Leben lernen

Noch während der Schwangerschaft wurde der Vater meines Kindes nach Marokko zurückgeschickt, da seine Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz abgelaufen war. Meine Familie hatte aufgrund der Arbeit in ihrem Wintersportgeschäft zu wenig Zeit, mich mit dem Baby zu unterstützen. Alleine mit dem Kind wäre ich überfordert gewesen", sagt die 34-jährige Claudia Berner (Name geändert) bedrückt.

Hilfe fand die Mutter im Frauenhaus Magdalena in Schattdorf im Kanton Uri, in dem Schwangere und Mütter mit ihren Kindern in schwierigen Lebenssituationen aufgenommen werden. Die Heimleiterin und diplomierte Pflegefrau Ruth Jucker, die nebenbei Hebamme ist, gründete mit einem befreundeten Ehepaar das Haus. Es ist rosarot angestrichen, hat drei Stockwerke, einen Gemüsegarten und Spielplatz. "Es war das schönste von allen Heimen, die ich mir angesehen habe, und ich fühlte mich sogleich zu Hause", sagt die schwarz gekleidete Claudia Berner und zeigt ihr einfach, aber gemütlich eingerichtetes Zimmer. Nach der Geburt ihrer Tochter verbrachte die 1,65 Meter große, korpulente Frau 21 Monate in dem seit 15 Jahren bestehenden Heim. Sie bezog eine von vier Wohneinheiten, die je aus zwei Zimmern und einem Bad besteht. "Für den Aufenthalt von individueller Dauer können die Frauen ihre Umgebung selbst gestalten, müssen selbst putzen und aufräumen", erklärt die Heimleitern.

Das Zusammenleben mit anderen Frauen und Kindern gefiel Claudia Berner sehr, obwohl es hin und wieder zu Streit kam, wobei es oft um das Thema Erziehung ging. Daher bieten Ruth Jucker und ihr Mitarbeiter Danny J. Abel wöchentlich eine Elternschulung an und beraten in Erziehungsfragen. Eine weitere Entlastung für Claudia Berner war die hauseigene Kindertagesstätte, die ihre Tochter besuchte, als sie ein Jahr alt war: "In dieser Zeit nutzte ich die Chance, meine eigenen Angelegenheiten zu regeln, wie zum Beispiel mein damaliges Suchtproblem in den Griff zu kriegen." Der liebevoll eingerichtete Hort ist auch für andere Kinder geöffnet. Als Gegenleistung für die Unterstützung ist jede Frau verpflichtet, einige Arbeiten im Haushalt zu übernehmen. "Dazu gehören Wäsche und Haushalt, Küche und Garten sowie der Verkauf der von uns im Heim hergestellten Teigwaren auf dem Wochenmarkt", erklärt Claudia Berner und verrät mit einer abschätzigen Handbewegung ihre Begeisterung für diese Arbeiten.

Ruth Jucker ist aber überzeugt: "Die obligatorischen Arbeiten, aber auch gemeinsames Lesen in der Bibel, Beten und Singen, die an festgelegte Zeiten gebunden sind, geben den Bewohnern eine gewisse Alltagsstruktur." Seit einem Jahr wohnt Claudia Berner nun mit ihrer Tochter in einer externen Wohnung des Hauses Magdalena. "Nach dieser Zeit ist die Frau zwar noch nicht völlig auf sich alleine gestellt, doch einen Großteil ihres Alltags muss sie selbst im Griff haben. Von der ersten Stufe, dem Aufenthalt im Haus Magdalena, wo die Frau permanent begleitet und unterstützt wird, bis zur Schlussphase, in der sie nicht mehr auf die Hilfe des Heimes angewiesen ist, bildet die externe Wohnung einen Übergang", sagt die Leiterin. In dieser Phase bespricht Ruth Jucker mit den ehemaligen Bewohnerinnen wöchentlich Probleme rund um das Kind, die Wohnung oder das Geld. Sie legen zusammen neue Ziele der persönlichen Entwicklung der Mutter fest.

Claudia Berner möchte hier noch ein Jahr bleiben, bevor sie zurück in ihren Heimatort geht und möglicherweise ihren Freund heiratet. "Ich bin mir sicher, dass der Entschluss, die Hilfe vom Haus Magdalena anzunehmen, die richtige Entscheidung für mich und meine Tochter war."

Informationen zum Beitrag

Titel
Leben lernen
Autor
Tamara Arnold, Bettina Walker; Kantonale Mittelschule Uri, Altdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.02.2011, Nr. 33, S. N6
Projekt
Jugend schreibt

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