Heiraten aus Stolz oder Gehorsam

Hatice Tascin (Namen geändert) ist eine 54-jährige Hausfrau. Sie wohnt mit ihrem Mann Kemal und ihrer Tochter in Rijssen in den Niederlanden. "Meinen Mann kannte ich zwar aus der Familie, aber nur vom Sehen und hatte auch vor der Hochzeit noch nie mit ihm geredet", sagt sie lächelnd. Die zwei lebten mit ihren Familien in einem kleinen Dorf in der Nähe von Göksun in der südosttürkischen Provinz Kahramanmaras, wo sich alle kennen, verwandt und verschwägert sind.

Hatice, ein hübsches Mädchen mit großen, braunen Augen, erfuhr mit 16 Jahren, dass sie einen bis zu dem Zeitpunkt ihr ziemlich fremden Cousin heiraten sollte. "In diesem Moment war ich so geschockt. Ich war doch fast noch ein Kind." Aber hässlich fand Hatice ihren 21-jährigen Cousin auch nicht, sie war nur aufgeregt, weil sie nicht wusste, was auf sie zukam. "Also kam Kemal mit seinen Eltern am nächsten Tag zu Besuch, um die Erlaubnis meines Vaters nach althergebrachter Tradition zu erhalten." Jedoch hat das junge Paar nicht wirklich Zeit, sich richtig kennenzulernen, denn Hatice ist die ganze Zeit, während ihre Väter sich im Wohnzimmer unterhalten, in der Küche beschäftigt und muss den traditionellen türkischen Mokka zubereiten.

Die Zubereitung ist nicht sonderlich schwierig. Zuerst wird heißes Wasser mit Zucker zum Kochen gebracht, dann kommt das Kaffeepulver in den Topf, und alles wird zweimal aufgekocht. Zum Schluss wird der Schaum abgeschöpft und wenn man es mag, zusätzlich mit Kardamom oder Zimt gewürzt. Meine Mutter sagte, ich müsse in die Tasse Kemals statt Zucker Salz hineintun. In einer Zeremonie servierte ich den Gästen den frischen Kaffee." Der "Salzkaffee" ist ein alter türkischer Brauch, um die wahren Absichten des Bräutigams zu erkennen. Wenn er seine Zukünftige wirklich liebt und ernsthaft Interesse an ihr hat, trinkt er den Kaffee, ohne mit der Wimper zu zucken. Kemal trank die scheußliche Brühe, ohne sich irgendetwas anmerken zu lassen.

"Obwohl die bevorstehende Ehe nicht unsere Entscheidung war, sondern die unserer Familien, hatte ich mich nicht geweigert, ihn zu heiraten. Ich weiß nicht, ob es wegen dieses seltsamen Gefühls von Stolz in mir war oder einfach nur aus Respekt und Gehorsam gegenüber meinem Vater." Es ist in türkischen Familien üblich, dass die Eltern alles für ihre Kinder entscheiden und die Kinder kein Recht haben, den Eltern - insbesondere dem Vater - zu widersprechen. Und so machte es Hatice.

Der große Tag war gekommen, Die Vorbereitungen für das Fest liefen auf Hochtouren, kochen, putzen, dekorieren. Alle im Dorf halfen mit und packten mit an. "Ich war 16 und wusste nicht einmal, wie ich mich als Braut vorbereiten muss, aber zum Glück sprachen die Frauen aus den Familien und der Nachbarschaft mit mir und klärten mich auf... auch über die Hochzeitsnacht."

Hatice und Kemal heirateten, und es wurde die ganze Nacht durchgefeiert. Sie war eine hübsche Braut, traditionell trug sie ein weißes Brautkleid mit einem roten Seidenband um die Taille und einem Schleier als Zeichen ihrer Jungfräulichkeit. Nach neun Monaten bekam sie ihr erstes Kind, ihre Tochter Sezen, und drei Jahre später dann ihre zweite Tochter Suzan. "Ich weiß nicht, wie ich dieses Gefühl beschreiben kann, einerseits war ich so glücklich, andererseits sehr traurig, denn meine beiden Kinder waren geistig und körperlich behindert." Arrangierte Ehen unter Familienmitgliedern sind eine Tradition in asiatischen Ländern, aber es war dem Paar nicht bekannt, dass Kinder aus einer engen verwandtschaftlichen Beziehung schwer krank oder behindert zur Welt kommen können.

Weil die noch junge Mutter nicht gleichzeitig auf die beiden kranken Töchter aufpassen konnte, hat sie die Erstgeborene ihrer Nachbarin zur Pflege gegeben. Nach fünf Jahren, als sie ihre Tochter zurückhaben wollte, wollte die Nachbarin sie aber nicht herausgeben. Sie hatte Sezen schon seit Jahren betreut und konnte sich nicht von ihr trennen.

"Ich wusste nicht, was ich tun sollte, schließlich habe ich meine Tochter aufgeben müssen." Sezen lebte jedoch nicht mehr lange, sie starb im Alter von 14 Jahren. Hatice war verzweifelt, denn sie hatte aufgrund des Todes ihrer Tochter Schuldgefühle. "Ich dachte, mein Leben hat keinen Sinn mehr, für meinen Mann und meine andere Tochter musste ich mich jedoch zusammenreißen und stark sein." Hatice verließ mit ihrem Mann Kemal und ihrer Tochter Suzan die Türkei und zog nach Rijssen, weil dort schon Freunde wohnten und ihr Ehemann eine Arbeit fand. Heute führt Familie Tascin ein zufriedenes und einfaches Leben. In ihrem Leben hat Hatice eines gelernt, dass man, egal was passiert, niemals die Hoffnung und den Lebensmut aufgeben sollte.

Informationen zum Beitrag

Titel
Heiraten aus Stolz oder Gehorsam
Autor
Carla Jager, Helin Karakoc
Schule
Werner-von-Siemens-Gymnasium , Gronau
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.05.2015, Nr. 113, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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