Enthusiastisch erklärt er die Lösung des Problems

Dazu, vom Schachspiel leben zu können, kommen nur Profis, die sich über der Grenze von 2650 Elo-Punkten, wie die Wertungszahl zur Angabe der Spielstärke von Schachspielern heißt, befinden. Das sind die Top 100 der Weltrangliste. "Ich bin kein Fan vom Berufsschach", sagt Max Hess, der zweitbeste Schachspieler Südschwabens, mit 2188 Elo-Punkten. "Das Gewinnen wird im Beruf zur Pflicht. Würde ich nur wegen des Preisgeldes spielen, hätte ich keinen Spaß mehr." Dabei scheint es leichtverdientes Geld, wenn man einfach talentiert ist. Doch Talent ist ein Begriff, den Max Hess in Bezug auf Schach ungerne hört; es sei primär eine Sache des Fleißes. Fleiß heißt für Max Hess nicht, frustriert am Brett zu sitzen.

Mit aufmerksamem Blick beugt er sich über die Stellung, schaut auf die Figuren hinab, so dass sein gelockter Blondschopf ihm über das Gesicht hängt, und seine tiefbraunen Augen fliegen über das Brett. Dann blickt er mit einem Lächeln wieder auf und erklärt enthusiastisch die Lösung des Problems, als wollte er seinem Partner kurz Einblick in die Gedanken verschaffen, die sich hinter der Stirn des jungen Gesichts verbergen.

Mit sechs Jahren lernte Max Hess das Figurenfahren von seinem Vater. Ziel war es, den Vater zu besiegen, was schwer war. Jedes Mal, wenn seine Stellung auf dem Brett verloren war, wurde das Brett umgedreht, und er durfte mit den Figuren des Vaters seinen Sieg versuchen. So drehten sie das Brett, bis Max gewann. Mit sieben Jahren trat Max Hess einem Schachclub bei. Sein Vater stellte sich bald als leicht zu besiegender Gegner heraus.

Hess' Spielstärke zeigt eine stetig steigende Kurve. "Wenn du hoffst, in mir ein Superhirn zu finden, interviewst du den Falschen. Sicher mag es Genies geben, doch im Schachspiel heißt es wenig, ein solches zu sein. Training ist das wichtigste. In der absoluten Weltspitze ist es, vielleicht abgesehen von Carlsen, so, dass alle in etwa gleich talentiert sind, aber dann die Tagesform entscheidet. Oder eben nicht, es geht ja oft remis aus. Ich glaube nicht, dass Klugheit ein so gewichtiger Faktor im Schachspiel ist, wie man glaubt."

Es vergeht kein Tag in Max Hess' Leben, ohne eine Partie gespielt oder analysiert, ohne eine Eröffnung studiert, ohne ein Schachvideo auf YouTube gesehen oder ohne Turnierberichte aus laufenden Meisterschaften gelesen zu haben. Wenn es auch nur ein Schachrätsel ist, täglich hat er mit Schach zu tun. "Es gibt meines Wissens verschiedene Formen der Intelligenz. Von mathematischer Intelligenz bis hin zu sozialer Intelligenz. Im Schach ist für jeden was dabei: Der eine ist besser in der Taktik, also im Erkennen von Varianten, im Durchrechnen komplizierter Kombinationen. Der andere ist besser in der Strategie, im Bewerten der gesamten Stellung und in der langfristigen Planung", sagt er. "Wer gut logisch denken kann, um seine Gedankengänge strukturiert laufenzulassen - denn während des Rechnens darf kein Chaos herrschen -, und dann noch eine gute räumliche Vorstellungskraft hat, dem steht nichts mehr im Wege." Also doch Intelligenz? "Natürlich ist Intelligenz und Talent ein riesiger Vorteil; aber mit Training lässt sich im Schach auf Vereinsebene viel erreichen. Der Erfolg der Weltspitze resultiert natürlich nicht lediglich aus enormem Training, sondern auch aus Talent."

Schach könne Kindern helfen, sich in Mathematik zu verbessern. Außerdem mache Schach Spaß. Das schwarz-weiß-karierte Brett mit all den Figuren und ihren möglichen Zügen sei wie eine Phantasiewelt, in der man Pläne schmieden, sich ärgern und sich austoben kann. "Es bietet Auslauf fürs Gehirn! Schach ist nie zu Ende. Man kann immer tiefer hinein."

Max Hess studiert Mathematik und Informatik an der TU in München. In seiner Freizeit geht er mit Freunden aus. "Am Wochenende war ich mit zwei Kumpels Biertrinken und dann auf einem Konzert der Antilopen Gang. Am nächsten Morgen musste ich wieder früh raus, um zu einem Mannschaftskampf zu fahren." Was er nach dem Studium vorhat, weiß er noch nicht. "Ich habe noch gar keine Vorstellung. Man soll das studieren, was einen interessiert, selbst eine brotlose Kunst, wenn man's gerne tut. Denn dann ist man gut und findet später auch was und ist erfolgreich."

Mit Schach kommt Hess um die Welt. Bis nach Lettland ist er gereist, um an einem Turnier teilzunehmen. Für die Fahrkarte testete er in den Sommerferien Software für ein Unternehmen. Das Turnier dauerte neun Tage lang. Da kam er mit Menschen aus aller Welt in Kontakt. Er sei aber kein Wettbewerbsfanatiker, und der Reiz des Schachs liege für ihn nicht darin, "dass ich den Gegner fertigmache und mich an seiner Unterlegenheit labe". Das sei bei den großen Schachspielern anders. Tarrasch und Nimzowitsch waren angeblich erbitterte Feinde. Emanuel Lasker postulierte, das Spiel gehe über das Brett hinaus. Und Bobby Fischer sagte, man spiele nicht gegen den gegnerischen König, sondern es sei die Person, die einem gegenübersitze, die es zu vernichten gelte. "Mag sein, dass das damals so pathetisch war. Ich halte nichts davon - auch nicht vom psychologischen Spiel. Man hat fair zu kämpfen und Respekt vor dem Gegner zu haben. Ich biete beispielsweise nach jeder Partie eine Analyse an. Das gehört sich."

Es tue schon gut, hin und wieder 150 Euro in einem Turnier zu gewinnen. "Das höchste Preisgeld, das ich gewonnen habe, waren 200 Schweizer Franken in einem Turnier in Basel. In Lettland waren es 100 Euro."
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Enthusiastisch erklärt er die Lösung des Problems
Autor
Ricardo Rudas Meo
Schule
Allgäu-Gymnasium , Kempten
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.06.2015, Nr. 147, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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