Hausaufgaben machen im Bruchwegstadion

Der Deutsch-Chilene Kennet Hanner-Lopez kickt in der U-16-Jugendmannschaft des 1. FSV Mainz 05. Der Schüler ist auf dem Weg zum Profifußballer.

Kennet Hanner-Lopez hat nicht nur nach eigener Aussage den klassischen Torriecher eines Stürmers. Mit der U16 des 1. FSV Mainz 05 gewann der 15-Jährige die inoffizielle deutsche U-16-Hallenmeisterschaft 2015, den Freewaycup, und stach dabei die Jugendmannschaften von Borussia Dortmund, 1899 Hoffenheim oder Hertha BSC aus. Wie sieht das Leben eines Jugendspielers aus? "Es ist vor allem eines: unglaublich stressig", sagt Kennet, der ein lila Hollister-Shirt und kurze Hosen trägt. Kennet wohnt bei seiner Familie im knapp 80 Kilometer entfernten Speyer. Täglich pendelt er zwei Stunden mit dem Zug zwischen den beiden Städten. Nach der Schule setzt er sich meist sofort in die Bahn, um zum Training zu kommen.

Die Schule darf nicht zu kurz kommen, da sie die wichtigste Rolle in der Mainzer Ausbildungsphilosophie spielt und im Zweifelsfall immer im Vordergrund steht. Kennet macht seine Hausaufgaben in den umgebauten Logen des alten Bruchwegstadions, dem zentralen Ort des Nachwuchsleistungszentrums, und erhält dort Nachhilfe. Die Jugendarbeit spielt eine enorme Rolle im FSV, der sich als Ausbildungsverein bezeichnet. Großer Wert wird auch auf die Vermittlung sozialer und ethischer Werte, also der Ausbildung der Persönlichkeit, gelegt. Die Ausbildung beruht auf Grundsätzen des positiven Coachings und einem guten Umgang mit dem Körper.

"Ich habe fast kaum noch Freizeit, mein Leben besteht mittlerweile nur noch aus Schule und Fußball. Es ist schwierig, einfach so Zeit mit meinen Freunden zu verbringen", sagt Kennet nachdenklich. Der 180 Zentimeter große Stürmer besucht die neunte Klasse eines G8-Gymnasiums in Speyer. Zur nächsten Saison möchte er in das Mainzer Internat ziehen und eine der Partnerschulen des FSV, die IGS Mainz-Bretzenheim, besuchen, um den Zeitdruck zu minimieren. Er wird sein Elternhaus verlassen, ein üblicher Schritt, wie ihn auch Bundesligaspieler wie Stefan Bell, Roman Neustädter oder André Schürrle vollzogen haben. Kennet wird in das Kolpinghaus in der Mainzer Innenstadt ziehen und nur noch an spielfreien Wochenenden oder in den Ferien Familie und Freunde sehen.

Hanner-Lopez, für den es die erste Saison in der Nachwuchsmannschaft eines Proficlubs ist, ist bereits für mehrere Vereine aufgelaufen, so zum Beispiel für den SV Phönix Schifferstadt, gegen den er beispielsweise am 16. Spieltag im Heimspiel auf einem der zahlreichen Spielfelder neben dem Bruchwegstadion vier Tore erzielte und damit zum Matchwinner avancierte. Ein für ihn typisches Tor gelang ihm dabei mit seinem letzten Treffer zum 5:2. Kennet wurde von seinem zuvor eingewechselten Sturmpartner Fatih Kaya an der Mittellinie gesucht und angespielt. Daraufhin ließ er einen Gegenspieler stehen und hatte nun freie Bahn, um auf das Tor zu stürmen. Den herauskommenden Torhüter der Schifferstädter narrte er, indem er den Ball rechts vorbeispielte und links an jenem vorbeilief, so dass er nur noch in das leere Tor einschieben musste.

