Verliebt und verlobt in Keflavík

Er liebt mich und nimmt mich so, wie ich bin", erklärt die 20-jährige Rahel More das Erfolgsrezept ihrer Liebe. Es ist eine besondere Liebesgeschichte, die die Österreicherin und ihr ehemaliger Gastbruder erleben. Sie hatten mit Vorurteilen zu kämpfen und mussten eine lange Fernbeziehung in Kauf nehmen. Heute leben sie verlobt in Keflavík im Südwesten Islands und bringen noch immer Opfer für ihre Liebe.

Im Sommer 2006 flog Rahel, die aus Klagenfurt in Südösterreich stammt, nach Island, um dort ein Jahr lang Leute, Kultur und Sprache kennenzulernen. "An Island hat mich schon immer fasziniert, dass es so weit weg ist und irgendwie auch ein bisschen mystisch, aber trotzdem noch in Europa liegt", erklärt sie in ihrem stark österreichischem Akzent. Rahels Gastfamilie wohnte außerhalb eines 700-Seelen-Dorfes auf einem Bauernhof namens Helluvað im Süden Islands. "Mit meiner Gastfamilie habe ich mich sofort super verstanden, sie waren schnell wie eine zweite Familie für mich." Sie hatte zwei Gastbrüder, Kristján, heute 19, und Àrni, 23 Jahre alt. Sie ging in dieselbe Schule wie der Ältere, fuhr jeden Morgen mit ihm dorthin und unternahm viel mit seinen Freunden. "Árni und ich verstanden uns immer besser und irgendwann nach ein paar Monaten... ", sie grinst und ihre braunen Augen funkeln, "wurden wir eben ein Paar." Das habe "sich irgendwie so entwickelt".

Auf einem typisch isländischen Dorffest, auf dem alle Generationen gemeinsam feiern und "es dieses gewöhnungsbedürftige isländische Essen gibt", tanzten sie, hatten innigen Blickkontakt und es funkte. "Das war schon irgendwie ein bisschen peinlich, ich war ja im Grunde wie eine Tochter für meine Gasteltern und nun plötzlich mit ihrem Sohn zusammen. Außerdem haben die sich eben Sorgen gemacht, ob das wirklich so funktioniert", erzählt die ehemalige Austauschschülerin und streicht ihre braunen Haare hinter das Ohr. Auch ihre Familie in Klagenfurt hat sich nicht gerade gefreut über die Neuigkeiten. Sie machten sich ebenfalls Sorgen: Was passiert, wenn die Beziehung auseinandergeht? "Aber nach ein paar Wochen war irgendwie klar, dass es was Ernstes ist und wir zusammenbleiben möchten. Die Situation lockerte sich."

Josefine Geiger aus Fulda in Osthessen war auch eine Austauschschülerin in Island und freundete sich in dieser Zeit mit Rahel an. "Ich glaube, es war nicht einfach für sie beide, auch mit dem Getratsche in der Schule umzugehen." Sie erzählt, dass sie plötzlich von mehreren Isländern Mails bekam, ob sie schon gehört hätte, das Rahel mit ihrem Gastbruder zusammen sei. "So ist das eben in Island, jeder kennt jeden, und wenn dann eine Österreicherin mit ihrem Gastbruder zusammen ist, dann erfahren das gleich alle." Als sich das Austauschjahr dem Ende zuneigte, wäre Rahel gerne in Island geblieben und hätte ihren Schulabschluss dort gemacht, aber das erlaubten ihre Eltern nicht. "Glücklicherweise hatten wir vor ihrem Abflug vereinbart, dass sie ihre Schulzeit in Österreich beenden würde", erinnert sich Rahels Mutter Claudia lachend, und ihre Tochter erzählt: "Noch bevor ich nach Österreich zurückflog, hatte Árni schon den ersten Flug zu mir gebucht." Zwei Jahre lang lebten die Verliebten in einer Fernbeziehung. Sie arbeiteten, wann immer möglich, um genug Geld für die Flüge zu haben, schwänzten auch mal die Schule, um sich alle zwei Monate sehen zu können. "Es war zeit- und geldaufwendig, aber wir haben das nie infrage gestellt." Ihre Eltern unterstützen sie, so gut es ging, auch wenn sie sich immer "leicht aufregten", wenn sie ihren Freund der Schule vorzog.

