Eine schöne Lehrerin

Mit einem einladenden Lächeln zeigt Nuala Holloway auf einen der alten Holzstühle in ihrem Klassenzimmer in Dublin. Die Frau in den Fünfzigern ist Irischlehrerin, Künstlerin, Radiosprecherin, ehemaliges Model und einstige "Miss Ireland". An den Wänden hängen bunte Rechtschreib- und Grammatikposter, Reproduktionen der Gemälde, die sie gemalt hat, und zwei von ihr gemalte Acrylbilder. Das eine zeigt Mohnblumen auf einer Wiese, das andere einen Teich in einem Park. Nuala fährt sich durch ihre vollen, hellbraunen, glatt gestylten Haare. "Das Modeln war nie etwas, das ich machen wollte." Eines Abends, während sie in Cork Kunst studierte und auf dem Weg zu ihrem Apartment war, hielt sie jemand an und fragte, ob sie daran interessiert sei, professionell Fotos von sich machen zu lassen. Sie lehnte zunächst ab. "Man sollte Fremden nicht zu schnell nachgeben." Sie erfuhr, dass der Fotograf für den "Cork Examiner" arbeitete. Er riet ihr, sich bei der lokalen Modelagentur einzuschreiben. Sie folgte seinem Rat. "Ich dachte, ich könnte nebenbei lernen, wie man vernünftig läuft", lacht sie und richtet ihren weißen Strickpulli. Die Agentur machte Fashion-Shows, manchmal Fotoshootings für Werbungen oder Zeitschriften. Dort fing ihre Karriere an. Nuala blieb aber nicht lange.

Die Leiterin der Agentur brachte sie auf die Idee, an Wettbewerben teilzunehmen. "Es gab viele Wettbewerbe: für die schönsten Augen oder das schönste Lächeln." Einer der Wettbewerbe, die sie gewann, war "Miss Wassersport". Sie zog daraufhin in die Dubliner Innenstadt. Nuala war dabei, als eine der Boat-Shows von Schauspieler Peter Gilmore eröffnet wurde. Die Zeitungen druckten Bilder von Gilmore und ihr im Bikini. Das irische Auswahlkomitee sah die Bilder und überredete sie, in den späten 70er Jahren, nach Okinawa in Japan zu reisen, um Irland bei den "Miss Internationals" zu repräsentieren. "Es war faszinierend, in Japan anzukommen. Überall waren Fotografen, und alles war so anders." Auf dieser Reise freundet sie sich mit "Miss Great Britain" an. Die Medien sind nicht begeistert. Internationale Journalisten stellen unangenehme Fragen über die Freundschaft. Damals war die Beziehung zwischen England und Irland angespannt wegen der Kämpfe in Nordirland. Viele Menschen kamen dabei ums Leben. Die Medien fragen sie, ob es denn nicht absurd sei, dass "Miss Ireland" und "Miss Great Britain" in dieser Situation befreundet sind. "Man muss bei solchen Fragen der Medien geschickt sein und nicht zu viel preisgeben", verrät Nuala. "Die anderen Models waren zwar schön, aber nicht alle waren Intelligenzbestien", gibt sie zögernd zu. Für Nuala war Bildung schon immer wichtiger als Schönsein. Daher fühlte sie sich nie richtig wohl in diesem Geschäft.

Irland war damals nicht besonders groß im Modelgeschäft. Man riet deshalb, nach London oder New York zu gehen, um mehr zu verdienen. Aber sie wollte als heimatverbundene Irin ihr Land nicht verlassen. Sie wirkte in Werbefilmen mit. So auch für den irischen Süßwarenfabrikanten Lemons. Die Werbung wurde in Kinos und im Fernsehen gezeigt. "Ich fand es toll, in ein altes viktorianisches Kleid zu schlüpfen. Und ich wurde gut bezahlt." Sie ergattert verschiedene kleine Rollen im Theater. Dann spricht sie für den Film "The First Great Train Robbery" vor. In dem Film geht es um Edward Pierce, einen Meisterdieb. Nuala spielte eine Prostituierte, die mit Sean Connery ins Bett geht. Einer blies die Pfeife, ein Zeichen, dass die Polizei kommt, woraufhin sie aus dem Zimmer rennen musste, gefolgt von Connery. "Er war so lustig", kichert sie.

Obwohl sie das Modeln aufregend findet und die Schauspielerei liebt, war ihr Traumberuf stets Lehrerin oder etwas in der Kunstbranche. Sie begann wieder am University College Dublin zu studieren, und zwar Irisch und Kunstgeschichte. Gleichzeitig nahm sie einen Nebenjob bei einer Radiostation an und las dort die Nachrichten. Als bildende Künstlerin arbeitet sie nach wie vor. Eines ihrer Gemälde hängt sogar im Weißen Haus. Es zeigt ein Schiff, auf dem im 19. Jahrhundert Iren vor der Hungersnot nach Nordamerika flohen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Eine schöne Lehrerin
Autor
Camille Lindlahr
Schule
St. Kilian's Deutsche Schule , Dublin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.06.2015, Nr. 141, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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