Links laufen, wenn die Trommel bumms macht

Am Anfang wurden sie müde belächelt. Aber was die Männer können, das können sie auch - davon sind die 70 Schützenschwestern des Vereins Grinkenschmidt im Münsterland überzeugt. Wer den zehn Meter hohen Holzvogel erwischt, der wird Schützenkönigin. Das ist allerdings ein teures Vergnügen.

Abteiluuuuuuung . . . stillgestanden!", schallt es über den Schützenplatz des Schützenvereins Grinkenschmidt in Altenberge, einem Dorf im Münsterland. Schon stehen die 70 Schützenschwestern in weißer Hose, weißer Bluse und blauem Blazer paarweise in Reih und Glied hinter dem Spielmannszug und den Fahnenschlägern. Sie machen sich bereit, das amtierende Königspaar sowie den Holzvogel von einem benachbarten Hof abzuholen. Zurück am Festzelt schießen die Schützenschwestern dann um die Königsehre.

Das Schießen auf den etwa 40 mal 40 Zentimeter großen, bunten Holzvogel zieht sich oft über Stunden. Immer wieder treten junge Frauen an das fest verankerte Gewehr und setzen zum Schuss auf den Holzvogel in zehn Meter Höhe an. Frauen, Männer und Kinder stehen in einem Halbkreis hinter dem Absperrgitter und schauen zu. Einige halten sich sogar die Ohren zu. Der Wettbewerb ist für die Altenberger und Leute aus der Umgebung eine willkommene Gelegenheit zu Gesprächen mit Nachbarn und Bekannten. "Da steht Jung bei Alt, Cliquenbildung gibt es fast nicht", berichtet die Vorsitzende Sandra Lammers zufrieden.

Der Begriff Schützenverein beschrieb im Mittelalter eine reine Selbstschutzgemeinschaft, die in Kriegszeiten sowohl bei Überfällen und Bränden als auch bei Seuchen und Krankheiten den anderen Mitgliedern zur Seite stand. Diese Aufgaben nahmen in erster Linie Männer wahr.

Der im Jahr 2000 gegründete Verein "Altenberger Frauenschützen 2000 e. V." hat rund 150 Mitglieder, die Beteiligung steigt seitdem stetig, sagt die erste Schriftführerin der Frauenschützen, Hanna Dertwinkel. Besonders jüngere Frauen interessieren sich für eine Mitgliedschaft. "Man kann selber aktiv mitarbeiten, mitbewegen und den Verein repräsentieren", schwärmt die 26-Jährige stolz von der Arbeit im Vorstand. Organisationstalent sei für die großen Veranstaltungen wichtig. "Nach dem Schützenfest ist vor dem Schützenfest", pflegt Sandra Lammers deshalb zu sagen. Auf der "Checkliste" gibt es die Kategorien langfristig, mittelfristig und kurzfristig. Zu langfristig gehört beispielsweise das Buchen der Musik, einer Thekenmannschaft und eines Imbisswagens. Denn die Verpflegung darf bei einem gelungenen Schützenfest in keinem Fall fehlen.

Bei der jüngsten Generalversammlung wurde das Eintrittsmindestalter von 18 auf 16 Jahre herabgesenkt. "Bei der Party wären sie sowieso dabei. Weshalb also nicht die vielen Stunden davor?", begründet Dertwinkel die Entscheidung. Die Männervereine aus Altenberge bildeten hierfür das Vorbild. Geschossen werden darf aber erst mit Beginn der Volljährigkeit. Zwar ist das keine gesetzlich vorgeschriebene Regelung, dennoch hält der Verein sie für notwendig.

Der Frauenschützenverein hatte es nicht leicht, sich zwischen den vier örtlichen Männerschützenvereinen zu behaupten. "Am Anfang wurden wir eher müde belächelt", erinnert sich Sandra Lammers. "Mittlerweile wird unser Verein anerkannt. Wir bekommen sogar viel Unterstützung von den Männern", berichtet die 37-Jährige. Obwohl die Frauen, besonders bei körperlich anstrengenden Arbeiten, nach wie vor auf die Hilfe der Männer angewiesen sind, ist die dunkelhaarige Frau davon überzeugt, dass auch ein Frauenschützenverein zur Emanzipation beiträgt. Für sie gilt das Motto: "Was die Männer können, das können wir auch!" Das sei ähnlich wie mit den Berufen, denn nicht nur Männer könnten Maurer oder Tischler werden.

