Mehr man selbst sein

Ich bin eher ein Landei", sagt Lisa Preut lächelnd. Die 20-Jährige ist wegen ihres Studiums der Agrarwissenschaften nach Göttingen gezogen. "Und ich kann mir sehr gut vorstellen, wieder aufs Land zu ziehen. Es ist einfach ruhiger." Zuvor hat sie 19 Jahre in Friesoythe, einer Kleinstadt mit 20 000 Einwohnern im Nordwesten Niedersachsens, gewohnt. Sie ist dort zum Kindergarten und zur Schule gegangen. "Im Moment fühle ich mich noch zu Hause wohler, weil meine Familie und Freunde in Friesoythe leben. Friesoythe ist für mich noch vertrauter", sagt die zierliche dunkelblonde Frau. Durch ihren Umzug haben sich einige Dinge verändert, zum Beispiel die Selbständigkeit und die Unabhängigkeit. "Ich muss jetzt selber einkaufen und putzen. Dafür kann ich aber selber entscheiden, wann ich das tue", sagt Lisa. "Beim Einkaufen beispielsweise kann man die Anonymität der Großstädte gut erkennen. Während man in Friesoythe manchmal Bekannte trifft, mit denen man sich unterhalten kann, ist das in der Innenstadt in Göttingen anders." Die Anonymität sei ein Vorteil des Großstadtlebens. "Im Grunde genommen kannst du machen, was du willst, denn am nächsten Morgen bist du nicht das Gesprächsthema der Stadt."

Sie hat schon einige neue Leute in Göttingen kennengelernt. Zusammen gehen sie zu den legendären Agrarpartys, in eine Kneipe mit typischer Irish-Pub-Atmosphäre oder frühstücken gemeinsam. Lisa wohnt einen Kilometer von der Universität entfernt in einer Ein-Zimmer-Wohnung. "Sie ist zwar klein, aber gemütlich." Das Glück, eine Wohnung zu finden, hatten nicht alle Studenten. So gab es vorübergehend Zeltdörfer. "Durch die kleine Wohnung ist auch mein Sortiment an Küchengeräten klein. Ich habe mir mal eine Dose Ravioli gekauft, dachte allerdings nicht daran, dass ich keinen Dosenöffner habe. Da öffnete ich die Dose mit einem Hammer und einem Nagel. Man muss sich ja zu helfen wissen. Zu Hause hatten wir immer alles da."

Sie findet es gut, dass in einer Großstadt alles enger zusammenliegt. "Es sind kurze Wege, und ich kann alles mit dem Fahrrad erreichen. Am Anfang habe ich mich ein paarmal verlaufen. Da lief und fuhr ich dann mit meinem Handy und Google-Maps durch die Gegend. Ich hatte noch nie einen guten Orientierungssinn", sagt sie grinsend.

Auch Elke Ortmann ist von Friesoythe in die Großstadt gezogen. "Durch das Studium und das Referendariat kam ich in die Großstadt und bin letztlich auch der Liebe wegen dort geblieben", sagt die 42-jährige Grundschullehrerin lächelnd. Sie wohnt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Köln. "In der Großstadt fühle ich mich freier und unbeobachteter. Hier kann man ein bisschen mehr man selbst sein, ohne dass die Nachbarn mauscheln, warum im Vorgarten noch immer Unkraut steht oder warum das zweite Mal hintereinander nicht in die Kirche gegangen worden ist."

Elke Ortmann lebt seit 23 Jahren nicht mehr auf dem Land. Als sie einmal beim Einwohnermeldeamt ihren Personalausweis zeigen musste, hat die Dame aufgrund der Schreibweise gefragt, ob Friesoythe in Dänemark liegt. "Das war sehr lustig", amüsiert sich die Lehrerin. "Ich weiß die Vorteile der Großstadt zu schätzen, beispielsweise die Arbeitsmöglichkeiten, das kulturelle Angebot an Theatern, Kinos und Konzerten oder auch das öffentliche Verkehrsnetz."

Durch die multikulturelle Umgebung mit Menschen aus vielen unterschiedlichen Nationen sei eine erhöhte Toleranz vor allem auch bei Kindern vorhanden. "Auch die Angebote, um Hobbys nachzugehen, sind groß, zum Beispiel Sportstätten oder Musikschulen für Kinder. Zudem gibt es eine breite Auswahl an Schulen, meistens mit Mittagsbetreuung. Solche positiven Dinge erleichtern einem die Entscheidung, in der Stadt zu bleiben." Die Kinder würden früh mit Kriminalität und Armut auf den Straßen konfrontiert werden, was ein Nachteil des Großstadtlebens sei. Dennoch lernten sie, damit umzugehen. Aber die große Entfernung zur Familie und Verwandten in der Heimat bedauert Elke Ortmann. Es bestehe auch kein direkter Kontakt mit den Menschen in der Nachbarschaft, wie es in der Kleinstadt meistens üblich ist. Aber vieles könne durch Freunde ausgeglichen werden. "Ich lebe gerne in Köln. Ach ja, und Karneval ist natürlich auch jedes Jahr super", sagt sie augenzwinkernd. "Auch deshalb ist ein Rückzug aufs Land für mich ausgeschlossen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Mehr man selbst sein
Autor
Hanna Preut
Schule
Albertus-Magnus-Gymnasium , Friesoythe
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.05.2015, Nr. 119, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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