Hartes Buckeln ohne Murren

Die Mittagssonne prallt vom Himmel, und der Schweiß rinnt ihnen über die Stirn. Sie sind zu acht und haben an diesem Samstag schon viel erlebt. Frühmorgens sind sie aufgebrochen und mit dem Auto rund 20 Minuten bis zu einem Bergbauernhof mitten im Vinschgau im Westen Südtirols gefahren, wo sie bereits herzlich erwartet wurden. Nachdem sich die achtköpfige Gruppe, allesamt Mitglieder der Partei der "Jungen Grünen", dort passende Kleidung und Schuhe angezogen hat, besteigt sie - ausgerüstet mit Rechen - den Jeep des Bauern, der sie an ihr Ziel bringt.

"Der Ausblick, der sich uns bot, war atemberaubend, ein saftig grünes Tal erstreckte sich vor unseren Füßen, hohe Berge ragten rings um uns in die Höhe, und die Artenvielfalt machte uns sprachlos", schwärmen die Jungpolitiker später. Doch dies war nur Nebensache. Der eigentliche Grund ihrer Anwesenheit befand sich nämlich hinter ihnen: ein steiler Berghang, auf einer Höhe von ungefähr 1800 Metern, der durch ihre eigene Hand bearbeitet werden soll. Dem Bauern ist es nicht möglich, diese Arbeit allein zu verrichten, da er ohne jegliche maschinelle Hilfsmittel auskommen muss und das betreffende Wiesenstück eine ziemlich große Fläche besitzt. Die acht jungen Leute haben sich dazu entschlossen, an einem Gruppeneinsatz, der von dem Verein "Freiwillige Arbeitseinsätze in Südtirol" regelmäßig organisiert wird, teilzunehmen, um nicht nur den Zusammenhalt zu stärken, sondern auch Bauern zu helfen, die sich in einer Notlage befinden.

Eine dieser Helferinnen ist Johanna Donà, eine 30 Jahre junge Frau mit blonden Haaren, sympathischem, aber entschlossenem Gesicht und großen, lebhaften Augen. Sie berichtet: "Zunächst sind wir, quer über das Feld, den steilen Berghang mit unseren Rechen hinaufgestiegen. Das war ganz schön anstrengend." Nachdem sie an einer Almhütte angekommen sind, machen sie sich daran, den Hang wieder hinunterzusteigen, diesmal jedoch, indem sie das Gras, das der Bauer schon einige Tage zuvor geschnitten hat, damit es durch die Sonne trocknen und zu Heu werden kann, zu einem großen Haufen zusammenrechen. Den ganzen Tag arbeiten sie, und einige von ihnen bekommen einen Sonnenbrand, weil sie die starke Strahlung am Berg unterschätzt haben. Zu Mittag kommt Maria, die Bäuerin, vorbei und bringt ihnen Gulasch mit Knödel, das sie mitten auf dem Feld verspeisen. Johanna nimmt an diesem Projekt teil, um einen Ausgleich zu ihrem Beruf zu haben. "Der Tag mit meinen Freunden beim Gruppeneinsatz war einfach super. Wir haben zusammen Spaß gehabt und gleichzeitig Gutes getan." Am Abend sind zwar alle hundemüde und spüren Muskeln, von denen sie nicht einmal wussten, dass sie existieren, aber sie sind glücklich und fühlen, dass sie etwas geschafft haben.

Die Koordinatorin des organisierenden Vereins ist Monika Thaler. "Oftmals wird die Arbeit, die die Bergbauern leisten, komplett unterschätzt und dadurch auch sehr geringgeschätzt", erklärt sie. "Sie liefern nicht nur die Milch oder das Fleisch, sondern tragen auch dazu bei, dass dem Tourismus in Südtirol große Beliebtheit zukommt, indem sie durch das Mähen der Wiesen und Instandhalten der Wälder dafür sorgen, dass das Landschaftsbild Südtirols das, was es durch die weltweite Werbung verspricht, auch hält."

