Forderndes Ferienlager

Man ist wie die Feuerwehr, mal hier und mal da, Hauptsache ist, bei den Arbeitern zu sein", sagt Franziska Gehrer lächelnd. Die 27-jährige, braunhaarige, sportliche Frau leitet seit drei Jahren den Spargelhof ihrer Eltern in Durmersheim, Landkreis Rastatt in Baden-Württemberg, und genießt die Abwechslung in ihrem Beruf. Übernommen hat sie das Unternehmen 2012, nachdem sie zwei Jahre in dem Familienbetrieb angestellt war. Zuerst waren ihre Eltern streng dagegen, "weil sie wussten, wie anstrengend und zeitaufwendig das Ganze ist und welche Kompromisse man eingehen muss". Dennoch hat sich die junge Frau durchgesetzt. Welche Verantwortung auf sie zukommen würde, ahnte sie. Aber den Betrieb aufzugeben, als ihre Eltern in Rente gingen, sei keine Option für sie gewesen. "Daran hängen zu viel Herzblut und Erinnerung an meine Kindheit", sagt Franziska Gehrer. Während ihrer Schulzeit verbrachte sie ein Jahr in England, hat ein Studium in International Management und mehrere Auslandsaufenthalte hinter sich. Ihr standen viele Türen und Karrieremöglichkeiten offen, trotzdem entschied sie sich für den Beruf der Bäuerin. War das die richtige Entscheidung? Die Verantwortung, die sie an erster Stelle gegenüber sich selbst, ihren Eltern und Großeltern habe, empfindet sie auch für 120 rumänische Saisonarbeiter. Viele von ihnen kommen seit mehr als elf Jahren auf den Hof. Sie haben dort eine Unterkunft, einen Kiosk und bekommen drei Mahlzeiten am Tag. "Es ist wie ein großes Ferienlager", sagt die Unternehmerin über die zwei Monate in der Spargelsaison. Sie ist nicht nur Arbeitgeberin der Saisonarbeiter, sondern auch Ansprechpartnerin bei Heimweh, Eheproblemen und Familiendramen.

Franziska Gehrer fährt jedes Spätjahr in sechs Städte nach Rumänien, um "ihre Jungs" zu besuchen. Sogar der rumänischen Sprache ist sie mächtig, um sich vernünftig austauschen zu können. Allerdings ergeht es den Rumänen in ihrem Heimatland ganz anders als in den drei Monaten, in denen sie auf dem Hof leben. Sie kämen aus Verhältnissen, die man sich nicht vorstellen könne, sagt Gehrer, die während der Saison mit den Hilfsarbeitern auch Arztbesuche macht. Zahnpflege oder fließendes Wasser sind Dinge, an denen es vielen der Arbeiter in Rumänien mangelt.

Heimatgefühle kommen auf, wenn alle Rumänen gemeinsam am Mittagstisch sitzen und von einem rumänischen Ehepaar bekocht werden. Doch nach einer kurzen Zeit der Ruhe ruft schon wieder die körperliche Arbeit auf dem Feld. Den Familienbetrieb gibt es seit 1955, angefangen hat alles mit zwei Hektar Erdbeeren und 18 Hektar Roggen. Spargel wird seit 13 Jahren angebaut. Die Anbaufläche hat sich nach der Geschäftsübernahme durch Franziska Gehrer noch mal um zehn Hektar auf vierzig Hektar grünen und weißen Spargel vergrößert.

Nach ihrem Studium im Ausland und einem sechsmonatigen Praktikum bei einer Firma habe sie schnell gemerkt, dass sie eigene Entscheidungen treffen möchte und es ihr wichtig ist, den Tag selbst zu strukturieren. Infolgedessen hat sie sich für die Selbstständigkeit entschieden. Seit 2012 hat sich viel getan auf dem Spargelhof. Im Jahr der Geschäftsübernahme hat Franziska Gehrer ihr eigenes Restaurant Besenart auf dem Hof eröffnet. In der Gastronomie kennt sie sich nicht aus, geht aber gerne essen und hat Freunde, Kollegen und vor allem ihre Eltern, die sie unterstützen und bei Fragen zur Verfügung stehen.

Kurz vor der Spargelsaison muss sich die Unternehmerin um die Logistik kümmern. Der Arbeitstag beginnt für sie zwischen vier und fünf Uhr morgens und endet zwischen Mitternacht und ein Uhr nachts. "In der Hauptsaison läuft das Ganze schon anders ab", sagt sie. Da habe sie einen geregelten Tagesablauf von acht Uhr morgens bis 17 Uhr. Ob sie den Saisonarbeitern beim Spargel stechen über die Schulter schaut oder ob sie im Hofladen beim Verkauf hilft, das ist ihr selbst überlassen. "Jeder Tag ist anders, und das ist das Schöne daran." Was in der Zukunft alles passieren wird, weiß die junge Unternehmerin nicht, da man sich immer an die Marktsituation anpassen muss, Pläne und neue Ideen habe sie aber immer.

Informationen zum Beitrag

Titel
Forderndes Ferienlager
Autor
Annika Weber
Schule
Wilhelm-Hausenstein-Gymnasium , Durmersheim
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.06.2015, Nr. 124, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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