Herrliche Socken, kunterbunte Kaugummis und Festnahmen

Nächste Station: Shahid Haghani." An Nachmittagen ist die Teheraner U-Bahn immer überfüllt. Viele Fahrgäste stehen Kopf an Kopf. Wegen einiger nach vorn drängelnder Personen werden sie hin- und hergeschoben, nach vorne gestupst oder gerempelt. Aussteigen wollen die Drängler aber nicht. Mit gefüllten Säcken und vollgestopften Taschen drängeln sie sich durch die Bahn. Das gehört für die Einheimischen zum Alltag. Viele Fahrgäste schauen neugierig auf die bunten Waren. Eine rundliche ältere Frau mit schwarzem Tuch findet einen geeigneten Ort in der Menge, bückt sich, legt ihre Taschen auf den Boden und sagt mit feiner, aber lauter Stimme: "Meine Damen, meine Herren, herrliche Socken in jeder Sorte und Farbe. Als Geschenk für Familie und Freunde. Heute im Angebot! Jedes Paar 3000 Tuman, zwei Paare nur 5000 Tuman. Mein besonderes Angebot, nur für Sie. Andere Händler verkaufen sie teurer. Mein letztes Angebot: nur 3000 Tuman." Als die rundliche Frau weitergeht, erscheint sofort eine andere Verkäuferin.

 

Eine U-Bahn gibt es in Teheran seit 1999. Bisher sind fünf der neun geplanten Linien ausgebaut. Außerdem gibt es Sammeltaxis, Busse und Schnellbusse. Nahezu jeden Tag kreuzen mehr als 40 000 Fahrgäste die Darvaze Dolat Station. Wie in fast jedem anderen Verkehrsmittel in Iran besteht auch hier die Trennung von Frauen und Männern. Über die Lautsprecher hört man: "Waggons am Anfang und Ende jeder Linie sind nur Frauen vorbehalten." An vielen Wänden ist Werbung zu sehen, in denen Männer mit bunten Zeichnungen belehrt werden, diese Trennung zu respektieren. Anfangs gab es ab und zu mal Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitsbeamten und denjenigen, die versuchten, sich in die Waggons der Frauen zu schleichen. Angestellte der U-Bahn sagen, das sei seit dem Bau von Sperrwänden zwischen der Frauenabteilung und den anderen Kabinen besser geworden. An Festen wie dem Nationaltag oder "Nouruz", dem persischen Neujahr, werden die Stationen mit Flaggen und Fähnchen geschmückt. Dann spielen traditionelle persische Musikgruppen.

 

Erst wenn die U-Bahn-Verkäufer mitten in der Menge ihre Waren aus den Tüten und Taschen ziehen, erkennt man sie. Von kunterbunten Kaugummis, Keksen, Spielsachen, Büchern, Kleidung, Kosmetikartikeln, Schmuck, Schreibwaren bis zu Blumen und sogar Reinigungsmitteln reicht ihr Angebot. "Man kann Sachen, die man braucht, schnell kaufen", sagen einige Gäste. Aber es gibt auch andere Meinungen: "Die U-Bahn-Verkäufer sind eine Last. Am meisten, wenn sie klagen und jammern. Man hat es mit Bettlern und Verkäufern zu tun, die die Ruhe stören." Ein Sicherheitsbeamter in der Mirdamad-Station sagt: "Der Verkauf von Waren in der U-Bahn ist verboten. Wir versuchen, die Händler rauszuschmeißen." Doch das sei schwierig. Der Sicherheitsdienst der Darvaze-Dolat-Station erklärt: "Ihre Arbeit ist nicht legal. Doch wir haben keine gesetzliche Grundlage, dagegen etwas zu unternehmen. Wir bekommen immer viele Beschwerden wegen des Krempels und Mülls und natürlich auch wegen des Chaos, das sie anrichten." Ein anderer Sicherheitsbeamter bestätigt: "Wenn zum Beispiel einer von ihnen zu schreien anfängt, versammeln sich 4000 Personen und bringen nur alles durcheinander. Der einzige Weg ist, nichts mehr von ihnen zu kaufen."

 

Eine ältere Frau, die seit zehn Jahren Kosmetikartikel verkauft, erwähnt einen anderen Aspekt: "Die Sicherheitsbeamten nehmen uns die Waren weg. Leider bekommen wir sie nie mehr zu sehen. Wir haben uns oft beschwert, haben aber nichts erreichen können. Nur wer Vitamin B hat, bekommt etwas zurück. Mir persönlich hat man schon neunmal die Waren weggenommen, doch zurückbekommen habe ich nichts." Am Anfang sei der Gewinn gut gewesen, aber seitdem die Zahl der Verkäufer gestiegen sei, sei der Verkauf nicht mehr wie früher. Auch männliche Verkäufer kämen in die Frauenwaggons. Dann sagten manche Sicherheitskräfte, dass die Männer eine Familie zu versorgen haben.

 

Viele Verkäufer brauchen diese Arbeit, denn sie sorgen allein für die Familie. Manchmal sieht man auch Kinder, die helfen. Allein die Waren von einer Station zur nächsten zu schleppen ist schwer genug. Einige Sicherheitsbeamte verstehen die Lage. "Manche sind sehr höflich zu uns, aber es gibt auch einige, die ruppig sind", sagt eine junge Frau, die seit drei Jahren verkauft. "Denen wird vorgeschrieben, uns rauszuschmeißen."

 

Vorgeschrieben? Aber von wem? Fragen über die Verkäufer werden nicht gerne beantwortet. Der Leiter der Mirdamad-Station erklärt, dass die Angelegenheit "Sache des Rathauses" sei. "Wir sind mit den U-Bahn-Verkäufern nicht zufrieden", ist das Einzige, was er zu sagen hat. Unzufrieden zu sein ist eine Sache, aber ohne gesetzliche Grundlage zu handeln eine andere. Jeden Tag sind mehr Sicherheitsleute zu sehen. An den Eingängen werden Leute verdächtigt, U-Bahn-Verkäufer zu sein. An der Station Shahid Haghani steigt die rundliche Frau aus. Es ist einfach zu voll. Sie nimmt ihre Säcke, will einen Fuß hinaussetzen, als eine verängstigte Frau, deren Hände voll mit Tüten und Taschen sind, in die Bahn springt und sie in den Waggon schubst. "Komm nicht raus, komm nicht raus", keucht sie. Die dicke Frau schaut sie fragend an. "Sie haben alle festgenommen. Sie haben alle Waren beschlagnahmt. Da war ein älterer Sicherheitsmann. Wie konnte er das nur machen? Er schaute gar nicht fies aus." Die dicke Frau sieht schockiert aus. Die Türen schließen. Beide schweigen. Aus der Ferne hört man: "Nächste Station: Mirdamad."

Informationen zum Beitrag

Titel
Herrliche Socken, kunterbunte Kaugummis und Festnahmen
Autor
Raana Sahebnasagh, Nima Jafarpour, Nika Safarzadeh
Schule
Österreichisches Kulturforum , Teheran
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.06.2015, Nr. 129, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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