"Hallo, ich bin Schaustellerkind und besuche für zwei Wochen eure Klasse"

Für Gina Meisel und ihre Familie ist der Rummelplatz ihr Zuhause. Riesenräder, Achterbahnen und gebrannte Mandeln gehören zum Alltag. Die Klassenzimmertür öffnet sich, und das laute Gelächter und Geschreie verstummt. Alle drehen sich zur Tür um und betrachten mit großen Augen die neue Schülerin. Mit ihren langen braunen Haaren und ihrem markanten Gesicht geht sie selbstbewusst in die Klasse und stellt sich vor: "Hallo, mein Name ist Gina. Ich bin ein Schaustellerkind und besuche für zwei Wochen eure Klasse." Auf einmal wird es wieder laut in der Klasse. Der Lehrer weist ihr einen Platz zu. Die Blicke folgen ihr bis zum Ende des Raumes, dort dreht sie sich um, setzt sich auf ihren Stuhl. Die Blicke der Mitschüler huschen auf den Lehrer, der um Aufmerksamkeit bittet.

"Es gibt immer was Neues, so wird einem nie langweilig im Leben!", sagt die 15-jährige Gina. Ihre Eltern besitzen ein Fahrgeschäft. Bevor Gina und ihr Bruder sich entschieden haben mitzureisen, waren ihre Eltern nur in der Nähe unterwegs, so dass die Kinder weiter zu Hause zur Schule gehen konnten. Seit einem Jahr reisen Gina, ihr Bruder zusammen mit ihren Eltern durch ganz Europa und bauen ihr Geschäft für unterschiedliche Veranstaltungen auf, zum Beispiel auf Jahrmärkten oder Schützenfesten. Das Geschäft haben die Eltern in fünfter Generation übernommen.

Ginas Vater wurde es auf Dauer am gleichen Ort zu eintönig. "Meine Eltern brauchen immer eine neue Herausforderung", berichtet Gina mit ihrer freundlichen Stimme. Das Restaurant in Zinnowitz auf Usedom, das ein beliebtes Reiseziel für Deutsche ist und gleichzeitig der Heimatort der Eltern, wird das ganze Jahr von zwei Geschäftsführern betrieben und sichert ein zweites Einkommen. Wenn die Familie durch die Lande zieht, leben sie in zwei Wohnwagen, die Eltern in einem und die Geschwister in dem anderen. Doch bald bekommen sie einen großen amerikanischen Auflieger mit 18 Metern Länge. Der Erker ist ausfahrbar und bietet somit mehr Wohnfläche. "Es ist wie eine kleine Wohnung", schwärmt Gina von ihrem künftigen Zuhause.

Die Attraktion der Familie, mit dem sie zu den großen Rummelplätzen tingelt, ist der Loopfighter, 26 Meter hoch, mit einer Überkopfschaukel und frei beweglichen Gondeln. Es gibt ihn nur zweimal in Deutschland. Das Geschäft ist von mittags an geöffnet. Gina und ihr Bruder helfen den Eltern tatkräftig, um sie so weit wie möglich zu entlasten - auch beim Auf- und Abbau. "Ich helfe ihnen, weil es mir Spaß macht. Ich mache das aus purer Leidenschaft", erzählt sie stolz. In der Woche bleibt noch Zeit für Schulaufgaben und Hobbys, doch an den Wochenenden muss jeder aus der Familie mit anpacken. "Ich tue somit was fürs Geschäft, und das Arbeiten mit der ganzen Familie macht Spaß." Seit Gina mit ihren Eltern mitfährt, hat sich einiges in ihrem Leben geändert: Sie sieht ihre Freunde nicht mehr so häufig; sie wechselt fast jeden Monat die Schule und reist sehr viel umher. "Zu Hause wäre es auf Dauer zu langweilig. Jeden Tag der gleiche Ablauf." Gina liebt das Reisen und ist stolz auf das Geschäft. "Ich komme so in Europa herum. Ich lerne neue Kulturen und Menschen kennen, das macht mir Freude." Doch gibt es auch Nachteile als Schaustellerkind? Gina muss natürlich wie alle anderen Jugendlichen auch zur Schule gehen. Doch wie klappt das, wenn sie jeden Monat in einer anderen Stadt ist?

An der Ostsee in Greifswald, wo die Familie ihren festen Wohnort hat, besucht Gina ihre Heimatschule. Dort nimmt sie am Unterricht teil wie ihre Freunde und wird gleich benotet. Wenn sie auf Reisen ist, wird sie an der nächstgelegenen Schule angemeldet, dort nimmt sie in den Nebenfächern am Regelunterricht teil. In den Hauptfächern schauen die Lehrer erst einmal nach ihrem Leistungsstand. Entsprechend geben sie ihr Aufgaben, die sie alleine bearbeitet. Die Klausuren muss sie meistens mitschreiben. Die Lehrer füllen Lernstandsberichte aus, die an ihre Heimatschule geschickt werden und mit in Ginas Endnoten einfließen.

Auch in der Freizeit muss Gina kürzertreten. Früher hat sie Klavier gespielt, doch unterwegs schafft sie das nicht mehr. Ihr Hobby Reiten kommt nicht zu kurz. Immer wenn in der Nähe ein Reitstall ist, versucht sie, dort ein paar Reitstunden zu nehmen. "Freunde zu treffen ist schwierig", erklärt sie. Wenn sie über einen längeren Zeitraum am gleichen Ort ist, lernt sie viele neue Freunde kennen, manchmal reicht es aber auch, wenn sie nur eine Woche vor Ort ist. Auch unter den Schaustellerkindern entstehen Freundschaften. Es ist aber schwierig, später den Kontakt aufrechtzuerhalten. "Und wenn wir dann mal auf einer Veranstaltung zusammenstehen, freuen wir uns um so mehr", berichtet sie fröhlich. Zwar sieht sie die Freunde aus ihrem Heimatort nicht häufig, der Kontakt bleibe dennoch bestehen, indem sie über Facebook und Whatsapp mit ihnen kommuniziert.

Was Gina in der Zukunft vorhat, ist auch schon geplant. "Erst mal gehe ich auf ein Internat, dort möchte ich mein Abitur machen", berichtet sie in einem erwachsenen Ton. "Ich würde es schon bevorzugen, mitzureisen, doch ich mache erst mal die Schule in Ruhe zu Ende, dass ich Gewissheit habe und nach oben hin mir alles offensteht." Danach möchte sie erst einmal eine Ausbildung starten, damit sie Sicherheit in ihrem späteren Lebenslauf hat. Der Beruf als Schausteller macht ihr schon Spaß, doch der Job ist immer mit einem hohen Risiko verbunden, erläutert sie. "Es kommt immer auf das Geschäft an. Man fängt relativ klein an, man kann ja nicht von vornherein so ein großes Geschäft haben." Gina kann sich aber kein anderes Leben vorstellen. "Man fühlt sich so frei", schwärmt sie mit einem Lächeln auf den Lippen.

Informationen zum Beitrag

Titel
"Hallo, ich bin Schaustellerkind und besuche für zwei Wochen eure Klasse"
Autor
Kira Dieckhoff
Schule
Wilhelm-Raabe-Schule , Hannover
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.05.2015, Nr. 113, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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