Im Sammeltaxi durch Teheran

Ach fahr doch nach vorn! Wem gehört der Wagen?", ruft ein älterer Taxifahrer und hupt vor Zorn. Er öffnet genervt die Tür, steigt aus seinem gelben Wagen und sucht zwischen der langen Schlange von gelben Prides, Samands und schrottreifen Paykans nach einer Lücke, um nach vorne zu fahren. Sein Gesicht ist schweißbedeckt. Das lange Sitzen hat ihm nicht gutgetan. Die Taxischlange bewegt sich an Nachmittagen wie diesem langsamer als eine Schnecke.

 

In der Früh läuft das Geschäft besser. Nachmittags werden die Taxis in der Regel nicht von vier Personen besetzt. Das lange Warten gehört für die Sammeltaxifahrer dazu. Zwischen dem Gedränge, Hupen, Motorklängen und dem Kommen und Gehen der Passanten nimmt der verzweifelte Fahrer tief Luft und versucht wieder mit seiner krächzenden Stimme den vorderen Taxifahrer, Mostafa Zandi, der neben dem Taxistand steht, zu bewegen, seinen Wagen in der Schlange nach vorne zu fahren. "Mojtaba, fahr du doch mein Auto für mich nach vorne! Ich rede gerade mit den Reportern."

 

Zandisieht weniger gestresst aus. Seit 25 Jahren arbeitet er als Sammeltaxifahrer. Da er seit 18 Jahren an keinem Unfall beteiligt war, wurde er vom Verband der Taxifahrer zum drittbesten Taxifahrer ernannt. "Unsere Arbeit hat so ihre Schwierigkeiten. Ich selber genieße es, mit unterschiedlichen Fahrgästen zu tun zu haben", sagt er und lächelt. "Allerdings ist es wirklich ein schwieriger Beruf. Wir bekommen vom Verband keine Unterstützung." Er blickt bedächtigt auf die Schlangen der Linientaxis, die nur eine bestimmte Strecke fahren dürfen. Als Taxifahrer gehört er zu den ältesten am Resalatplatz, einem der bekanntesten Taxi-Standorte in Teheran. "Die Taxis haben eine gewisse Disziplin. Meistens meldet sich einer von uns freiwillig, um für Ordnung zu sorgen. Natürlich ohne Geld." Wieder schaut er nachdenklich zu den anderen Fahrern. Manche machen eine kurze Pause und es sich mit Kollegen an einem schattigen Plätzchen gemütlich. Die meisten von ihnen diskutieren über ihre Probleme und Erlebnisse. Mehdi Abani, ein ruhiger, älterer Mann mit schwarzer Sonnenbrille, beschwert sich über die Autoversicherung: "Die Haftpflichtversicherung der Taxis ist 20 bis 30 Prozent teurer als bei anderen Pkw. Von der Regierung bekommen wir nicht die geringste Hilfe. Schau dir doch mal diesen Herrn an!" Er deutet zu einem weißen Pride. Hinter den dunklen, verschmutzten Fenstern erkennt man einen alten, kränkelnden Mann, der durch seine runde Brille blickt. "70 Jahre ist er. Mensch, sieh ihn dir mal an. Er hat keine Krankenversicherung und große Rückenschmerzen. Er kann nicht einmal problemlos aus dem Wagen aussteigen", sagt Mehdi Abani. Sobald der alte Mann das hört, versucht er mit tolpatschigen Bewegungen auszusteigen. Verwirrt fragt er nach: "Wem soll ich von meinen Schmerzen berichten?"

 

Ein schüchterner, junger Fahrer berichtet von seinen Schwierigkeiten: "Die Handystrahlen sind doch schlecht für die Gesundheit. Da habe ich einmal einer Frau gesagt, dass sie in meinem Auto nicht telefonieren darf, weil die Strahlen nicht gut sind. Und was macht sie? Sie fotografiert mit ihrem Handy mein Nummernschild und beschwert sich beim Verband der Taxifahrer darüber, dass ich sie beleidigt habe." Bei der Erinnerung wird er zornig. "Da hat man mir das Auto für eine ganze Wochen beschlagnahmt." Ironisch sagt er: "Es ist kein Problem, wenn ein Fahrgast uns einen 500 000-Rial-Schein gibt, obwohl der Fahrpreis nur 10 000 Rial beträgt. Denn von uns wird eben immer erwartet, Wechselgeld zu haben. Aber Gott weiß, was passiert, wenn ich nur 1000 Rial, etwa 0,3 Cent, nicht zurückgeben kann. Der Taxiverband wäre sofort an Ort und Stelle."