"Diese zwei Jahre waren schon hart für sie", sagt Josefine Geiger. "Ich glaube, Rahel ist nie wieder so richtig in Österreich angekommen, sie hat sich immer gewünscht, möglichst schnell wieder in Island zu sein." Auch ihren Eltern war das bewusst: "Die Liebe hielt, und es war für uns nicht verwunderlich, dass Rahel ihr Studium in Island absolvieren wollte. Diese Unabhängigkeit und das Selbstvertrauen sind einfach charakteristisch für sie." Nach dem Abitur war es dann endlich so weit. "Das war einer der glücklichsten Momente in unserer Beziehung, als ich endlich zu ihm gezogen bin." Sie lacht, denkt nach und sagt: "Und natürlich der Moment, an dem wir uns verlobt haben. Er hat mir einen ganz klassischen Antrag mit Ring gemacht. Es war morgens im Bett mit Frühstück, als wir unser Zweijähriges gefeiert haben." Sie zögerte nicht, ja zu sagen. "Drei Dinge, die ich an ihm liebe? Dass er immer gute Laune hat und lacht, dass er mich glücklich machen kann, wenn ich gerade schlecht drauf bin, und dass er wie mein bester Freund ist." Als sie ihm das übersetzt, lachen beide, er antwortet "Das freut mich", und seine grau-blauen Augen in dem runden Gesicht strahlen vor Freude.

Rahel und Árni reden fast immer Isländisch. In der Schule hat Árni zwar Deutsch gelernt. "Aber ich habe ihm immer seine Hausaufgaben gemacht", sagt Rahel und grinst. "Trotzdem muss er mit meiner Oma und Uroma in Österreich Deutsch reden, und wir tun es manchmal auch zum Spaß." Mittlerweile spricht die Österreicherin fast perfekt isländisch "Klar, ich mache immer noch Fehler mit der Grammatik, und einige Sachen muss man eben umschreiben, aber es gibt nichts, was wir uns nicht sagen könnten." 2012 wollen Árni und Rahel heiraten. Um beiden Familien und den Freunden gerecht zu werden, wollen sie kirchlich in Island und standesamtlich in Österreich heiraten. "So können wir außerdem unseren Familien das jeweilig andere Land zeigen."

Für Rahels Eltern ist die momentane Situation nicht leicht, aber sie zeigen großes Verständnis: "Natürlich sind wir traurig, weil Rahel so weit weg ist und wir uns nur zwei- bis dreimal im Jahr sehen können, aber es ist nachvollziehbar, dass sie mit ihrem Partner zusammen sein möchte." Die Familie versucht, engen Kontakt zu halten: "Wir skypen jedes Wochenende und irgendwie habe ich das Gefühl, dass wir uns viel besser verstehen, seit ich ausgezogen bin", sagt Rahel. Ob die beiden in Island bleiben werden, wissen sie noch nicht. Die Berufsmöglichkeiten in Island sind besser für sie als in Österreich. Árni, der im Außendienst bei der Post arbeitet, möchte ab dem nächsten Semester Technisches Zeichnen studieren. Rahel studiert soziale Bildung und könnte in Island, wie in den meisten nordischen Ländern, in einem für europäische Verhältnisse ausgereifterem pädagogischen System arbeiten. "Aber eigentlich wollte ich schon gerne irgendwann wieder zurück nach Österreich, und Árni hat auch nichts dagegen mitzukommen. Na ja wir lassen das eben auf uns zukommen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Verliebt und verlobt in Keflavík
Autor
onie Geiger, Marienschule, Fulda
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.02.2011, Nr. 27, S. N6
Projekt
Jugend schreibt

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