Auch die Ärztin hat komisch geschaut

Das war wie im Film", antwortet Drillingsmutter Anke Gringel, wenn man sie nach ihren Erlebnissen in der Schwangerschaft fragt. Wie eine typische Vollzeitmutter sieht die 37 Jahre alte gelernte Groß- und Außenhandelskauffrau nicht aus. Sie trägt rote gefärbte Haare, mehrere Ohrringe, ein Piercing und hat einen modernen Kleidungsstil. Doch ihre Geschichte beschreibt einen harten Alltag.

Auch wenn die Schwangerschaft schon fünf Jahre zurückliegt und ihre drei Töchter Lina, Maya und Romy den Kindergarten im unterfränkischen Schonungen besuchen, denkt sie oft an die schwere Zeit, die hinter ihr liegt. "Es war der 17. Dezember 2009, da bin ich zu meiner Frauenärztin gegangen, die sagte mir bei der Untersuchung, sie sieht recht wenig auf dem Ultraschall ..." Es war fraglich, ob überhaupt eine Schwangerschaft vorlag. Nach der klärenden Blutabnahme dann der Schock. Am späten Nachmittag folgte ein Anruf der Ärztin: "Der HCG-Wert lag viel zu hoch. Lebensgefahr!" War das ein Indiz für eine Eileiterschwangerschaft? Zwei Tage Klinikaufenthalt bringen Klarheit. Es gibt zunächst Entwarnung, Zwillinge kündigen sich an. "Zwillinge, das schaffst du mit links, du hast ja auch zwei Hände", dachte Anke Gringel damals, denn in ihrer Familie und der ihres Mannes gab es bereits Zwillinge in früheren Generationen. "Auf dem Ultraschall sah es aus wie eine Schweineschnauze", erinnert sie sich. "Da hab ich noch nicht gewusst, was noch kommt." Erst die Kontrolluntersuchung im Januar 2010 brachte endgültige Klarheit. "Da hat meine Ärztin schon so komisch geschaut. Als ich dann die neuen Ultraschallaufnahmen sah und mir gesagt wurde, dass es Drillinge sind, hab ich mir gedacht, ich dreh' durch."

Grund zur Sorge hat die damals werdende Mutter allemal, denn erst geraume Zeit zuvor hatte sie sich von Gebärmutterhalskrebs erholt. "Ich sollte mich darauf einstellen, dass mich ein halbes Jahr Liegezeit erwartet und ich nicht mehr als zwei Kilo tragen darf", berichtet die junge Mutter. Ihr Mann, der als Lagerist arbeitet, ist zuerst geschockt von der Nachricht, dass er nun gleich dreifacher Vater wird. "Ich hab gedacht, na klasse, der bringt mich um, wenn er das hört", erzählt sie schmunzelnd. Die Wohnung und das Auto zu klein, und nun drei Kinder, die Aufmerksamkeit brauchen werden. "Ich hatte damals viele Fragezeichen im Kopf, doch eine Abtreibung habe ich gleich abgelehnt."

Bald stand fest, dass es drei Mädchen werden, zwei eineiige und ein zweieiiger Mehrling. "Das muss man sich vorstellen, da schwimmt jedes Kind in seinem eigenen Swimmingpool, und meine restlichen Organe waren irgendwo", sagt Anke Gringel. "Ich bekam kaum mehr Luft, hatte Schmerzen und einen überdimensionalen Bauch. Nach Bitten meinerseits erlösten mich die Ärzte in der vierunddreißigsten Schwangerschaftswoche. Es lagen mehrere Wochen in einem Vier-Bett-Uniklinik-Zimmer bei 30 Grad Außen- und Innentemperatur hinter mir, ich bin ja keine Sau, die zehn Junge austragen kann", sagt sie drastisch. Die Kinder wurden dann per Kaiserschnitt in der Uniklinik Würzburg geboren, sie erinnert sich noch genau: "Der ganze Kreißsaal war voller Ärzte, Hebammen und Assistenten, nur wegen meiner Töchter und mir."

Als die stolze Mutter und ihre Kinder wenige Wochen später dann endlich daheim sind, bleibt keine Zeit der Erholung. "Die haben nur geschrien, wenn eine angefangen hat, zogen die anderen zwei mit. Und irgendeine hat immer angefangen, rund um die Uhr." Anke Gringel kommt ans Ende ihrer Kräfte. "Ich hab zwei Jahre fast nicht geschlafen, denn die Kinder können ja nicht sagen, was ihnen fehlt, die schreien dann einfach", berichtet die Schonungerin. "Es tanzten immer fünf bis sechs Leute bei uns herum, die unbedingt nur mal Drillinge sehen wollten, oder Bekannte, Verwandte, Nachbarn, die beim Füttern halfen, doch ich war einfach nur kraftlos und total genervt. Die ständige Unruhe überträgt sich dann auch auf die Kinder, deshalb hatten sie später dann auch immer Ängste vor ihrer Umwelt." Umwelt bedeutet dabei so ziemlich alles: Menschen, vor allem Männer, Tiere, Gegenstände, vorbeifahrende Autos, Flugzeuge, Hubschrauber, Mücken, Bienen, Hunde, Katzen, Gras, Stofftiere. Hinzu kamen Verlassensängste der Neugeborenen. Sie äußerten sich durch Panik, Flucht und Schreien. Durch ständiges Üben und mehrfaches Wiederholen gleicher Situationen legte sich die Unruhe der Kinder schließlich, aber ohne Mama zu bleiben, fällt den Dreien auch heute immer noch schwer.

Das Alltagsleben sieht anfangs nicht rosig aus, denn auf Unterstützung und Informationen seitens des Staates oder der Krankenkasse kann die junge Mutter kaum hoffen. "Ich habe oft verschiedene Stellen angerufen, war verzweifelt. Aber jeder zuckte nur mit den Schultern, war nicht zuständig." Anke Gringel ist auch selbstkritisch: "Meine Kinder haben alle Flöhe im Hintern, sind sehr wuselig und ständig am Quasseln, wenn es ums Essen, Spielsachen oder auch ums Quatschmachen und Zuneigung geht, da hat jeder Angst, er kommt zu kurz. Wenn wir Tiere wären, würde das Recht des Stärksten zählen. Ich komme mir oft vor wie ein Feldwebel, doch so sind meine Kids, und ich würde sie nie mehr hergeben, ich liebe sie. Ich habe wenig freie Zeit für mich, meine Hobbys sind die Kinder."

Wenn man heute ihren Alltag ansieht, dann stellt sich die Frage, wie sie es schafft, jedes Mal die Zeitpläne ihrer Töchter zu regeln, denn jedes Mädchen hat andere Hobbys und andere Bedürfnisse. "Sie werden natürlich auch manchmal verwöhnt, doch wenn sie sich sinnlos um einen Gegenstand streiten, dann gehört er halt mir. Anstrengend ist es immer noch, aber wenn dann alle abends im Bett sind und Ruhe einkehrt, dann gönne ich mir auch mal meine Feierabendzigarette", gesteht die dreifache Mutter. Auf die Frage, wie sie sich die Pubertät der drei vorstelle, meint sie: "Ganz schlimm, die sind jetzt schon kleine große Zicken, und das wird dann wahrscheinlich noch schlimmer."

Informationen zum Beitrag

Titel
Auch die Ärztin hat komisch geschaut
Autor
Felix Hauck
Schule
Bayernkolleg , Schweinfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.06.2015, Nr. 135, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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