Nachts bewachen die Burschen den Maibaum

Gelächter, die Stimmen überschlagen sich. Zigarettenschachteln und leere Pizzakartons auf den Tischen, drum herum eine riesige Sofalandschaft. Lichterketten an der Decke, alte, braune Fliesen. Auf Fremde wirkt der Raum im ehemaligen Kühlhaus des Dorfes hinter der Kirche etwas chaotisch, für die, die sich regelmäßig hier treffen, ist es ein Ort zum Wohlfühlen. An der Wand hängt ein Banner mit der Aufschrift "Fichterburschen Dampfach".

Die Fichterburschen, das ist ein Verein der Dorfjugend aus Dampfach, einem Dörfchen im Landkreis Haßberge in Unterfranken. Der Name leitet sich her vom Aufstellen der Fichten bei Veranstaltungen durch die Burschen des Dorfes. Ziel des Vereins ist es, den Zusammenhalt der Jugend zu stärken, die Mitglieder sind allerdings zwischen 16 und 30 Jahre alt. "Der Altersunterschied ist überhaupt kein Problem für uns, genauso wenig wird nach Geschlechtern unterschieden", erklärt Jasmin Döll, eine der Vorsitzenden stolz. Schon die Eltern waren Mitglieder. So kommt es eben vor, dass jeder noch jeden kennt, und das über Generationen hinweg.

Die 40 Mitglieder sind zufrieden mit Jasmin Döll, die von ihren Mädels liebevoll "Fichtermodder" genannt wird. "Das Besondere ist, dass die Fichterburschen fast ausschließlich aus Ortsbewohnern bestehen und sich jeder mit jedem gut versteht. Außerdem ist es nicht selbstverständlich, dass sich die Jugend noch so ins Dorfleben einbringt", sagt die 22-Jährige. Wer das 16. Lebensjahr erreicht hat, wird von der "Fichtermodder", der Vorsitzenden der Mädels, oder dem "Fichtervodder", dem Vorsitzenden der Männer, gefragt, ob er eintreten will. Die Neulinge werden an der jährlichen Kirchweih eingeweiht, die Jungen müssen eine Einweihungsprüfung absolvieren, die für Außenstehende geheim bleiben muss. Außerdem übernehmen die Fichterburschen einige Aufgaben, die traditionsgemäß jährlich durchgeführt werden. Dabei handelt es sich beispielsweise um das Holen und Schmücken der Bäume für die Kirchweih, Vorbereitungen von Hochzeiten oder die Gestaltung des Maifests. Die Männer übernehmen das Baumfällen, während die Mädels gut gelaunt die sogenannten Fähnli herstellen. Das Maifest findet mitten auf der Dorfwiese statt. "Um das Wasser, den Strom, die Verkaufsstände und das ganze Drumherum müssen wir uns selber kümmern. Wenn alle mithelfen, schaffen wir den kompletten Aufbau in zwei Tagen", sagt Christoph Persch, einer der Fichterburschen, selbstbewusst. Verkauft werden Steaks, Würste und Pommes. Nachmittags gibt es Kaffee und selbst gebackenen Kuchen. Der Höhepunkt beginnt, wenn die Männer mit dem Maibaum auf den Schultern die Dorfstraße herablaufen. Der Maibaum wird traditionell mit Holzstämmen aufgestellt. Nachts wird der Baum von den jüngeren Mitgliedern des Vereins bewacht, denn es ist üblich, den Baum der Nachbardörfer zu zersägen und zu klauen. "Eingekauft wird nach Erfahrung, außerdem ist es wetterabhängig, wie viel gekauft wird", sagt Antonia Riedlmeier, die dem Einkaufsteam vorsteht.

Die Fichterburschen finanzieren sich aus den Einnahmen der Veranstaltungen und den Jahresbeiträgen. "Bei uns ist immer super Stimmung, außerdem kann sich bei uns jeder einbringen, wie er es will", sagt Jasmin Döll. Um alles zu organisieren und abzusprechen, gibt es viermal jährlich eine Versammlung im Jugendraum, "der Hüttn". Dort werden auch das jährliche Dartturnier oder die Silvesterparty ausgerichtet. "Die Versammlungen sind manchmal etwas chaotisch. Da kann eine Abstimmung schon mal eine Stunde dauern", gibt die Vorsitzende schmunzelnd zu. Sie ist seit sieben Jahren dabei.

Vor allem, wenn der Jahresausflug ansteht, haben alle Mitglieder viele Ideen. Auch am Wochenende sitzt die Dampfacher Jugend beieinander. Da hat jeder so seine Eigenheiten. Die einen hört man schon von weitem, das sind die Wortführer, andere unterhalten sich still in einer Sitzecke über ihre Kinder. Die Frauen suchen das Gespräch, eine Gruppe von Männern zieht die Unterhaltung vor dem Fernseher vor. "Für die Fichterburschen ist eben jeder so, wie er ist, und das ist auch gut so", erklärt die Fichtermutter.

Informationen zum Beitrag

Titel
Nachts bewachen die Burschen den Maibaum
Autor
Elisa Werner
Schule
Regiomontanus-Gymnasium , Haßfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.05.2015, Nr. 119, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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