Das Herz des Systems

Tu, was du tun willst, aber mache es mit deinem ganzen Herzen!" Dieser angeblich von Konfuzius stammende Satz ist das Motto der 50-jährigen Henriette Haasnoot, die Hausärztin in Ramsloh im Saterland im Norden des Oldenburger Münsterlandes ist. "Mit 100 bis 200 Patienten täglich hat man eine Menge Arbeit", erklärt sie mit einem leichten Schmunzeln. Der Arbeitstag beginnt im Durchschnitt um sieben Uhr morgens und endet spätestens um Mitternacht, wenn der Computer für diesen Tag heruntergefahren wird, wobei abends die meiste Zeit damit verbracht wird, die Unterlagen durchzugehen und die Akten für den kommenden Tag zurechtzulegen.

Die Sprechstunden sind täglich von 8.30 bis 12 und von 16.30 bis 18.00 Uhr. In der dazwischenliegenden Zeit werden meist Termine mit Patienten von den Mitarbeitern am Telefon abgesprochen und die Akten sortiert und für die nächsten Termine herausgesucht und vorbereitet. Henriette Haasnoots Mittagspause ist manchmal kurz, da sie diese Zeit häufig für Hausbesuche nutzt. "Der Arbeitstag endet aber nicht, sobald um 24 Uhr die Rechner heruntergefahren werden. Es kann auch gut sein, dass man zu einem Notfall oder einem nächtlichen Hausbesuch gerufen wird. Die Arbeit hat also im Vergleich mit Ärzten in Krankenhäusern nie ein Ende", sagt die Ärztin, während sie ihre runde Brille zurechtrückt.

"Der Hausarzt ist das Herz des ganzen Systems", sagt Henriette Haasnoot selbstbewusst und erklärt dies an einem Beispiel. "Man muss sich den Hausarzt wie eine Blume vorstellen. Er selbst ist das Gelbe in der Mitte, und die einzelnen Blütenblätter sind die einzelnen Bereiche, wie der Orthopäde oder Augenarzt. Jeder einzelne Patient hat individuelle Probleme und wird somit auch zu einem andern Blütenblatt geschickt." Jeden Tag hat die Landärztin mit einer Vielzahl von Patienten zu tun, wobei manche anstrengender sind als andere. Sie nimmt das mit Gleichmut: "Ich versuche alle Menschen gleich zu behandeln, genauso wie es auch Gott machen würde."

Zu dem Arbeitsaufwand zählen jedoch auch die einzelnen Probleme der Patienten, mit denen man zu tun hat, da es ja auch immer auf die Krankheit der Patienten ankommt. "Ich hatte schon mit krebskranken Kindern und schwerverletzten Motorrad-Verunglückten zu tun, wovon ich so manchen auch bis zum Tode begleitet habe", erzählt die Medizinerin mit trauriger Miene.

"Der Grund, warum ich überhaupt eine Praxis auf dem Land eröffnet habe, ist ganz einfach. Auf der einen Seite, da ich sehr gerne Menschen helfe und auch eine gewisse Abwechslung bei meiner Arbeit brauche, habe ich eine Arztpraxis übernommen, nachdem ich mein Medizinstudium beendet hatte. Außerdem ist die Bürokratie nicht wirklich etwas für mich", sagt sie lachend, berichtet dann aber noch über einen zweiten ausschlaggebenden Grund: "Andererseits habe ich mich bewusst für das Landleben entschieden, da ich selber zwei Kinder habe und aus eigener Erfahrung weiß, dass ein Leben in der Stadt für kleine Kinder sehr anstrengend sein kann, da ich selbst aus Amsterdam stamme. Der Grund, wieso ich die Praxis ausgerechnet hier im Saterland eröffnet habe, ist ziemlich unromantisch. Ich habe die Praxis hier eröffnet, da die Ärztekammer in diesem Gebiet eine Stelle offen hatte und ich mich auf diese Stelle beworben habe."

Informationen zum Beitrag

Titel
Das Herz des Systems
Autor
Jan-Ole Kapels
Schule
Albertus-Magnus-Gymnasium , Friesoythe
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.07.2015, Nr. 159, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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