Adrenalin des Falls

Eiskalt. Glasklar. So ist das Wasser, das in schneller Strömung und tosenden Wasserfällen den Verlauf einer Canyoning-Tour vorgibt. Beim Canyoning geht es darum, springend, kletternd, rutschend und schwimmend innerhalb eines Canyons hinunter ins Tal zu gelangen. Die südfranzösische Hügel- und Berglandschaft im Zentralmassiv bietet die besten Voraussetzungen dafür. Das Deutsche Jugendrotkreuz Nordrhein organisiert seit Jahren Sport- und Erlebnisausflüge in den Cevennen im Süden Frankreichs. Der Canyoning-Spaß beginnt für Sebastian Wülker aus Gronau und die anderen Jugendlichen der Ferienfreizeit mit einer Busfahrt auf die Spitze eines Hügels, auf dem sich die Filiale des französischen Veranstalters befindet.

Sebastian nimmt zum ersten Mal an dieser zweiwöchigen Freizeit teil. Am ersten Tag sucht er sich aus einer breiten Auswahl einen passenden Neoprenanzug und das dazugehörige Klettergeschirr aus. "Bei meiner Körpergröße von zwei Metern kein leichtes Unterfangen." Sobald die Ausrüstung angelegt und vorbereitet ist, kann die Tour losgehen. "Schon am Morgen brannte die Sonne, und im Neoprenanzug war das Körpergefühl sehr unangenehm", erzählt er später.

Zwei erfahrene französische Guides setzen alle Kletterer an der Quelle des wilden Gebirgsbachs am Canyon du Tapoul ab. Dort beginnt der Abstieg ins Tal. "Ich bekam einen riesigen Schreck, als ich den ersten Blick in den Abgrund warf." Nicht nur Sebastian ging es so. In der Gruppe wurde es ganz still im Angesicht der ersten Wasserfälle und bei dem Gedanken, diese herunterspringen zu müssen. Steile Felswände auf der linken und der rechten Seite begrenzen den Lauf des Gebirgsflusses und lassen lediglich ein Vorankommen talabwärts zu. Der geringe Überblick, die nackten Felswände und die lauten Wasserfälle zusammen mit den sattgrünen Büschen und Bäumen, die auf den Felswänden wachsen, erzeugen eine Atmosphäre, die an einen Dschungel erinnert.

Nach der Überwindung der Angst vor dem ersten Sprung beginnt der Spaß an der nasskalten Tour erst richtig. Überrascht über das eiskalte, erfrischende Wasser, das beim Eintauchen nach den Sprüngen in die Öffnungen des Neoprenanzuges am Hals und an den Armen am Körper entlangläuft, setzen die meisten Abenteurer vieles daran, sich auf den nächsten trockenen Felsen zu retten und sich im Sonnenlicht zu trocknen. Dort angekommen, wirft Sebastian einen Blick auf den nächsten Sprung, der in etwa acht Meter Tiefe in ein stilles und tiefblaues Wasserbecken hinabführt. Nicht immer führt der Weg direkt per Sprung in die Tiefe, oft stellen Kletterwände unter rutschigen Wasserfällen, Seilrutschen von Abgrund zu Abgrund und Wasserrutschen über die nassen Felsen und Stromschnellen die Teilnehmer der Tour vor Herausforderungen.

Nicht überraschend ist die Erschöpfung, die sich zum Ende des Tages und kurz vor dem Ziel bei den Jugendlichen doch einstellt. Jetzt heißt es, mit den letzten Kräften sich die wenigen Meter aus der Schlucht zu retten. Auf die Frage, wie der Ausflug bei dem Teilnehmer ankam, schwärmt Sebastian: "Die absolute Gewissheit, nicht mehr umkehren zu können, nicht zurückzukönnen, und die magische Anziehungskraft der tosenden Wasserfälle gaben mir einen Extrakick und machten es möglich, den letzten Schritt über den Abgrund zu wagen. Was für ein cooles Gefühl, das Adrenalin des Falls zu erleben. Da muss man durch!"

Ein weiterer Höhepunkt der Freizeit ist das Klettern an einem gesicherten Klettersteig, der Via Ferrata Hèrault, unweit der Herberge der Jugendgruppe. "Bei meiner Körpergröße und einem senkrechten Schacht von rund 100 Metern müsste ich das Abenteuer in etwa 50 Griffen ja spielend bewältigen können", dachte Sebastian. Vor Beginn des Unternehmens muss man sich jedoch entsprechend ausrüsten. Für die Sicherheit in luftiger Höhe dient ein Hüft- und Brustgurt, der an den Kletterer angepasst wird. Sobald Hüft- und Beinschlaufe passend festgezogen sind, wird der richtige Helm, zum Teil auch mit Stirnlampe, ausgesucht. Nach einer kurzen Instruktion durch den begleitenden Guide geht es los.

In dem schmalen Schacht des Hèrault-Canyons herrscht Dunkelheit. Der Griff in den ersten Bügel und dann in den nächsten! Höher und höher an der kalten Felswand entlang führt die Via Ferrata. Endlich taucht am Ende des Schachts Tageslicht auf. Immer wieder müssen die Kletterer umsichern und sich mit den beiden Karabinern in das Stahlseil einklicken, dann weiter hochziehen. Das Licht über den Köpfen wird immer heller. Zehn Meter. Eine Mischung aus Schweiß, Staub und dem Geruch des Vordermanns liegt in der Luft. Die Arme werden zittrig. Noch ein Meter, endlich geschafft. Das Sonnenlicht blendet im ersten Augenblick, doch dann tut sich der faszinierende Ausblick über das Hérault-Tal auf. Frischer Wind kühlt die Gesichter. Die Sonnenstrahlen fallen auf die blühenden Bäume im Tal und spiegeln sich in dem breiten, glasklaren Gebirgsbach Hèrault. Erleichtert setzt sich ein Kletterer nach dem anderen auf einen kleinen Vorsprung, die Beine über dem Abgrund baumeln lassend.

"Das ist der Grund, wieso wir das hier machen", sagt Pierre, einer der Guides, der die Jugendlichen auf ihrer Reise in Südfrankreich begleitet, und deutet in das Tal hinab. Den atemberaubenden Ausblick nach der schweißtreibenden Anstrengung haben sich alle verdient. Nicht jeder ist dieser Höhe und dieser körperlicher Herausforderung gewachsen; den einen oder anderen verlassen hier oben die Nerven, auch Tränenausbrüche sind nicht selten. Die Anspannung, gepaart aus Angst und Kraftanstrengung, war zu groß. Da hilft nur, sich Zeit zu lassen, durchzuatmen, sich hinzusetzen und an die Höhe zu gewöhnen, erklärt der Guide in gebrochenem Englisch. "Neben dem Klettern an gesicherten Steigen bildeten Kletterelemente wie das Abseilen an Felswänden und von Seilbrücken hoch über den Baumkronen Höhepunkte. Obwohl ich zu Hause viel Sport treibe, habe ich Muskeln gespürt, von denen ich bisher keine Ahnung hatte", lautet Sebastians Resümee.

Informationen zum Beitrag

Titel
Adrenalin des Falls
Autor
Christian Wülker
Schule
Werner-von-Siemens-Gymnasium , Gronau
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.07.2015, Nr. 153, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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