Hall of Fame der Liebenden

Ganz unbedeutend erscheint einem die Kirche im Stadtteil Harlem am Rande New Yorks, in der die Liebe ein wichtiger Teil der Kultur und des Glaubens ist. Jedes Jahr finden in der kleinen Kirche, die mit vielen Engeln und Heiligen in der Eingangskuppel dekoriert ist, eine Handvoll Männer und Frauen die Liebe ihres Lebens, manche bei einer Messe, andere bei Veranstaltungen wie zum Beispiel einem Gospelabend. Die St.-Mauritius-Kirche oder die Kirche der Liebe, wie sie genannt wird, stammt aus der Neugotik. Nur die Mitglieder der Kirchengemeinde und Eingeweihte wissen über das Geheimnis der Liebe und wie man sie hier findet Bescheid.

Xin Lu ist eine dieser Glücklichen, die im Jahre 1995 bei einer anglikanisch Ostermesse ihren heutigen Ehemann kennengelernt hat. "Für mich war es Liebe auf den ersten Blick", sagt die charmante Chinesin, während sie den mit Backsteinen gepflasterten Eingang der Kirche betritt. "Ich kam erst zwei Jahre vor dem besagten Tag durch meine Familie, die hier ein chinesisches Restaurant eröffnete, nach New York. Er sang an diesem Ostersonntag im Kirchenchor. Ich war von seiner Ausstrahlung und seinem Lächeln so begeistert, dass ich nicht mehr ruhig sitzen konnte." In großer Vorfreude auf den Besuch des Sakralbaus spaziert die 42-Jährige die lange Eingangshalle entlang. Hier sind auf beiden Seiten etliche Hochzeitsbilder von Ehepaaren angebracht. Jedes Bild wird in dem dunklen Gang mit hellem Licht beleuchtet. "Das Hochzeitsfoto von meinem Gatten und mir ist auf der rechten Seite des Ganges angebracht. Diese Ehre wird einem jedoch nur zuteil, wenn man auch in dieser Kirche heiratet, wo man sich ja gefunden hat", erklärt Xin Lu, während sie sich kleine Tränen aus dem Gesicht wischt. Nachdem die Kirche mehrere Dankesbriefe von Paaren erhielt, die sich hier gefunden hatten, kam man auf diese Idee. Kirchenrat und der damalige Pfarrer entschieden, das Vestibül als Hall of Fame der Liebenden zu bezeichnen.

"Ich konnte es nicht erwarten, den dunkelhäutigen, kräftigen, aber doch niedlichen Mann, mit den gekräuselten Haaren aus dem Kirchenchor kennenzulernen", sagt Xin Lu. "Nach der Messe habe ich also meinen ganzen Mut zusammengenommen und hinter der Kirche auf ihn gewartet - er kam jedoch nicht. Ein anderes Mitglied aus dem Chor wies mich darauf hin, dass er nach dem Gottesdienst immer noch die Kirche putzen würde." Während sich die schwarzhaarige Xin Lu langsamen Schrittes in den mit hellen Farben bemalten Hauptteil der Kirche begibt, beginnen ihre Augen immer mehr zu strahlen. Sie zeigt auf den Altar: "Ich sah ihn dann ganz vorne in der Kirche, wo er gerade den Altarbereich putzte. Jedoch traute ich mich nicht, ihn anzusprechen." Das Putzen ist eine wichtige Aufgabe, die hoch geschätzt wird und nicht von jedem ausgeführt werden darf. "Ich schrieb ihm eine kleine Notiz und legte diese genau hier in der letzten Reihe auf die Bank", flüstert die sichtlich gerührte Xin Lu und zeigt auf die Stelle. "Noch am gleichen Tag rief er mich an. Sein Freund, der mich kannte, riet ihm, sich unverzüglich bei mir zu melden." Die zierliche Frau wirkt in der großen mit vielen Ornamenten verzierten Apsis ganz unscheinbar, fast verloren. "Wir trafen uns danach mehrmals und kamen uns mit jedem Treffen näher." Am Ostersonntag 1996, also genau ein Jahr später, war Xin Lu bereits mit ihrem heutigen Mann fest liiert.

Die Chinesin eilt schnell zurück zur letzten Bankreihe und erklärt: "An der gleichen Stelle, an der ich den Brief ein Jahr zuvor hingelegt hatte, plazierte er damals auch unseren Verlobungsring. Für uns war klar, dass wir heiraten würden." "Und ich schrie ihm - ja, ich schrie in der Kirche - das kleine, aber bedeutende Wort ,ja' zu", schreit nun Xin Lu erneut mit ergreifender Begeisterung. Der helle Klang ihrer Stimme hallt noch mehrere Sekunden nach, und genau in dem Augenblick, als sie sich von der Bank erhebt, erscheint ihr Mann, der chinesische Produkte importiert, unterhalb der Empore, auf der sich eine glänzende Orgel befindet.

Durch die wieder aufgefrischten Gefühle und Erinnerungen ist sie so gerührt, dass sie ihrem Mann um den Hals fällt. "Ich bin heute immer noch so froh wie damals. Nach 13 Jahren Ehe liebe ich dich noch immer wie 1995", sagt Xin Lu zu ihm, bevor sie ihm einen Kuss auf die Wange drückt. Nach diesem bewegenden Moment verabschiedet sich die überwältigte Frau. "Ich hoffe, sie hat unsere Liebesgeschichte nicht zu übertrieben dargestellt", ruft lachend der elegant gekleidete Gatte, während er mit seiner Frau Arm in Arm die Kirche, wo der Ursprung ihrer Liebe ist, verlässt.

Informationen zum Beitrag

Titel
Hall of Fame der Liebenden
Autor
Joël Zgraggen, Kantonale Mittelschule Uri, Altdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.02.2011, Nr. 27, S. N6
Projekt
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