Geringelter Krake vor der Linse

Ich reise mit 20 Kilo Handgepäck", sagt Rob van de Louw. In dem Handgepäck befindet sich der Großteil seiner Fotoausrüstung inklusive Unterwassergehäuse. Flossen, Taucheranzug und Beleuchtung für Unterwasser sind in einem extra Tauchkoffer. Der 53-jährige Tierarzt aus Gronau hat ein Hobby, mit dem er die ganze Welt bereist. Er ist Unterwasserfotograf und hat schon ein paar der seltensten Unterwassertierchen, die nur ein paar Millimeter groß sind, wie einen blaugeringelten Kraken oder einen "hairy octopus", aber auch Meerestiere, wie riesige Blauwale oder weiße Haie, die bis zu acht Meter groß werden, vor die Linse bekommen.

Rob van de Louw reist zu den exotischsten Orten der Welt, aber der Weg dahin ist meistens das Schwierigste. Das Aufregendste, was er wohl je erlebt hat, war, als er aus einem Flugzeug in Dubai abgeführt und im Polizeiauto zu seinem Koffer gefahren wurde, weil man seine Unterwasserblitze beim Kofferscan für eine Bombe hielt. "Ich hatte Angst, ich könnte festgenommen werden und nicht wieder nach Hause zurückkehren, aber zum Glück hat sich alles sehr bald aufgeklärt." Aber wenn er dann erst einmal im Urlaubsort angekommen ist, legt er richtig los und macht bis zu vier Tauchgänge am Tag. Jeder Tauchgang dauert dabei länger als eine Stunde. Er ist immer auf der Suche nach den außergewöhnlichsten Fischen, Krabben und Schnecken, um das perfekte Foto zu schießen. So hat er bereits Fotos in Tauchzeitschriften in Deutschland und den Niederlanden veröffntlicht. "Ich war ganz schön stolz, als ich das erste Mal ein Bild mit einem Zitronenhai von mir auf der Titelseite gesehen habe." Von den etwa 200 Fotos, die er an einem Tag schießt, behält er nur wenig. Dann sitzt er noch Stunden vor seinem Laptop, um die übrig gebliebenen Fotos zu bearbeiten. Schwebeteilchen müssen entfernt, Farben nachbearbeitet und Fotos zugeschnitten werden. Die besten Fotos hängt er in seinem Haus auf, macht Kalender oder reicht sie bei Fotowettbewerben ein.

Angefangen hat alles in den Flitterwochen in Venezuela, wo er und seine Frau das erste Mal zum Schnorcheln waren. Vier Jahre später flogen sie zusammen auf die Malediven, mit dem Ziel, einen Tauchschein zu machen. Den halben Urlaub verbrachte das Paar damit, die Tauchtheorie zu lernen, zum Beispiel die ganzen Handzeichen zur Verständigung unter Wasser. Direkt bei seinem ersten Freitauchgang nach Erhalt des Tauchscheins hat er sich eine Unterwasserkamera von der Tauchbasis geliehen, um Mantas zu fotografieren.

Eine der wohl gefährlichsten Episoden, die ihm je passiert sind, war das verschwundene Boot auf den Bahamas. Das Ankerseil war gerissen, und die Strömung hatte das Boot abgetrieben. Er und noch ein anderer Taucherkollege waren völlig allein auf offener See. Sie hatten zu wenig Luft in ihren Pressluftflaschen, um unter Wasser bis zum Boot in weiter Ferne zu tauchen. Allerdings konnten sie auch nicht an der Oberfläche bleiben, weil die Haie schon anfingen, Kreise um die beiden zu ziehen. Sie plazierten eine Signalboje an der Wasseroberfläche und machten mit Signalpfeifen auf sich aufmerksam, bevor sie wieder abtauchten. Unter Wasser blieben sie dann Rücken an Rücken, um die Haie besser im Blick zu haben. Sie haben ausgeharrt, bis die Retter mit dem Boot endlich zurückkamen.

Heute, zehn Jahre und mehr als 1300 Tauchgänge später, hat er immer noch nicht die Freude am Tauchen verloren und bereist mindestens ein- bis zweimal im Jahr entweder mit seiner Frau, mit seinen zwei Töchtern oder allein die Welt. Durch sein Hobby hat Rob van de Louw viele Freunde gefunden, mit denen er seine Leidenschaft für die Unterwasserwelt teilen kann und die er im Urlaub trifft. Dann wird über die richtige Belichtungszeit und das richtige Objektiv gefachsimpelt.

Zu Hause hat er eine Weiterbildung zum Tauchlehrer gemacht und gibt Anfängern Tipps für gute Unterwasserfotos. Auch wenn er normalerweise andere und größere Fotoausrüstung gewohnt ist, macht es ihm Spaß, diese Kurse zu geben. Allerdings ist er schon in zwei Monaten wieder unterwegs - auf einer Tauchsafari auf den Bahamas.

Informationen zum Beitrag

Titel
Geringelter Krake vor der Linse
Autor
Jill van de Louw
Schule
Werner-von-Siemens-Gymnasium
Klasse
Gronau
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.07.2015, Nr. 153, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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