Der wahre Schatz im Silbersee

Man geht über weiche Waldwege und weißes Kalkgestein, auf kleinen und großen Holzstegen, über Treppen und Brücken. Mal ist es unglaublich still. Dann plätschert es leise vor sich hin. Plötzlich rauscht es gewaltig. Unzählige kleine Bäche und bis zu 78 Meter hohe Wasserfälle folgen aufeinander. Ein Spaziergang rund um die Plitvicer Seen, etwa 140 Kilometer südlich von Zagreb, an der Grenze zu Bosnien-Hercegovina, ist ein akustisches und vor allem auch ein optisches Erlebnis. Von Frühling bis Herbst glitzert und funkelt es zwischen grünen Pflanzen und blauem Wasser. Im Winter bricht sich das Licht oft in bizarr geformtem Eis. Blickt man von oben in die tiefe Schlucht, dann reihen sich über mehrere Kilometer kleine Teiche, große Seen und Kaskaden wie leuchtende Perlen aneinander. Es ist so etwas wie die Schatzkiste Kroatiens.

Bekannt geworden ist der 1949 gegründete, älteste Nationalpark Südosteuropas Millionen deutscher Fans als Kulisse für den Karl-May-Film "Der Schatz im Silbersee". In den sechziger Jahren wurden hier auch Szenen für weitere Western gedreht, mit Pierre Brice als Winnetou und Lex Barker als Old Shatterhand. Die Filme sind Kult. Miro Andric, der die Region wie seine Westentasche kennt, hat nichts dagegen: "Kürzlich hat das kroatische Fernsehen HRT alle Filme aus dieser Reihe gezeigt, so dass ich sie mit Vergnügen noch mal angeschaut habe. Und tatsächlich finde ich, dass die vor Ort gedrehten Szenen den Zuschauern einen guten Einblick in die Zauberwelt von Plitvice geben." Fast eine Million Touristen kommen jährlich an diesen magischen Ort, der 1979 zum Unesco-Weltnaturerbe erklärt wurde. Die meisten Menschen kommen, genießen und gehen. Miro Andric kommt immer wieder zurück. Als Taucher und Fotograf reist er um die Welt, geht vor allem aber den Gewässern rund um Plitvice immer wieder auf den Grund. Er liebt seine Arbeit, die er als Autodiktat erlernt hat, gibt aber lachend zu: "Das Schlimmste für mich ist, in geschlossenen Räumen, in Grotten, zu tauchen. Wegen meiner Körpergröße passe ich heute kaum noch in eine Höhle rein!"

Für Miro Andric ist aus einem realen Albtraum ein Lebenstraum geworden. "Als ich sieben Jahre alt war, fiel ich in einen Fluss. Nur mit viel Glück und Mühe konnte ich gerettet werden." Die Angst vor dem Wasser hat er längst besiegt. Und als Autor ist er mit Büchern und Filmdokumentationen wie "Die kroatische Unterwasserwelt" weit über die Grenzen Kroatiens hinaus bekannt geworden. 1959 wird er in dem hercegovinischen Dorf Bijelo Polje in der Nähe von Mostar geboren. "Dort bin ich aufgewachsen. Meine Familie war sehr arm, und ich musste allein Geld verdienen, um mir einen Fotoapparat leisten zu können." Schon als Zehnjähriger hat er das nötige Geld zusammen. Geradezu andächtig erzählt er: "Meine erste Kamera war eine SMENA 8M, eine russische Kamera. Heute ist sie wenig wert, gilt aber als Ikone der Lomographie, und hat in meiner Jugend ein Vermögen gekostet." Fotografisch begann er bescheiden: "Mein erstes Foto war ein Hahn in einem Hühnerstall. Danach fotografierte ich Freunde und Landschaften." Andric hatte das Tauchen schon einige Zeit für sich entdeckt, als ihm während eines Tauchgangs ein Freund seine Kamera für Unterwasseraufnahmen zur Verfügung stellte. "Ich wusste nicht, dass dieser Augenblick mein Leben deutlich verändern würde." Seine Begeisterung für das Tauchen wuchs. "Immer wenn ich abgetaucht bin, habe ich keine Sorgen mehr." Mit diesem Gefühl tauchte er immer tiefer und an immer entfernteren Orten, vor der kroatischen Küste, aber zum Beispiel auch in Indonesien, das er für ein Tauchparadies hält.

