Reise nach Jerusalem

Das Feilschen um ein paar Feigen auf einem traditionellen Basar in der Altstadt Jerusalems kann für einen Fremden schon mal ein kleines Problem darstellen. Während man noch über das rege Treiben und die vielen fremden Gerüche staunt, versuchen die teilweise aufdringlichen Händler mit allen Mitteln ihre Ware zu möglichst horrenden Preisen an den Kunden zu bringen. Solch eine Situation meisterte die 21-jährige Mirjam Schmidt nach sechsmonatigem Aufenthalt in Israel fast so souverän wie eine Einheimische.

Wieder zu Hause im nordhessischen Bergheim angekommen, erzählt die blonde, sportliche Studentin mit rahmenloser Brille am heimischen Küchentisch, dass sie schon während ihrer Oberstufenzeit am Gymnasium ins Ausland wollte. Verschmitzt sagt sie: "Vom Lernen fürs Abi zum Lernen an der Uni, das musste nicht sein." Ihr Bruder hat ein Jahr in Mali verbracht, das bestärkte sie zusätzlich. Die Möglichkeit nach Israel zu kommen, in ein Land, das sie durch ihren Glauben schon immer interessiert hat, bot sich ihr durch den Kontakt zum "Christus Treff", einer ökumenischen Gemeinde aus Marburg. Die Gemeinde betreut in der Altstadt von Jerusalem ein Gästehaus des Johanniter-Ordens. Der Gedanke begeisterte Mirjam, "in einer Stadt zu leben, in der es immer knistert, da so viele Menschen mit unterschiedlichen Religionen auf einem kleinen Flecken Erde zusammenleben".

Mirjam schwärmt von der Einzigartigkeit des Landes und den vielfältigen Möglichkeiten, die sich ihr in Israel boten: vom Skifahren auf dem Hermon über Baden im Mittelmeer, dem Toten oder Roten Meer, die saftig grünen Wiesen nahe dem See Genezareth bis hin zum beeindruckenden Stadtleben in Tel Aviv, der zweitgrößten Stadt Israels.

So schön die Freizeit auch war, ihr Hauptaugenmerk lag in der Arbeit im Gästehaus, einem kleinen Gebäude mit nur 18 Betten. Dort herrschte rund um die Uhr Betrieb, und es gab immer etwas zu tun. Morgens um 7 Uhr begannen die Tage mit der Frühstücksvorbereitung oder mit einer kurzen Morgenandacht mit Gebet und Liedern. Das Frühstück bestand aus vielen Sorten Obst und Gemüse, aber zur Freude Mirjams gab es auch Salami und Nutella. Danach wurden die Gästezimmer hergerichtet. Oft musste auch noch eingekauft werden, was ihr "enormen Spaß macht", gerade weil es so ganz anders ist: Alles sei eng, laut, Berge von Kardamom, Curry und Pfeffer verströmen einen süßlichen Duft. Ihre Anfängliche Angst vor Verständigungsproblemen hatte sie schnell abgelegt. "Da meine Künste in Sprachen nicht die allerbesten sind, musste ich mich anfangs in längere Gespräche erst hineinfinden. Doch schnell habe ich bemerkt, dass gerade die Ladenbesitzer kein besseres Englisch sprechen. Man kann sich sehr gut mit ihnen unterhalten und natürlich auch handeln." Im Gästehaus wurde überwiegend deutsch gesprochen, es sei denn, es waren internationale Gäste im Haus. "Dann musste man auch noch mal einen Rest Französisch hervorkramen."

Weil das Gästehaus im arabischen Viertel liegt, hat Mirjam, was sie ein wenig bedauert, nur ein paar Worte Hebräisch gelernt, konnte aber dafür den Einkauf auf dem Basar auf Arabisch einigermaßen gut meistern. Wenn es gar nicht anders ging, halfen Hände und Füße weiter. "Was auch weiterhilft ist ein Lächeln. Damit kann man manchmal mehr ausdrücken als durch Sprache." Viele Ereignisse sind ihr in Erinnerung geblieben: eine bunte arabische Feier, ein Schabbatessen bei einem Rabbi. Einige Tage war sie in Jordanien und Ägypten.

Trotz der schönen Erlebnisse hatte sie auch einige Male Angst. Einmal sei ihnen mitten in der Nacht während einer Autofahrt zwischen der Westbank, also dem palästinensischen Gebiet, und Jerusalem ein Reifen geplatzt, und das Auto schlingerte hin und her. Die Zeit bis sie wieder weiterfahren konnten, erschien ihr endlos. Erst im Nachhinein wird ihr bewusst, dass ihr spannendstes Erlebnis vielleicht einfach darin bestand, dass sie sich bei der Hinreise ohne Schekel, die israelische Währung, in ein Flugzeug gesetzt hat, das sie mehrere hundert Kilometer von allem, was sie bisher kannte, weggebracht hat. Sie kam um 1 Uhr nachts alleine am Flughafen an, setzte sich dann in ein Taxi, um nach Jerusalem zu kommen, wo sie schließlich von einer anderen Volontärin abgeholt wurde. Momentan studiert Mirjam Psychologie an der Universität in Gießen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Reise nach Jerusalem
Autor
Friederike Schreiber, Bad Wildungen, Gustav-Stresemann-Gymnasium
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.01.2011, Nr. 21, S. N6
Projekt
Jugend schreibt

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180