Wie Johanna Donà begeistert von ihrem Einsatz berichtet, ergeht es vielen Menschen, die an diesem Projekt teilnehmen. Die Zahl der Anfragen nimmt daher monatlich zu. Nachdem es Johanna mehrmals von ihren Arbeitskolleginnen empfohlen wurde und sie zu dieser Zeit keinen festen Freund hatte, beschloss sie, nach dem Gruppeneinsatz auch an einem Einzeleinsatz teilzunehmen, der im Unterschied dazu mindestens eine Woche dauert.

"Der Einsatzort lag 20 Minuten von meiner Heimatstadt Bozen, der Hauptstadt Südtirols, entfernt, und ich befand mich in einer anderen Welt. Einem Flecken Südtirols, den ich nicht kannte." Doch der größte Teil der Freiwilligen stammt gar nicht aus Südtirol selbst, sondern aus Deutschland und Österreich. Viele Menschen erklären sich dazu bereit, in ihrem Urlaub unentgeltlich auf einem Bergbauernhof mitzuarbeiten, deren Besitzer Hilfe dringend benötigen. Johanna hat sich dazu entschieden, eine Woche lang einem Bauern auf seinem Hof zu helfen, der dort mit seinen Eltern lebt, die aufgrund ihres Alters nicht mehr arbeiten können. Um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, der mit dem alleinigen Ertrag durch die Arbeit am Hof nicht aufgebracht werden könnte, leistet er dazu noch Schichtarbeit. Er steht um vier Uhr auf, melkt die Kühe, fährt ins Dorf und arbeitet dort bis 19 Uhr, erledigt dann seine Arbeiten im Stall und legt sich dann schlafen. Dieser Ablauf bestimmt Tag für Tag. "Genau diese Lebensmentalität bewundere ich zutiefst: Das harte Buckeln ohne zu murren, wo sich viele andere eine Scheibe abschneiden könnten", erklärt Johanna beeindruckt. Auch der Umgang mit der zu erledigenden Arbeit hat sie geprägt: Der Stress, den sie sonst am Arbeitsplatz habe, sei größter Ruhe und Gelassenheit gewichen. Angst, nicht rechtzeitig mit etwas fertigzuwerden, habe sie nicht verspürt und sich auch nicht Druck gesetzt. Genau diese Einstellung hat sie auch in ihr "sonstiges, normales Leben mitgenommen", wofür sie dankbar ist.

Unterschiedlichste Menschen entschließen sich zu helfen: Rentner, die ihre frei gewordene Zeit nutzen wollen, um anderen das Leben zu erleichtern, Manager, die einen Ausgleich zu ihrem Bürojob suchen, Naturliebhaber, die möglichst nahe an der Natur leben wollen, Menschen mit dem Wunsch nach einem Erlebnisurlaub oder Menschen mit ausgeprägten Sozialsinn. Auch im Bezug auf das Alter unterscheiden sich die Arbeiter stark voneinander, von 18 bis 75 Jahren sind alle Altersgruppen vertreten. Männer und Frauen halten sich die Waage. Zwar unterscheiden sich alle Freiwilligen ziemlich voneinander, doch ihnen ist eines gemeinsam: Sie alle sind begeistert von diesem Projekt. "Und wie wir so schön zu sagen pflegen: Das Schwerste ist nicht die Arbeit selbst, die anfangs eine ziemlich große Umstellung für jeden bedeutet, sondern der Abschied, den man von dieser Familie, mit der man bis zu drei Monate zusammengelebt hat, nehmen muss, wenn man in den Alltag zurückkehrt", sagt Organisatorin Monika Thaler.

Informationen zum Beitrag

Titel
Hartes Buckeln ohne Murren
Autor
Greta Winkler
Schule
Bischöfliches Institut Vinzentinum , Brixen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.06.2015, Nr. 124, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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