Wurst und Käse sind immer gefragt

Kommen Sie rein", sagt eine große, kurzhaarige Frau und öffnet die Tür, während sie das Telefon an ihr rechtes Ohr hält. In der 1998 gegründeten Eschweger Tafel herrscht schon reger Betrieb. Die Lebensmittel müssen sortiert werden, und die Feiertage haben die Ausgabe dieser Lebensmittel komplett durcheinandergebracht. Ausgabe der Lebensmittel ist am Montag, Mittwoch und Freitag, während dienstags, donnerstags und samstags die eingesammelten Waren sortiert und für die nächsten Ausgaben vorbereitet werden.

Margot Furchert war schon immer ehrenamtlich tätig. Früher übte sie ihr Ehrenamt im Sport aus, und jetzt ist sie seit sechs Jahren Vorsitzende der Tafel. Zum Amtsantritt wurde ihr noch gesagt, dass die Tafel in der Kreisstadt keine Arbeit, sondern ein Selbstläufer sei. Doch das ehrenamtliche Unternehmen hat sich stark vergrößert. Die Vorsitzende arbeitet in der Woche mindestens 20 Stunden. Hinzu kommen die vielen Stunden der 30 weiteren ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer, die sich in den Dienst der guten Sache stellen. Zusätzlich gibt es noch einen hauptberuflichen Mitarbeiter. Das ist der Fahrer, und er wird dringend benötigt, denn er und ein Helfer sind an sechs Tagen in der Woche damit beschäftigt, die Lebensmittelmärkte und Bäcker anzusteuern und die Spenden einzusammeln. "Ansonsten kann bei der Tafel nur arbeiten, wer nicht mehr arbeitet", sagt die Rentnerin, die früher als Justizangestellte am Amtsgericht tätig war.

Natürlich darf nicht jede Person Lebensmittel von der Tafel beziehen. Die etwa 400 Bedürftigen müssen sich ausweisen. Entweder beziehen sie Arbeitslosengeld II, besitzen einen Sozialhilfebescheid oder bekommen nur eine geringe Rente. Da ist die Vorsitzende an Vorschriften gebunden. Ärger bleibt da auch nicht aus. Viele Menschen verstehen nicht, dass die Tafel ein selbständiger Verein ist und somit auch nicht dazu verpflichtet, jedem zu helfen. Wenn die Organisation einmal nicht genügend Lebensmittel zur Verfügung hat, wollen sich viele beschweren. Die Tafel kann ihre Gemeinnützigkeit verlieren, wenn sie nicht genauen Regeln folgt. Deshalb nimmt sich Margot Furchert immer viel Zeit, um die Bedürftigkeit der Menschen zu prüfen.

Während man aus dem anderen Raum die Stimmen der Mitarbeiter und von der Straße den Lärm der Bauarbeiten hört, berichtet sie, dass neben den Lebensmitteln vor allem auch Geldspenden wichtig seien. "Ich brauche jeden Monat, um die Tür aufzuschließen, 2500 Euro." Das Geld wird für die Miete, den Fahrer, das Benzin und sämtliche Nebenkosten benötigt, denn täglich werden bis zu 100 Kilometer gefahren.

Lebensmittelspenden von einzelnen Personen sind nur selten. Hauptsächlich spenden die örtlichen Bäcker und Lebensmittelhändler. Es werden viele Lebensmittel gesammelt, deren Haltbarkeitsdatum ausläuft. Allerdings muss da zwischen Mindesthaltbarkeit und "Zu verbrauchen bis ..." unterschieden werden. Lebensmittel, die letzteren Aufdruck haben, dürfen und können nach diesem Datum nicht mehr verbraucht werden. Die Lebensmittel mit Mindesthaltbarkeitsdatum können dagegen meist auch noch nach Ablauf verzehrt werden. Doch Geschäfte müssen auch diese entsorgen.

Und genau diese Lebensmittel werden von der Tafel eingesammelt. Weniger gut ist die Versorgung mit Wurst und Käse, dabei sind gerade diese Produkte gefragt. Umso besser ist dagegen die Zusammenarbeit mit den örtlichen Bäckern und damit die Versorgung mit Brot, Brötchen und Kuchen. Um noch mehr Lebensmittel sammeln zu können, reisen Margot Furchert und ihr Mann in die umliegenden Gemeinden und halten dort Vorträge. Vor allem an Tagen wie dem Erntedankfest ist ein Wandel zu sehen. Vor ein paar Jahren wurde die Tafel an diesen Tagen noch mit Kartoffeln und Obst überhäuft. Dagegen werden zurzeit mehr Zucker, Mehl und Nudeln gespendet. Mittlerweile müssen sogar extra Fahrer eingesetzt werden, die am Erntedankfest nur die Kirchen anfahren. Ein anderer Lieferant für Lebensmittel hat sich erst vor einem Jahr gefunden, als eine junge Frau die Idee hatte, bei einem der größten Events in Eschwege, dem Open-Flair-Festival, die übriggebliebenen Konserven und Lebensmittel einzusammeln und an die Tafel zu spenden.

Natürlich werden immer Freiwillige gesucht. Denn bevor die Lebensmittel ausgegeben werden, gehen sie durch mindestens drei Hände. Bereits wenn er die Waren abholt, sieht der Fahrer grob darüber und sortiert sie aus. Im Lager sortiert dann der Teamleiter die Waren, und wenn zwei weitere Mitarbeiter die Lebensmittel in die Regale räumen, überprüfen auch sie noch einmal die Spenden.

Da die Tafel viele Lebensmittel von den Geschäften einsammelt, wird dort weniger weggeworfen. Und auch das, was in der Tafel aussortiert wird, wird dann noch einmal sortiert und an Kleintierhalter vergeben. Auf diese Weise muss nur ein geringer Teil der Lebensmittel entsorgt werden. So betont Margot Furchert: "Wir erfüllen eine große ökonomische Funktion."

Informationen zum Beitrag

Titel
Wurst und Käse sind immer gefragt
Autor
Maximilian Lippold
Schule
Oberstufengymnasium , Eschwege
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.06.2015, Nr. 135, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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