen ein prächtiges Mahl im orientalisch geschmückten Saal serviert. Aus dem Lautsprecher erklingt indische Musik. Die Gäste lassen sich die Speisen wie Hühnchen aus dem Tandoori und Briyani mit unterschiedlichen Fleischsorten schmecken. Zu jedem Gericht werden Basmatireis und ofenfrischer Naan, eine Art Fladenbrot, serviert. Zum dritten und zum letzten Mal zieht sich Anusha für heute um. In einem paillettenbesetzten, seidenen Saree empfängt sie die Geschenke. Größtenteils handle es sich um Geld im Wert von bis zu 200 Euro je Familie, aber Anusha könne sich auch über echten Goldschmuck von Verwandten oder über einen MP3-Player von Freunden freuen, verrät ihre Schwester. Das Geld werde die Familie zum größten Teil dafür verwenden, um das Fest zu finanzieren. Der Rest würde angelegt. Vielleicht könne Anusha ja ihren Führerschein oder auch ihr erstes Auto damit bezahlen. Nicht alle können sich so eine Riesenfeier leisten. Sie hat Glück, dass ihr Vater Ingenieur ist und gut verdient. Viele feierten zu Hause nur mit den engsten Verwandten. Viele dieser Rituale werden nur in Sri Lanka vollzogen. In Indien hingegen weichen die Traditionen etwas ab. Aber im Grunde genommen hat dieses Fest, egal wo es stattfindet, nur eine Absicht: Der Tochter einen wundervollen Anfang in der Erwachsenenwelt zu bescheren. Die Zeremonie wird ganz selbstverständlich in Europa und auf anderen Kontinenten weitergeführt, da Hinduisten ihre Tradition lieben. Anushas Familie geht heute glücklich ins Bett. Anusha ist stolz, sich vor ihren Verwandten von ihrer besten Seite präsentiert zu haben.

Informationen zum Beitrag

Titel
Zeit, erwachsen zu werden
Autor
Indusha Ramachandran. Wilhelm-Hausenstein-Gymnasium, München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.01.2011, Nr. 9 / Seite N6
Projekt
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