Niemand wird Insasse genannt

Therapien und Besteckkontrolle: In der Forensischen Psychiatrie bekommen die Straffälligen die Chance auf ein neues Leben.

Ein großes Gebäude mit Innenhof, Sporthalle und eigenem Kiosk. Auf den ersten Blick betrachtet wirkt die Forensische Psychiatrie in Klingenmünster wie eine Schule. Weder vergitterte Fenster noch hohe Stacheldrahtzäune erwecken den Eindruck von Gefangenschaft der etwa 180 Patienten, die sich aufgrund eines Gerichtsurteils oder -beschlusses hier befinden. Jeder Patient dieser Klinik ist straffällig geworden, entweder als Folge einer Suchterkrankung oder einer psychischen Erkrankung, wie etwa Schizophrenie, wahnhafte Störungen, narzisstische Störungen oder dem Borderline-Syndrom. Diese Menschen sind oft nicht zurechnungsfähig und damit auch nicht voll schuldfähig. Da sie aber ernsthaft gefährlich sein können, werden sie hier von Ärzten und Psychologen therapiert und erst nach erfolgreicher Therapie entlassen. "Niemand hier sitzt ein paar Jahre ab und geht dann unverändert zurück ins Leben", erklärt Michael Noetzel, der Leiter der Klinik.

Durch die Zimmertüren der Patienten, die im Schnitt 34 Jahre alt sind, dringen Geräusche von Fernsehern und Radios, und in den bunt gestrichenen Gemeinschaftsräumen sitzen einige Männer zusammen, trinken Kaffee und diskutieren über Fußball. Die doppelt verglasten Fenster und die Sicherheitstüren zu den Stationen, durch die man nur mit bestimmten Chips und Codes gelangen kann, zeigen jedoch deutlich, dass es sich hier nicht um normale Männer handelt. In einem Raum, direkt neben dem Gemeinschaftsraum und der Stationsküche, steht ein an den Boden gekettetes Bett, an das ein Patient mit Handschellen und Fußfesseln gefesselt werden kann. "Diesen Raum brauchen wir immer dann, wenn einer der Patienten ausflippt und sich nicht mehr beruhigen kann. Dann muss er eine Weile hier bleiben", sagt der große grauhaarige Chefarzt.

"Ähm, Doktor?", spricht ein Mann in Jogginghosen und Fußballtrikot Nötzel an, "Haben Sie sich's schon überlegt? Wegen meiner Verlegung. Ich hatte eine beantragt letzte Woche. Und er auch", er deutet auf einen Mann, der hinter ihm steht. "Wissen Sie schon was? Wir dachten wir könnten vielleicht auf Station 3 hochrücken, ginge das?" Die Psychiatrie ist in sechzehn Stationen unterteilt, acht für suchtkranke Patienten und acht für psychisch Kranke. Alle Patienten beginnen auf der jeweils ersten Station und können erst auf der letzten entlassen werden. Somit haben sie immer kleine Ziele vor Augen und können belohnt werden, wenn sie in der Therapie mitarbeiten und vorankommen. "Ich weiß nicht, ob Sie schon so weit sind. Ich werde nachsehen und Ihnen Bescheid geben, sobald wir entschieden haben", antwortet der Arzt.

Je höher die Stufe, auf der sie sich befinden, desto größer sind auch die Freiheiten der Patienten. Sobald sie bewiesen haben, dass sie gesellschaftsfähig sind, dürfen sie mit Pflegepersonal Ausflüge in das Dorf machen, später sogar allein. Trotzdem gelten auch diese Patienten noch als Gefahr. "Sobald einer von ihnen auch nur eine Viertelstunde zu spät zurückkommt, rufen wir die Polizei. Außerdem sind wir auch intern manchmal auf ihre Hilfe angewiesen, wenn aggressive Patienten randalieren."

Für die Bevölkerung, vor allem diejenigen, die in der Umgebung der Klinik leben, ist es wichtig zu wissen, dass sie von denjenigen Patienten, die sich frei im Ort bewegen dürfen, nichts zu befürchten haben. Oftmals fordern die Anwohner in der Nähe der Klinik härtere Sicherheitsmaßnahmen. "Dabei geht es nicht wirklich um die Sicherheit hier, die ist gegeben", sagt Noetzel. "Es geht darum, dass man die Sicherheit von außen sehen soll. Am besten zehn Meter hohe Stacheldrahtzäune um das ganze Gelände und Polizisten, die davorstehen und Wache halten. Aber wie viel Prozent der Menschen hier brauchen diese Zäune? Fünf, vielleicht zehn? Und diese Menschen haben Zäune. Nur ein kleiner Bereich ist eingezäunt, aber doch nicht jeder Winkel. Niemand kann den Weg in die Normalität zurückfinden, wenn er dabei behandelt wird wie ein Schwerverbrecher."

