Relativ entspannt

Lennard kam am 29. August 2011 um zwei Minuten nach 17 Uhr zur Welt und wog 3390 Gramm. Das steht auf einem der Kärtchen, die im Geburtshaus Margaritenheim am Stadtrand von Schwäbisch Gmünd hängen. Die gespannte Stille, die die vier Schwangeren, von denen drei ihren Mann mitgebracht haben, umgibt, wird durch eine Frau in T-Shirt und weiter Hose durchbrochen. Sie hat schwarze, mittellange Haare und ist barfuß. Es ist Nadja Mück, die sich an diesem Informationsabend für ihre zwei fehlenden Kolleginnen entschuldigt. Heute fehlt Sabine Windmüller, die bei einer Hausgeburt aushilft. "So eine Geburt ist eben nicht planbar, also stehen wir Hebammen unter ständiger Rufbereitschaft, manchmal müssen wir sogar Abende ausfallen lassen." Sie lächelt freundlich in die Runde und bittet, die Schuhe auszuziehen und ihr ins Geburtszimmer zu folgen.

In dem hellen Raum mit bunten Vorhängen und kleiner Küchenzeile liegen Pezzibälle und rote Matten, zwischen denen die kleine Gruppe Platz nimmt. Geburtshäuser sollen den Schwangeren eine ruhige Atmosphäre ohne viel Technik bieten. "Die Gebärende soll sich geborgen fühlen, und deshalb wird auf ihre Wünsche und Vorstellungen bei der Geburt eingegangen", erklärt Mück. Außerdem wird viel Wert auf interventionsarme Geburtshilfe gelegt, "denn nicht jedes verabreichte Medikament ist sinnvoll, weil das, was ein Körper leistet, kann er auch aushalten."

Eine junge Mutter im orangenen T-Shirt, die in der 30. Schwangerschaftswoche ist, erfährt auf ihre Frage, dass viele Frauen erst "kurz vor knapp" eintreffen. "Wenn es tatsächlich nicht mehr reichen sollte, kommen wir natürlich auch zu Ihnen nach Hause, im Auto ist bei uns noch kein Kind zur Welt gekommen."

Normalerweise halten sich die Frauen nicht lange im Geburtshaus auf. In der Zeit vor der Geburt wird gegenseitiges Vertrauen aufgebaut. Nach der Entbindung verbringen die Paare meist noch zwei bis vier Stunden im Haus, bevor sie mit dem Kind nach Hause fahren dürfen.

Gegründet wurde die Einrichtung 2010 von Monika Herb und Sabine Windmüller. Letztere arbeitete nach der dreijährigen Ausbildung zur Hebamme sechseinhalb Jahre in Waiblingen im Kreißsaal. Eine Woche nach dem Informationsabend sitzt sie im Wohnzimmer ihres Eigenheims. "Meine Vorstellungen, was diesen Beruf anging, erfüllte das aber nicht, das merkte ich nach etwa vier Jahren. Im Krankenhaus ist alles sehr steril, und das Drum herum ist meiner Meinung nach problematisch. Es gibt immer mehrere Frauen gleichzeitig, die nur von zwei bis drei Hebammen betreut werden, die somit nur immer wieder Mal vorbeischauen können." In der Nähe ihres Wohnorts Böbingen gab es kein Geburtshaus, nur im 60 Kilometer entfernten Stuttgart. So entwickelte sich mit Gleichgesinnten die Einrichtung "Geburtshaus und Hebammenpraxis Margaritenheim". "Ich wusste bereits in der zehnten Klasse, dass das mein Traumberuf ist", sagt Windmüller. Obwohl eine gewisse Routine einkehre, sei jede Geburt anders und etwas Besonderes. Mehrlingsgeburten, chronische Krankheiten der Mutter oder eine Abweichung vom Normalwert des Blutdrucks sind Gründe für eine sofortige Überweisung in eine Klinik.

"Weil normal nichts Unerwartetes auftreten kann, sind auch werdende Väter relativ entspannt bei uns. Nur zwei, drei Mal mussten welche den Raum verlassen, aber sie schlagen sich sonst immer tapfer an der Seite ihrer Frauen. Dafür ist die Aufregung umso größer, wenn die Kleinen erst mal gesund auf der Welt sind. Einmal wurde mir sogar in den Finger geschnitten beim Nabelschnurdurchschneiden. Aber das kann ja in der Aufregung mal passieren." Sie muss beim Gedanken an das Entsetzen im Gesicht des Vaters grinsen. Zum Vorschein kommt eine Zahnlücke, die das sympathische Lächeln der jungen blonden Frau unterstreicht, die selbst Mutter einer zweijährigen Tochter ist. Manchmal passen die Omas auf Lotte auf. "Denn wenn ich als erste Hebamme arbeite, muss ich 24 Stunden am Tag einsatzbereit sein."

Hebammen sind dazu verpflichtet, eine Berufshaftpflicht zu haben. "Das Problem ist, dass die Versicherungssumme bei allen selbständig arbeitenden Hebammen so hoch ist, dass wir die ersten drei Monate im Jahr eigentlich umsonst arbeiten müssen, weil dieses Geld allein nur für die Versicherungen draufgeht", sagt Sabine Windmüller. Vor wenigen Jahren kamen noch rund 1800 Bewerbungen auf 15 Ausbildungsplätze, heute seien es nur noch um die 500. Das liege daran, dass immer mehr junge Frauen unabhängig bleiben wollten und der geringe Verdienst abschrecke. "Es ist schade, dass ich den Beruf nur noch ausüben kann, weil mein Mann auch verdient."

Informationen zum Beitrag

Titel
Relativ entspannt
Autor
Leonie Riek
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.06.2015, Nr. 135, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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