Auf Michael Collins' Grab liegen immer Blumen und Liebeskarten

Ein Kapitel in Ulysses ist ihm gewidmet. Und für Ann-Marie Smith ist es eine Ehre, dort zu arbeiten: Begegnungen auf Dublins Glasnevin Cemetery.

Glasnevin Cemetery ist kein gewöhnlicher Friedhof. Seit seiner Öffnung 1832 musste er sich gegen manche Feinde wehren. Tritt man durch die schwarzen, düsteren Gittertore in den Dubliner Friedhof ein, sieht man einen Rundturm: das O'Connell-Denkmal, das mit einer Höhe von 51 Metern den Friedhof überragt. Der irische Politiker Daniel O'Connell setzte sich nicht nur für die Unabhängigkeit Irlands ein, sondern ist auch der Begründer von Glasnevin Cemetery. Er ermöglichte es, dass erstmals Katholiken nach ihrem Glauben und ihren Sitten beerdigt werden konnten. Glasnevin sollte ein Friedhof "für jede und keine Religion" sein. Das ist er bis heute.

Um den Turm herum sieht man unzählige Gräber, Grabsteine mit keltischen Kreuzformen und mit Kleeblättern. Mit teilweise fast drei Meter Größe wirken manche Grabsteine monumental. Ein paar Besucher huschen vorbei. Obwohl es ein Platz des Todes und oft großen Leids ist, herrscht eine friedliche Atmosphäre. Still ist es. Nur in der Ferne brummt ein Rasenmäher. Ab und zu hört man einen Vogel singen.

Es ist verständlich, warum der Glasnevin-Friedhof, dem James Joyce ein Kapitel in seinem Roman Ulysses gewidmet hat, als Wahrzeichen Irlands gilt. Hier im Norden Dublins liegen 1,5 Millionen Menschen unter der Erde, und das auf nur 120 Hektar Land. Eine unglaubliche Zahl, wenn man bedenkt, dass heute nur eine Million Menschen in Dublin leben. Die dort Begrabenen trugen dazu bei, das heutige Irland zu gestalten. Es sind Politiker wie Daniel O'Connell, Charles Parnell, Eamon de Valera und Michael Collins, die für die Unabhängigkeit Irlands von Großbritannien gekämpft haben. Oder die Unabhängigkeitskämpferin, Gräfin Markievicz, die zu jahrelanger Gefängnisstrafe in Kilmainham Goal verurteilt wurde. Aber auch Schriftsteller wie Brendan Behan, Künstler wie Luke Kelly, der Sänger bei den Dubliners war, und einfache Menschen, die gekämpft, gewählt, geglaubt und geliebt haben, liegen hier begraben.

Ann-Marie Smith ist seit fünf Jahren die Managerin des Museums. Das futuristische Gebäude befindet sich am Haupteingang des Friedhofs. Die 38-jährige Frau hat kinnlange, blonde Haare, blaue, wache Augen und ein rundes, freundliches Gesicht. Ihr dunkles Lachen ist ansteckend. Die irische Geschichte, die in Glasnevin Cemetery zu finden ist, begeistert die Frau in dem modernen schwarzen Hosenanzug. An der Trinity-Universität Dublin studierte sie Geschichte. Vorher arbeitete sie in Kilmainham Goal, dem berühmten irischen Gefängnis und im Gaelic Athletic Association Museum. Noch immer unterstützt sie die gälischen Ballsportarten und hat eine Jahreskarte für Croke Park, das Nord-Dubliner Stadion. Smith scheint die Geschichte fast jeden Grabes zu kennen. Ihr Lieblingsgrab ist das von Anne Devlin.

Devlin war die Haushälterin des 1803 hingerichteten Rebellenführers Robert Emmet. Sie wurde in das Kilmainham-Goal-Gefängnis gebracht und in Dunkelhaft gehalten und gefoltert, weil sie sich weigerte, Emmet zu verraten. Halb erblindet, wurde sie 1806 aus dem Gefängnis entlassen, bekam zwei Kinder und starb 1851 als 70-jährige, verarmte Frau. Sie wurde in einem Armengrab bestattet. Ein guter Freund von ihr, Dr. Richard Madden, der während dieser Zeit in Amerika war, sorgte später dafür, dass sie ein würdevolles Grab bekam. Sie liegt in der Nähe des Republican Spot, des Platzes, wo die Freiheitskämpfer beerdigt sind. Auf dem Grabstein wird sie als "faithful servant" von Robert Emmet bezeichnet, die in "obscurity and poverty" lebte.

