So viel Schmerz und Leid

Während meines Praktikums habe ich in drei Tagen so viel Schmerz und Leid miterlebt", sagt Veronika Zeitter. Die Schülerin des Christoph-Probst-Gymnasiums in München-Gilching absolvierte ein dreitägiges Praktikum in der Obdachlosenhilfe des Klosters Sankt Bonifaz und schrieb ihre Seminararbeit für die Schule über diese Institution. Rein äußerlich unterscheidet sich die 1,70 Meter große 17-Jährige nicht von ihren Altersgenossen: Freundliche blaue Augen schauen aus einem ebenmäßigen Gesicht, das von schulterlangem, naturblondem Haar umrahmt wird. Die Kleidung ist modisch-leger, was auch ein Zeichen für das selbstbewusste Auftreten ist, das sie an den Tag legt. "Wie ich während meiner Zeit bei der Obdachlosenhilfe feststellte, sind viele der Wohnungslosen auf derartige Institutionen angewiesen", sagt Veronika, die Saxofon in einem Orchester spielt, recht gut singen und ein wenig Gitarre spielen kann. "Gerade im Winter sind die Hilfsmöglichkeiten essentiell für ihr Überleben."

Das Haneberghaus in München, in dem die Obdachlosenhilfe des Klosters Sankt Bonifaz untergebracht ist, wurde 2001 eröffnet und hilft ungefähr 200 Obdachlosen täglich bei der Grundversorgung, wie zum Beispiel Essen, Trinken, Waschmöglichkeiten, und bietet auch medizinische Versorgung. Eine weitere Leistung der Organisation ist eine Sozialberatungsstelle, die den Obdachlosen in allen Bereichen, wie etwa der Wohnungsvermittlung, zur Seite steht. Finanziert wird das Projekt durch Spenden und durch die Einnahmen des Klosters. "In meiner Ministrantenzeit lernten wir in Rahmen einer Führung die Obdachlosenhilfe kennen und machten die Bekanntschaft mit einem Ehepaar unserer Gemeinde, die Kleiderspenden für das Projekt sammelten. All dies veranlasste mich zu meinem Praktikum", sagt Veronika. Den ersten der drei Tage verbrachte sie in der Essensausgabe. Arbeitsbeginn war um sieben Uhr fünfzehn, "Im Speisesaal empfing mich ein Geruch von Schweiß, Kaffee und vor allem Alkohol. Überall waren Obdachlose, die ihren fehlenden Schlaf nachholten."

Am zweiten Praktikumstag war sie für die Kleiderausgabe zuständig. Ihr Job war dabei, die kleine, aber volle Kleiderkammer sortiert zu halten und Kleidung an die Bedürftigen auszugeben. "Am meisten gefragt waren Unterwäsche und frische Socken." Auf die Frage hin, was ihr Schwierigkeiten bereitet hätte, sagt sie, mit einem leicht empörten Unterton. "Die meisten Obdachlosen schätzten diese Arbeit gar nicht. Es kam nicht nur einmal vor, dass sie sich über abgenutzte Kleidung beschwerten oder sogar damit unzufrieden waren. Am letzten Tag stand mir wahrscheinlich die härteste Aufgabe bevor: Die Arztpraxis."

An diesem Tag konnte sie den Ärzten bei der medizinischen Versorgung assistieren. Am häufigsten wurden Verbände gewechselt und Wunden an Beinen und Füßen versorgt. "Das schlimmste war wohl, als ein Mann kam, der unter der Achsel ein eigroßes Loch hatte und dieses versorgt werden musste. Hier durfte ich mithelfen und diese mit Wundauflagen abdecken. Aber im Gegensatz zur Kleiderkammer, waren hier die Leute froh über die Behandlung." Für viele Obdachlose ist die Hemmschwelle groß, zu einem normalen Arzt zu gehen, daher sind die meisten froh über die medizinische Versorgung, die nicht einmal eine Krankenversicherung voraussetzt.

Veronika beschäftigte sich im Rahmen der Seminararbeit auch mit der Meinung der Jugendlichen zu diesem Thema und musste enttäuscht feststellen, dass die Jugendlichen sich damit wenig auskennen und dass auch oft Hilfe abgelehnt wird, weilman glaubt, die Obdachlosen seien selbst schuld. Veronikas Umfrage zeigt, dass das Interesse für die Randgruppen unserer Gesellschaft sehr schwach ausgeprägt ist. In der Rückschau sagt Veronika: "Während meines Praktikums habe ich auch viel Mitgefühl, viel Wärme, viel Herzlichkeit und viel Hilfe erlebt. Menschen die ehrenamtlich ihren benachteiligten Mitmenschen helfen, um ihnen das Leben erträglicher zu gestalten. Das gibt einem Hoffnung."

Informationen zum Beitrag

Titel
So viel Schmerz und Leid
Autor
Julian Albertshofer Elsa-Brändström-Gymnasium, München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.01.2011, Nr. 15, S. N6
Projekt
Jugend schreibt

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