Außer den Gruppen- und Einzeltherapien, die für alle verpflichtend sind, beschäftigen sich die Patienten vor allem mit Sport, mit Kochen in verschiedenen Kochgruppen und Werkarbeiten in klinikeigenen Werkstätten. In einem Regal einer Werkstatt stehen selbstgebaute, bunt bemalte Vogelhäuser, in einem anderen getöpferte Tiere oder geschnitzte Wappen der Lieblingsfußballmannschaft. "Früher, als Einrichtungen wie diese noch als Irrenanstalten bezeichnet wurden, war die hauptsächliche Aufgabe des Personals, gefährliche Menschen zu sichern, um die Allgemeinheit zu schützen, das Therapieren war eher zweitrangig. Heute wird großer Wert darauf gelegt, jeden Patienten individuell zu heilen und zu rehabilitieren, so dass er sicher wieder entlassen werden kann", erklärt Noetzel. Für dieses System spreche vor allem die niedrige Rückfallquote der psychisch Kranken, die nur bei etwa fünf Prozent liege. In einem anderen Teil des Gebäudes liegt die interne Schule der Psychiatrie, in der die Patienten, von denen viele keinen Schulabschluss haben, diesen nachholen können. Die Wände des Klassenraumes sind hellgelb gestrichen. Auf einem Zettel auf einem der Tische steht: 11+2+1=14. "Im Moment haben wir acht Schüler, die den Hauptschulabschluss nachholen wollen, davon schafft es in der Regel die Hälfte", sagt der Arzt. "Drei Patienten versuchen den Realschulabschluss nachzuholen, und wenn sie so weit sind, gehen sie ganz normal zur staatlichen Prüfung. Leider bestehen nur wenige."

An die Schule grenzt ein Computerraum, hier lernen manche Patienten freiwillig den Umgang mit Word und Excel, Internetanschluss hat jedoch keiner der Computer. Kontakt zur Außenwelt haben die Patienten anfangs nur durch Besucher, mit denen sie in Besuchsräumen unter Aufsicht reden dürfen. Raum für Intimitäten gibt es hier nicht. "Wir haben lange überlegt, wie wir mit der Sexualität der Patienten umgehen sollen, und haben es so geregelt, dass intime Treffen erst dann möglich sind, wenn die Patienten in der Therapie schon so weit sind, dass sie allein ausgehen dürfen."

Dennoch wird Wert darauf gelegt, dass die Menschen hier den Bezug zur Außenwelt nicht verlieren. Dafür sorgt unter anderem eine Säule, an der aktuelle Zeitungsartikel aufgehängt wurden. "Christian Wulff ist der neue Bundespräsident", ist eine der Schlagzeilen, "Lena verzaubert ganz Deutschland", eine andere. "Darüber diskutieren unsere Mitarbeiter in Gesprächsrunden auch mit den Leuten hier, wir sehen gern, wenn sie sich für die Außenwelt interessieren und ihnen nicht alles außerhalb der Klinik gleichgültig ist."

"Teller abräumen, Besteck zu mir!", ruft ein glatzköpfiger Stationsleiter in den Aufenthaltsraum, in dem gerade zu Mittag gegessen wurde. "Alle in einer Reihe bitte!" Die Männer an den Tischen stehen auf und stellen sich gleichgültig in eine Reihe vor die Spülmaschine. Sie kennen diesen Prozess. Hier, auf der ersten Station, wird das Besteck nach dem Essen abgezählt, um zu verhindern, dass jemand es mit in sein Zimmer nimmt und als Waffe benutzen könnte. "Das ist kein Vergleich zu der Arbeit, die wir haben, wenn im Nachhinein festgestellt wird, dass ein Messer fehlt. Dann müssen wir all die Zimmer durchsuchen, jeden Winkel. Das dauert Stunden", sagt der Pfleger, während er jedem der Männer einzeln das Besteck abnimmt und dabei leise mitzählt. "So ist es am sichersten. Später, auf höheren Stationen, ist so etwas nicht mehr notwendig."

In einem abgetrennten Bereich der Psychiatrie befindet sich die Frauenstation, die momentan zehn Frauen beherbergt. "Die Frauen bleiben unter sich, man darf nicht vergessen, dass viele männliche Patienten hier Sexualstraftäter sind", erklärt der Chefarzt. "Wir haben extra eine große Dachterrasse für die Frauen bauen lassen, da sie sich nicht, wie die Männer, im Innenhof aufhalten sollen." Sie haben auch einen separaten Aufenthaltsraum, in dem zum Beispiel Nähkurse stattfinden.

"Das Wichtigste für uns ist, dass die Patienten hier human behandelt werden und langsam ins Leben zurückgeführt werden", erklärt Noetzel, "Das beginnt schon bei dem Begriff ,Patient', niemand hier wird als ,Insasse' bezeichnet. Wir legen Wert darauf, dass die Menschen ihre Fehler verstehen und daran arbeiten, und wenn sie es geschafft haben als ungefährlich zu gelten und entlassen zu werden, kontrollieren wir sie noch etwa fünf Jahre nach, um Rückfälle so weit wie möglich auszuschließen." Noch nie war jemand auf Lebenszeit hier, auch die nicht, die sich anfangs einer Therapie entziehen. Letztendlich schaffen die Therapeuten und auch die anderen Patienten immer, die Widerwilligen zu motivieren, und ihnen zu zeigen, dass sie selbst sich ein neues Leben ermöglichen können, wenn sie nur mitarbeiten und sich helfen lassen. "Es sollte keine Strafe sein, hier zu sein, sondern die Chance, ein neues Leben zu beginnen und die alten Probleme hinter sich zu lassen", sagt der Arzt.

Informationen zum Beitrag

Titel
Niemand wird Insasse genannt
Autor
Johanna Wadle, Leininger-Gymnasium, Grünstadt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.01.2011, Nr. 15, S. N6
Projekt
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