Die Ehre, an einem Schützenfest eine Krone auf dem Kopf zu tragen, verlangt nicht nur ein geschicktes Händchen beim Schießen, sondern auch ein gutgefülltes Portmonnaie. "Rund 500 Euro muss man für den Abend auf dem Zelt und für die weiteren Veranstaltungen, die im Laufe des Jahres auf das Königspaar zukommen, einplanen", sagt Anna Erfmann, Schützenkönigin des Jahres 2012. Fällt dann der finale Schuss und somit auch der Vogel, ist die Freude groß. "Uhlala, wir haben eine Königin, uhlala 'ne Köngin wunderbar!", singen die Zuschauer, während sie ihre Schützenschwester hochleben lassen. Kinder klettern aufgeregt über den Absperrzaun, um den Kopf oder einen Flügel des Vogels zu ergattern. "Bis zu meinem ersten Schuss wusste ich noch gar nicht, ob ich Königin werden wollte", sagt die 22-Jährige, "aber als der Vogel dann unten war, war es ein Wahnsinnsgefühl." Trotz der großen Freude gibt es ab diesem Moment eine ganze Menge zu organisieren: "Von jetzt auf gleich muss man sich mit Fragen auseinander setzen, wie zum Beispiel: Wie viele Gäste lade ich ein? Und wen überhaupt? Was soll getanzt werden? Walzer oder Discofox? Welches Kleid ziehe ich an?", erinnert sie sich und lacht beim Gedanken an den Stress. Zuerst müssen sich für den Abend allerdings noch Ehrenpaare und ein König finden lassen. Das stellte für die großgewachsene junge Dame kein Problem dar, da ihr Freund ihren Entschluss, Königin zu werden, begeistert unterstützte.

Um 19 Uhr geleiten die Schützenschwestern die Königin in einer langen Prozession zum Festzelt. Die Königin trägt meist ein langes Kleid, die schwere Königinnenkette, an der gravierte Plaketten der Vorgängerinnen baumeln, und eine silberfarbene Krone. Ihnen voraus ziehen der Spielmannszug, Fahnenträger und Fahnenschläger. "Du musst immer mit links laufen, wenn die große Trommel bumms macht", erklärt ein kleiner Junge seinem Vater, der das Geschehen vom Wegrand betrachtet, und stampft mit seinem Gummistiefel in eine Pfütze. Zu Ehren des Königspaars führen die Fahnenschläger den Fahnenschlag auf. Es ist faszinierend anzusehen, auf wie viele verschiedene Weisen es möglich ist, die kopfkissengroßen, blau-weißen Fahnen durch die Luft zu wirbeln. Aufmerksam verfolgen die Zuschauer die Vorführung der neun jungen Frauen zur Musik.

Dann eröffnet Katharina Nordhoff, die den Posten des Hauptmanns hat, die Zeltparty: "Schützenschwestern! Weggetreten zum Feiern!" Auf dem Schützenplatz haben sich Freunde und Familie des Königspaars, das Vorjahreskönigspaar und vier Schützenvereine aus Altenberge und der Frauenschützenverein aus dem benachbarten Nordwalde eingefunden. Sie warten in einer langen Schlange auf ihren Einmarsch, um der neuen Königin zu gratulieren. Wenn alle am Thron Platz genommen haben, wird die Tanzfläche mit Ehrentänzen eröffnet und bis zum Morgengrauen gefeiert. "Auch wenn die Königinnenkette immer schwerer wurde und ich erst um vier Uhr in der Nacht realisiert hatte, dass all dies wirklich geschehen war, war es ein wunderbares Erlebnis", schwärmt die ehemalige Königin.

Informationen zum Beitrag

Titel
Links laufen, wenn die Trommel bumms macht
Autor
Wiebke Eierhoff
Schule
Marienschule , Münster
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.05.2015, Nr. 119, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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