Um sich vorzubereiten, hat er einen bestimmten Ablauf: Er versucht zehn Stunden zu schlafen, frühstückt gesund und hört Musik, um sich zu motivieren. "Ich bin mir bewusst, dass ich eine gewisse Verantwortung habe, auf meine Fitness und Gesundheit zu achten", sagt Kennet, der in Santiago de Chile geboren wurde. Zweimal in der Woche trainiert er im Kraftraum des Bruchwegstadions. So kommt es des Öfteren vor, dass er gemeinsam mit Profispielern wie Shinji Okazaki oder Julian Baumgartlinger an den Geräten trainiert. "Ich schreibe manchmal mit Jonas Hofmann und Jairo Samperio über Facebook oder Instagram, ab und zu schicke ich auch mit Loris Karius Bilder über Snapchat hin und her", lächelt der Deutsch-Chilene. "Ich denke, dass Millionen von Kindern und Jugendlichen den Platz mit mir tauschen würden. Deswegen ist mein Leben trotz des ganzen Stresses angenehm."

Vor allem gefällt es ihm, die Bundesligaspiele als Balljunge direkt am Spielfeld zu verfolgen. Er durfte den Spielern von Borussia Dortmund oder Werder Bremen die Bälle während des Spiels zuwerfen. "So nah am Spielfeld zu stehen und das Ganze zum Teil sogar vor unseren Fans zu verfolgen, das ist schon atemberaubend", sagt er in seinem kleinen, schlicht eingerichteten Zimmer. Es gibt ein Bett, einen Schrank, der hauptsächlich mit Sportsachen befüllt ist, und einen kleinen Fernseher.

Wenn er Zeit hat, trifft er sich mit seinen Freunden in der Innenstadt oder spielt an der Konsole. Zu seinen Mannschaftskameraden hat er ein gutes Verhältnis, mit einigen ist er befreundet, so dass er sich "sehr, sehr wohl und gut aufgehoben" fühlt. Des Öfteren schauen ihn fremde Leute an. Manchmal hat er das Gefühl, als etwas Besonderes wahrgenommen zu werden, was ihn weder belastet noch stört.

Neben dem Fußball, mit dem er im Alter von sechs Jahren beim VfR 1926 Sondernheim angefangen hat, hat Hanner-Lopez bis 2013 Triathlon betrieben. Zudem fährt er gern Ski; zwar sind ihm solche Sportarten nicht verboten, doch muss er aufpassen, dass er sich nicht verletzt.

Als der Sohn einer chilenischen Mutter und eines deutschen Vaters zwei Jahre alt war, zogen seine Eltern mit ihm und seiner jüngeren Schwester Melanie von Santiago in die Südpfalz. Da er in Chile geboren wurde, jedoch einen deutschen Pass besitzt, besteht für ihn die Möglichkeit, für beide Nationen aufzulaufen. Die Verantwortlichen der chilenischen U-17-Nationalmannschaft haben ein Auge auf ihn geworfen. Vor kurzem wurde ein Bericht über ihn im dortigen Fernsehen ausgestrahlt, und er wurde von einem chilenischen Journalisten interviewt. "Das war amüsant, aber auch etwas komisch." Es ist im Juniorenfußball möglich, für mehrere Nationen aufzulaufen; erst beim Debüt in einem Pflichtspiel der A-Nationalmannschaft wird einem diese Möglichkeit versagt. So ist es Kennets Ziel, im Sommer von einer der beiden Mannschaften für die in Chile stattfindende U-17-Weltmeisterschaft nominiert zu werden. "Ich arbeite hart daran." Vorbilder sind seine Landsmänner Alexis Sanchez von Arsenal London oder Arturo Vidal von Juventus Turin. "Mein primäres Ziel ist es aber, kurzfristig den Sprung in die U19 zu schaffen."

"Manchmal mache ich mir Sorgen, ob er diesen ganzen Druck auf Dauer aushalten kann", sagt seine Mutter Paula Lopez Matus. "Es kommt oft vor, dass er abends vom Training nach Hause kommt und dann sofort ins Bett fällt und einschläft. Umso wichtiger ist es dann, dass wir ihn weiterhin unterstützen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Hausaufgaben machen im Bruchwegstadion
Autor
Sascha Kohler
Schule
Eduard-Spranger-Gymnasium , Landau
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.06.2015, Nr. 147, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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