Magischer Einkauf

Istgahe15. Khordad", "Station 15. Khordad", hört man die Durchsage. Die Türen der U-Bahn öffnen sich. Treppen runter, Treppen hinauf, dann steht man vor dem ältesten Basar in Teheran. Die Fußgängerzone ist grau gepflastert, es gibt Bänke, alte Bäume, Menschen ohne Ende, die Plastiktüten tragen, die voll sind mit Lebensmitteln, Kleidung, Schreibwaren, Goldschmuck und vielen anderen Sachen. Es gibt einen Park mit einem Brunnen aus blauen Keramiksteinen und Springbrunnen. Es sieht aus, als ob man die Zeit zurückgedreht hätte und man sich in der Kadscharen-Dynastie befindet. Viele setzen sich in den Park, essen Eis, Pommes, Bananen und andere Snacks. Für sie ist das wie eine kleine Erholung nach dem anstrengenden Einkauf. Geht man durch die Gassen der Altstadt, die zum Basar führen, gibt es eine Explosion der Gerüche. Dort liegt der Gewürzmarkt, es riecht nach scharfem Chili, Safran, Kümmel und Kurkuma.

 

In iranischen Städten sind Basare und traditionelle Märkte der wichtigste Ort für kommerzielle, soziale und kulturelle Aktivitäten. Zwar haben sich die sozioökonomischen Bedingungen vor allem in Teheran verändert, trotzdem haben die Bazare ihre traditionelle Bedeutung behalten. Ein Basar ist ein großer Komplex von Gängen und Gassen mit scheinbar endlosen Reihen von Dokkans, kleinen Läden, und Hojrehs, Geschäften in einer Arkade, die am Sabzeh-Meydan beginnen und in der Mowlavistraße enden. Der Ursprung des Bazars liegt in der Zeit vor der Safawiden-Dynastie, er wurde von Schah Tahmaseb erweitert und fand seine jetzige Form während der Herrschaft von Fath Ali Schah Kadschar. Es gibt zwei Chaharsuq, Kreuzungen: Chaharsuq-e Bozorg, die große Kreuzung, und Chaharsuq-e Kuchak, die kleine Kreuzung, die die Teile des Basars miteinander verbinden. Rasteh heißen die Hauptdurchgänge, Bazarcheh die Minibasare, Timcheh sind Teile des Basars mit Geschäften. In einem Sara liegen mehrere Geschäfte rund um einen zentralen Innenhof. Rahrow sind Korridore, in denen sich rechts und links Geschäfte befinden.

 

Die wichtigsten Märkte sind der Schustermarkt, der Markt der Buchbinder, der Markt für Wechselbuden und der Stoffmarkt. Neben den traditionellen Waren wie Teppichen kann man heute auch eingeführte Waren wie Haushaltsgeräte, Deko-Artikel, Lebensmittel finden. Dort, wo man Unterwäsche kaufen kann, bietet ein freundlicher, alter Mann Bananen an. Zufrieden ist er nicht. "Heutzutage kaufen Menschen weniger Bananen", klagt er. Trotzdem kann er für seinen Lebensunterhalt sorgen und fühlt sich wohl an dem Ort, der für ihn seit 20 Jahren wie ein zweites Zuhause geworden ist. Die anderen vertrauen ihm. "Wenn die Verkäufer irgendwohin müssen, sind sie sich sicher, dass ich auf ihre Geschäfte aufpasse."

 

Eine elegante Dame in schwarzer Kleidung und mit weißen Haaren möchte mit ihrer dreizehnjährigen Enkelin Schulsachen besorgen. Die 62-Jährige heißt Soraya und sagt: "Ich kann alles, was ich brauche, hier im Basar finden, deshalb komme ich fast jeden zweiten Monat hierher. Ich liebe den Basar, weil ich hier viele Verkäufer schon seit Jahren kenne, und kann hier selbst kleine Sachen wie zum Beispiel Garn, Nadeln und Knöpfe und vieles mehr kaufen. Meistens ist hier alles viel billiger." Enkelin Mariam sagt: "Das ist das dritte Mal, dass ich hier bin. Ich finde es schön, mit meiner Großmutter im Basar einzukaufen."

 

In einem der ältesten Teile des Basars, der Saraye Haj Mohammad-Ali heißt, kann man Leute sehen, die seit mehr als 40 Jahren dort arbeiten. Ein Schuhverkäufer sagt: "Wir kommen am Morgen hierher und gehen am Abend nach Hause. Dort essen wir nur etwas und legen uns gleich ins Bett. Und so ist es jeden Tag. Deshalb kann ich sagen, dass der Basar mein Zuhause ist. Wenn ich irgendwo anders einen neuen Laden aufmachen müsste, würde es Jahre dauern, bis ich mich an den neuen Ort gewöhnen würde." Wir gehen weiter durch die engen Gassen, die etwas Magisches und Märchenhaftes haben. Wer weiß, vielleicht finden wir einen fliegenden Teppich und eine Wunderlampe.

Informationen zum Beitrag

Titel
Magischer Einkauf
Autor
Arvand Vagharifard, Hayberd Avedian, Erfan Kordnaeej
Schule
Österreichisches Kulturforum , Teheran
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.06.2015, Nr. 129, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180