Von der Schönheit der Kronkorken

Michael Kapfhammer erscheint wie ein ganz normaler Familienvater. Er trägt ganz normale Kleidung, hat kurze, schwarze Haare, trägt eine unauffällige Brille und trinkt ganz normalen Kaffee. Das Objekt der Begierde mit zackigen Kanten, das der 48 Jahre alte Architekt aus München sammelt, ist allerdings keine ganz normale Briefmarke, wie man vermuten könnte. Vielmehr handelt es sich um Kronkorken, die Kapfhammer nun bereits seit fast 30 Jahren sammelt. Was andere ohne Beachtung wegwerfen, sammelt, sortiert und archiviert er leidenschaftlich. Was für andere ein einfacher Getränkemarkt ist, ist für ihn ein Sammlerparadies. Wie kommt man zu so einem außergewöhnlichen Hobby?

Mit Anfang 20 kommt Michael Kapfhammer von einem Urlaub in Korsika zurück; der Alkoholgenuss hat seine Spuren hinterlassen. Allerdings nicht an ihm, sondern in seinem Auto: Die Mittelkonsole des Passats ist mit Kronkorken gefüllt, ebenso der Beifahrersitz. Anstatt die exotische Kronkorkenpracht zu entsorgen, entschließt er sich kurzerhand, eine Sammlung anzulegen. Der Grund, weshalb er bis heute aktiv Flaschenverschlüsse sammelt, ist hauptsächlich der Sammeltrieb, der ihm innewohnt. Aber auch die Schönheit der Kronkorken selbst ist ein Grund für seine Begeisterung: "Vor allem exotische Exemplare wie zum Beispiel aus Asien oder Afrika sind besonders farbenfroh und oft mit Tiermotiven wie Tigern oder Elefanten geschmückt."

Seine Sammlung scheint tatsächlich mehr Menschen anzusprechen, als man erwarten würde. Er hat nicht nur einige Freunde dazu gebracht, selbst mit dem Sammeln anzufangen. Auch viele Bekannte, die ihn wegen seines Hobbys zuerst belächelten, wenn er zum Beispiel in einem Lokal nach dem Kronkorken fragte und auch von den Kellnern erst einmal schief angeschaut wurde, waren von seiner Idee so angetan, dass sie ihm regelmäßig Kronkorken aus allen möglichen Ländern und Regionen mitbringen. Offenbar auch, weil es ihnen selbst Spaß macht, meint Kapfhammer.

So hat er inzwischen ein so großes Netzwerk an Mithelfern aufgebaut, dass er eine Sammlung von stolzen 4500 unterschiedlichen Kronkorken aus aller Herren Ländern sein Eigen nennt. Die ausländischen Kronkorken sind oft besonders farbenfroh und kreativ gestaltet, während heimische Deckel meist einfach das Logo des Getränkeherstellers zeigen. Unter anderem besitzt er fast 300 unterschiedliche Varianten von Coca-Cola-Deckeln, zum Beispiel von unterschiedlichen Abarten, Jahrgängen oder Herstellern. Der wahre Kenner unterscheidet hier nämlich nicht nur zwischen Marke und Art des Getränks, sondern vor allem zwischen den unterschiedlichen Herstellern der Deckel selbst, die vor allem je nach Produktionsstandort wechseln. Deshalb bleibt es für Kapfhammer stets eine Herausforderung, neue Deckel zu finden.

Ein weiteres Problem, das mit dem Sammeln zwangsläufig auftritt, ist die Unterbringung der gesammelten Kronkorken. Für seine Deckel hat sich Michael eine ganz besondere Methode zur Lagerung ausgedacht. In mittlerweile fünf Weinkisten stapelt er jeweils zehn mit schwarzem Samt bezogene Holzplatten mit Messingkugeln an den Ecken, die als Abstandhalter und Griffe dienen. Die Platten sind wiederum mit bis zu 150 Deckeln bestückt. Diese zweifellos elegante Lagerung sowie der nicht zu unterschätzende Aufwand für das Sortieren der Sammlung nach Hersteller des Getränks und des Deckels, Art des Getränks, Ursprungsland und Herstellungsdatum sowie das Archivieren in einem Computerprogramm kostet allerdings viel Zeit.

Obwohl er immer noch mit derselben Begeisterung wie vor 30 Jahren seinem Hobby nachgeht, fürchtet Kapfhammer, dass das Wachstum seiner Sammlung immer mehr abnehmen wird. Zum einen hat er selbst als Vater von zwei Kindern und begeisterter Rad- und Wintersportler immer weniger Zeit für das Sammeln und vor allem Sortieren übrig. Seine Frau hätte nichts dagegen, wenn er seine Freizeit anderen Dingen widmen würde, wie das ja wohl in den meisten Familien der Fall ist. Zum anderen sieht er auch, dass die Ära der Kronkorken langsam, aber sicher zu Ende geht. Obwohl die Erfindung von William Painter, aus Blech und Kork beziehungsweise Kunststoff Flaschenverschlüsse herzustellen, 1892 eine sensationelle Innovation war, halten heute immer mehr Drehverschlüsse, oft aus Plastik, oder Verschlüsse mit Abziehlasche wegen ihrer Einfachheit in den Getränkemärkten Einzug. Nur noch wenige neue Kronkorken erscheinen hierzulande, selbst im Ursprungsland des Kronkorkens, Amerika, werden Plastikverschlüsse und Abziehlaschen immer populärer. Doch Ausnahmen gibt es immer wieder. Einige Hersteller bringen regelmäßig richtige Kronkorken-Kollektionen mit bestimmten Themen wie zum Beispiel der Fußballweltmeisterschaft oder neuen Kinofilmen auf den Markt. "Obwohl das ganz schön teuer werden kann, wenn man dann immer einen ganzen Kasten kaufen muss, freut mich sowas natürlich besonders", sagt Michael Kapfhammer.

Trotz allem will er sich weiter um seine Sammlung kümmern und sie vor allem mit exotischen Kronkorken aus fremden Ländern ergänzen. Neuerdings sieht er auch im Internet eine Möglichkeit, an neue Kronkorken zu gelangen. In eigenen Online-Sammelbörsen tauschen und handeln die Sammler mit ihren Kronkorken aus aller Welt. Auch Kataloge können Online eingesehen werden und so etwa das Herstellungsdatum, sofern nicht auf dem Deckel selbst eingraviert, recherchiert werden. Michael Kapfhammer ist überzeugt, dass der Kronkorken noch einige Zeit fortbestehen wird, und freut sich aber auch schon darauf, seinen Enkelkindern seine Sammlung vielleicht in einer Welt präsentieren zu können, in der Kronkorken eine Seltenheit sind.

Informationen zum Beitrag

Titel
Von der Schönheit der Kronkorken
Autor
Leo Kapfhammer
Schule
Elsa-Brändström-Gymnasium , München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.05.2015, Nr. 108, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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