Seine Fotos waren in Ausstellungen in Kanada, den Vereinigten Staaten, Finnland, Deutschland, Polen, Tschechien, Ungarn und Italien zu sehen. "Dabei habe ich nie aus finanziellen Interessen gehandelt. Ich wollte immer bloß meine Liebe zur Natur auf die Zuschauer übertragen und ihnen etwas Besonderes zeigen, was sie sonst nie hätten sehen können. Denn in der Natur ist es immer besonders schön, Frieden zu finden und besonderen Klängen zu begegnen, wie man sie in den Wäldern rund um die Corkova-Bucht in Plitvice oder auf Bergen wie im Velebit hören kann." Was für den jungen Miro Andric mehr oder weniger als Zufall begann, ist heute ein Familienprojekt geworden. "Zorana, meine ältere Tochter, ist oft am Set und taucht auch mit mir. Karla ist Kameraassistentin, während meine Frau alles überwacht, sie ist ein echter Supervisor", sagt er lachend.

Plitvice ist ein Ort außergewöhnlicher Schönheit, aber war auch der Ort furchtbarer Leiden. Andric berichtet: "Der erste, blutige Kampf im kroatischen Unabhängigkeitskrieg fand dort statt. Auch Tier- und Pflanzenwelt mussten durch die Folgen der Kämpfe leiden, aber die Natur hat die Fähigkeit, sich immer aufs Neue zu erholen, so dass wir jetzt wieder all ihre Pracht genießen können." Bei aller Tragik der Ereignisse hatte die Zeit Anfang der neunziger Jahre für Fauna und Flora den Effekt, dass sie sich relativ frei entfalten konnten, denn die Touristenmassen blieben selbstverständlich aus. So wurde man noch Ende der 2000er Jahre sogar am Haupteingang zum Nationalpark auf eine mögliche Begegnung mit Bären hingewiesen. Diese Hinweisschilder sind heute wieder verschwunden. Die Touristen aus aller Welt kommen in so großer Zahl, dass es an manchen Tagen Staus auf den Stegen gibt und der Lärm die scheuen Tiere rund um die Hauptwege fernhält. "Das kroatische Wunder", wie es Andric nennt, "liegt abseits der Touristenpfade, in der noch immer weitgehend unberührten Natur. Mehr als 1200 Pflanzenarten, 321 Schmetterlingsarten und mehr als 50 verschiedene Säugetierarten kommen hier vor."

Andric erzählt, dass sein Team die spannendsten Momente im Plitvicer Urwald erlebte, als man versuchte, einen Braunbären zu filmen. "Da muss man wissen, wie man sich verhält. Wenn man keine Aggression zeigt, auf Distanz bleibt und den Bären sich ungestört bewegen lässt, dann glaube ich, dass es keine Folgen für die Beobachter geben sollte. Wir haben zum Beispiel eine Bärin gefilmt, die ihren Jungen auf einer Lichtung zeigte, wie sie einen Ameisenhaufen öffnen können, um sich von den Ameisen zu ernähren." Auch von der Flora ist er begeistert: "Als die schönste der vielen geschützten Pflanzen im Park gilt der Frauenschuh, einige sagen, die schönste Orchidee in Europa."

Und die vielen Touristen? "Wenn man die Besuche gleichmäßiger über das Jahr verteilen könnte, so dass es keine Probleme für die Umwelt gäbe, könnte Plitvice mehr als zwei Millionen Besucher empfangen. Das ist natürlich auch eine wichtige Einnahmequelle. Aktuell wird der Nationalpark hauptsächlich von Frühling bis Herbst besucht. Soweit ich weiß, gab es bisher keine negativen Auswirkungen auf die Umwelt, weil sich die Besucher des Nationalparks überwiegend so verhalten, dass sie der Umwelt nicht schaden."

Informationen zum Beitrag

Titel
Der wahre Schatz im Silbersee
Autor
Petra Lara Akrap, Maja Karakas, Lucija Todoric
Schule
18. Gymnasium , Zagreb
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.07.2015, Nr. 153, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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