 

"Dieses Wechselgeld ist eine der größten Bürden", klagt ein dicker Fahrer, der mitgehört hat. "Wir kaufen es sogar. Teurer als das, was es eigentlich wert ist. Wenn man ganz früh am Resalatplatz ist, sieht man einen Motorradfahrer an der Ecke stehen. Der verkauft uns Wechselgeld. Im Nu hat er alles verkauft. Man streitet sich sogar darum, denn jeder von uns braucht genügend Wechselgeld. Da zahlen wir 115 000 und bekommen 100 000 Rial."

 

"Wir zählen irgendwie zu den zweiten Bettlern", sagt ein Fahrer von der Linie Seyed Khandan-Vanak, der auf einer Bank wartet, bis der Stau vorüber ist, um nach Hause zu fahren. "Zu einer bestimmten Zeit kommt auch ein alter Mann zum Vanakplatz und verkauft Wechselgeld. Um ehrlich zu sein, wären wir bereit, ihm das Zehnfache für das Wechselgeld zu geben. Wir haben keine Lust, uns mit Fahrgästen über das Wechselgeld auseinanderzusetzen." Auch Mostafa Zandi sieht das so: "Das Wechselgeld ist sowohl für die Gäste als auch für die Taxifahrer ein Problem. Um die Zufriedenheit der Fahrgäste zu gewinnen, sind wir deshalb öfter mal gezwungen, Wechselgeld zu kaufen. Zum Beispiel bei einer Fahrt, die 28 000 Rial kostet, brauchen wir 2000-Rial-Scheine oder Münzen." Ein anderer Taxifahrer am Seyed-Khandan-Platz klagt: "Der Verband ist uns gegenüber sehr ungerecht. Manchmal gibt es unterwegs so viel Stau, dass man eineinhalb Stunden braucht, um das Ziel zu erreichen." Dafür bekommen die Fahrer aber nicht mehr Geld, denn für die Strecken der Linien-Taxis gibt es Festpreise, die der Verband festlegt. Während sich die Taxifahrer unterhalten, sieht man neben den gelben und grünen Taxis, einige Pkw, die nicht zum Taxistand gehören. Viele private Autofahrer, die keine Lizenz haben, versuchen, Passagiere für sich zu gewinnen. "Als ob jemand neben einem Obststand sein eigenes Obst verkaufen würde. Wagt das jemand zu tun? Daher kommt es oft zu Konflikten zwischen ihnen und uns", sagt Mehdi Abani.

 

Hossein Ali Mirzazadeh, ein 55-jähriger Taxifahrer, arbeitet täglich zehn bis zwölf Stunden. Erschöpft berichtet er über sein Einkommen: "Ich bin mehr als zehn Jahre als Taxifahrer tätig. So verdiene ich täglich 600 000 bis 650 000 Rial, das sind 17,50 Euro. Die Reparatur und das Benzin sind aber teuer." "Das Einkommen ist gering, und es gibt keine Hoffnung für morgen. Man weiß nicht, was morgen passiert. Die U-Bahn und die Busse sind teilweise schuld daran. Sie sind billiger, und die Taxis haben keine Chance, mit ihnen zu konkurrieren", sagt der 58-jährige Ali Azizi. Er ist seit 18 Jahren Taxifahrer. Bei diesen Problemen und dem Mangel an Unterstützung denken sich manche Taxistände eigene Lösungen aus. "Wir haben eine Kasse. Jeder von uns gibt wöchentlich 200 000 Rial in die Kasse. Das Geld wird dann für plötzlich auftauchende Reparaturen und Autoversicherungen verwendet. Das heißt, wenn ein Taxifahrer in dem Moment knapp bei Kasse ist, bekommt er das Geld und zahlt es später zurück", erklärt der Fahrer am Seyed-Khandan-Vanak. Auch am Resalatplatz sieht man Fahrer zusammenarbeiten. Einige stehen vor einem Auto und versuchen, es zu reparieren. Andere holen einen Gaskocher aus dem Kofferraum, um ihr Essen zu wärmen. Viele trinken ihren Nachmittagstee. Die Schlange wird kürzer. Zandi eilt zu seinem Auto, um weiterzufahren. "Ach komm schon, fahr den Wagen nach vorn!", hört man einige wieder jammern. Der alte Fahrer mit der runden Brille sagt mit brüchiger, leiser Stimme: "Wenn die Sachen, die ihr schreibt, uns wirklich helfen können, dann schreibt es. Wenn aber nicht . . ." Er schaut die Notizen an und zitiert ein persisches Sprichwort, das verwendet wird, wenn Gerede über ein Thema oder Geheimnis zu nichts führt oder einem nur Ärger bringt: "Sieht man ein Kamel, tut man so, als wäre es keins."

Informationen zum Beitrag

Titel
Im Sammeltaxi durch Teheran
Autor
Raana Saheb Nassagh, Haybert Avedian, Nika Safarzadeh
Schule
Österreichisches Kulturforum , Teheran
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.06.2015, Nr. 129, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180