"Es ist eine Ehre, in Glasnevin Cemetery zu arbeiten", sagt Smith mit ihrer leicht rauhen Stimme. Sie sitzt an einem Tisch in der Mitte des hellen Museumsrestaurants. Es riecht nach gekochtem Fleisch, Gemüse und Kartoffelpüree. Das Restaurant ist voll. 30 Leute unterhalten sich lautstark in verschiedenen irischen, englischen und amerikanischen Dialekten. 80 Prozent der Besucher kommen aus Irland. Die übrigen sind aus Großbritannien, Nord- und Südamerika und anderen europäischen Ländern. Seitdem der Film "One Million Dubliners" über Glasnevin 2014 im Kino lief, sind die Besucherzahlen enorm gestiegen. Zweimal am Tag finden Führungen statt. Man erfährt dabei einiges über die irische Geschichte und über die besonderen Friedhofsbäume: Eichen, rote Mammutbäume und Eiben. Den Kelten galten sie als Bäume des ewigen Lebens, weil die Tiere die Blätter nicht anrührten. Um den Toten die ewige Ruhe zu gewähren, wurden diese Bäume auf Friedhöfen gepflanzt. Später fand man heraus, dass die Tiere die Blätter nicht fraßen, weil die Eiben giftig sind.

Glasnevin Cemetery hat viele Eiben. Sie gelten als Glücksbringer. So wie auch die steinernen Kleeblätter, Harfen und Engel, die die Gräber zieren. Die etwa 15 Meter hohen Außenmauern mit den Wachtürmen dienten aber auch dazu, Grabräuber fernzuhalten. Diese waren eine große Gefahr, da frische Leichen gerne für die Anatomie gestohlen wurden. Angehörige bezahlten sogar Kindern Geld, damit diese zwei Wochen lang die Gräber Tag und Nacht bewachten. Dann war die Leiche für die Anatomie unbrauchbar. Nur so konnten die Toten ihre letzte Ruhe bekommen. Das kann auch Falko Behsen bestätigen. Der fast 1,90 Meter große Deutsche aus der Nähe von Kiel arbeitet seit 2004 als Totengräber auf dem Friedhof. Wie geht er damit um, täglich Menschen zu begraben? Behsen sieht das recht pragmatisch: "Es ist ein Job, man darf ihn nicht zu sehr an sich heranlassen." Traurig sei es schon oft, besonders wenn er Gräber für Kinder ausschaufeln muss. Bis zu sieben Stunden kann es dauern, bis ein Grab ausgehoben ist. Wie will er einmal begraben werden? "Ach", sagt er und schaut in die Ferne, "ich bin für die billigste Lösung, die Einäscherung. Vielleicht habe ich auch einfach zu viel Verwesung gesehen", bekennt er lachend. Aber er schätzt seine Arbeit: "Glasnevin ist ein so historischer Ort! Als ich herkam, wusste ich nichts über die irische Geschichte. Jetzt weiß ich mehr als manche Iren."

Das mit Abstand beliebteste Grab ist das von Michael Collins. Er war Revolutionsführer während des Konflikts zwischen Irland und England von 1916 bis 1922. Für viele Iren ist er noch heute ein Held. Sein Bild und das von John F. Kennedy hingen früher in fast jedem irischen Haus, weil sie als katholische Vorzeigeiren galten. Seit den 80er Jahren sind die Iren ihren Nationalhelden gegenüber kritischer geworden. Allerdings schätzte man Collins nicht nur für seine politischen Leistungen: Viele Frauen fanden ihn gutaussehend. Und er starb jung im Alter von 31 Jahren.

Auf seinem Grab sieht man immer Blumen und Liebeskarten liegen. Ann-Marie Smith erzählt von einer Frau, die sechsmal im Jahr von Frankreich nach Dublin fliegt, um Blumen auf Collins' Grab zu legen. "Sie ist in ihn verliebt, obwohl er schon lange tot war, als sie geboren wurde." Die Dubliner nennen sie "The Mysterious French Lady". Amerikaner senden Blumenkränze, vor allem seit dem Hollywoodfilm "Michael Collins".

Auch Ann-Marie Smith findet es manchmal traurig, auf einem Friedhof zu arbeiten. Aber die toten Menschen stören sie nicht. "Ehrlich gesagt, fürchte ich mich mehr vor den Lebenden als vor den Toten", erklärt sie etwas trotzig, als sie eine Haarsträhne hinters Ohr steckt. Manchmal denken Leute, dass ihre Arbeit deprimierend sei, und Smith muss ihnen erklären, dass sie tatsächlich gern auf einem Friedhof arbeitet. Die Arbeit hat ihr eine neue Sicht auf den Tod gegeben; sie hat keine Angst mehr vor ihm. Sie glaubt an das Leben nach dem Tod und freut sich, dass sie ihre verstorbenen Lieben wiedersehen wird. Die Frage, ob sie in Glasnevin begraben werden sein will, hat sie noch nicht entschieden. Es ist eine Ehre, in Glasnevin Cemetery begraben zu sein, aber ihre Eltern liegen in Cavan. Am liebsten wäre es ihr, wenn ihre Asche über das Spielfeld von Croke Park, dem Ort, wo sie viel Zeit verbringt, gestreut würde.

Informationen zum Beitrag

Titel
Auf Michael Collins' Grab liegen immer Blumen und Liebeskarten
Autor
Emma Prehn
Schule
St. Kilian's Deutsche Schule , Dublin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.06.2015, Nr. 141, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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