Zuhören und genau sein

Schusswechsel, Verfolgungsfahrten, täglich neue Leichen. Das ist Berufsalltag in der Serie "CSI: Miami". Für Richard Thiess, den Leiter der fünften Mordkommission im Münchner Polizeipräsidium, ist so etwas "total unrealistisch und nur zur Unterhaltung gedacht". Der 57-jährige Erste Kriminalhauptkommissar sagt von sich, dass es vor allem auf das Zuhören, Reden, Beobachten, Wahrnehmen, Verstellen und den feinfühligen Umgang mit Leuten ankommt. Darüber hat der große, kräftige Mann ein Buch geschrieben: "Mordkommission: Wenn das Grauen zum Alltag wird".

Nach der Meldung eines Mordes rückt er mit einem Kollegen aus, sichert den Tatort und fängt mit der Zeugenbefragung an. Parallel werden Maßnahmen für die Spurensicherung getroffen. Daraufhin werden die Angehörigen informiert, "was weiß Gott keine leichte Aufgabe" sei. Denn "wie soll man", so Thiess, der verheiratet ist und Kinder hat, "den Eltern eines kleinen Mädchens erklären, dass ihre Tochter auf dem Weg nach Hause ermordet wurde"? Selbstverständlich teilt man eine Todesnachricht in einem persönlichen Gespräch mit. Allerdings lerne man mit der Zeit, Distanz zu halte um professioneller arbeiten zu können. Hassgefühle für den Täter zu entwickeln, sei schlecht, da damit keine objektive Sichtweise auf das Geschehen gegeben ist, was sich negativ auf das Verfahren auswirken kann. Werden dabei nämlich legale Grenzen überschritten, kann es auch zum Verwertungsverbot führen.

Der nächste Schritt eines Ermittlungsvorgangs sind die Vernehmungen von Angehörigen, Freunden, Zeugen und Beteiligten. Meist ist dies nur ein kleiner Kreis von in Frage kommenden Leuten, oft ist der Täter im engsten Bekanntenkreis des Opfers zu finden. Thiess berichtet von einem nach banalen Streitigkeiten wild gewordenen Ehemann, der Angst hatte, seine Frau würde ihm die Kinder wegnehmen. Der Mann erstach vor den Augen der drei gemeinsamen Kinder seine Lebensgefährtin. Anschließend legte er auf dem Polizeipräsidium ein Geständnis ab. Laut Thiess sind die Vernehmungen das Wichtigste in seinem Job. Danach treffen erste Ergebnisse aus dem Labor oder der Rechtsmedizin ein. Thiess berichtet von dem Fall der Erstklässlerin Anna, die auf einer Schultoilette fast zu Tode gewürgt und missbraucht wurde. Am Tatort konnten DNA-Spuren gesichert werden, anhand derer der Täter überführt werden konnte. Diese Arbeit kann mehrere Monate in Anspruch nehmen, wenn etwa Lackreste einem Auto zugeordnet werden müssen. "Überhaupt gibt es das Labor gar nicht wirklich. Das Institut für Rechtsmedizin hat nichts mit der Polizei zu tun. Die Universität, also eine externe Stelle, wird von der Polizei beauftragt, Obduktionen oder DNA-Analysen durchzuführen, die alle anonymisiert werden."

Wurde ein Beschuldigter gefunden, wird er dem Ermittlungsrichter vorgeführt. Nun werden vom Büro aus weitere Ermittlungen geführt und alle Alibis überprüft. "Das dauert dann so um die fünf Monate." Erst dann kann ein Fall abgeschlossen werden. So ist auch der Job eines Mordkommissars überwiegend ein Bürojob. Thiess hat noch keine Schießerei miterlebt. "Natürlich sollen wir außerhalb des Büros immer zu zweit sein, aber lebensgefährlich war es für mich bisher noch nicht."

Informationen zum Beitrag

Titel
Zuhören und genau sein
Autor
Franziska Wellisch Wilhelm-Hausenstein-Gymnasium, München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.01.2011, Nr. 15, S. N6
Projekt
Jugend schreibt

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