Notfälle im Outback

Giselher Brand durfte in Australien als Royal Flying Doctor helfen. Er flog zu Ambulanzen und Unfällen.

Hektik bricht aus auf den Gängen der Ambulanz des Royal Flying Doctor Service in Broken Hill im australischen Outback. Der junge deutsche Arzt Giselher Brand läuft zu dem abflugbereiten Flugzeug, der Rest der Crew wartet schon ungeduldig auf ihn. Im Laufschritt schnappt er sich seinen Arztkoffer und springt in das Flugzeug, das sofort zur Startbahn rollt. Normalerweise gibt es so viel Action nur in Hollywood, doch während seiner Zeit bei den Royal Flying Doctors im Jahr 1979 hat Brand solche Einsätze hautnah miterlebt. Heute beschreibt er es als das Abenteuer seines Lebens, und seine zahlreichen Erlebnisse gehen ihm immer noch oft durch den Kopf. Der inzwischen weißhaarige 63-jährige Arzt mit kölnischem Akzent erzählt bereitwillig von seiner ereignisreichen Zeit in Australien.

Schon als Kind wollte er immer den fünften Kontinent entdecken. Nach seiner Promotion bekam er dann die Möglichkeit, in Australien zu arbeiten. Mit 27 Jahren ging es für den Arzt nach Australien, wo er die ersten vier Wochen in einer Klinik in Sydney arbeitete. Als er sich während der Zeit beim Royal Flying Doctor Service of Australia vorstellte, wurde er dort ausgelacht. Der Royal Flying Doctor Service of Australia ist eine gemeinnützige Institution, die den Menschen im dünnbesiedelten australischen Outback mit Hilfe von Flugzeugen ärztliche Versorgung bietet. Man sagte ihm, dass die Royal Flying Doctors auf drei Jahre ausgebucht seien und er als Ausländer sowieso keine Chance habe. Während einer Unterhaltung mit seinem Chefarzt einige Tage später war ihm die Enttäuschung noch deutlich anzumerken. Als dieser ihn fragte, was los sei, erzählte ihm der junge Arzt bedrückt von den deprimierenden Neuigkeiten. Der Chefarzt nickte nur und nahm ihn mit in sein Büro. "Ich bin dann ahnungslos hinter ihm hergelaufen. In seinem Büro angekommen, hat der Chefarzt die Füße auf den Tisch gelegt und seinen Bekannten Bob angerufen. Bob stellte sich als Chef der Royal Flying Doctors heraus. Dann konnte ich innerhalb einer Woche dort anfangen." Der frisch promovierte Arzt konnte sein Glück kaum fassen. Sieben Tage später ging es von Sydney nach Broken Hill zu einer der vielen Ambulanzen, wo er der erste deutsche Mitarbeiter des Royal Flying Doctor Service of Australia wurde.

Einen Monat lang arbeitete er als Flying Doctor. Wenn es keine Notfälle gab, ist er mit dem Flugzeug zu den verschiedenen Ambulanzen in ganz Australien geflogen. "Meistens waren das kleine Häuschen, wo die Schwestern die Patienten versorgten und einmal in der Woche der Flying Doctor vorbeikam." Bei den Notfällen handelte es sich häufig um Autounfälle auf den Country Roads. Im Winter werden diese von kleinen Bächen überschwemmt und müssen durch behelfsmäßige Brücken passierbar gemacht werden. Da die Autofahrer von beiden Brückenseiten ständig versuchen, zuerst loszufahren, kracht es häufig. Die Flying Doctors nutzten die Country Roads als Landebahn und landeten wenige Meter vor dem Unfallort. Dort angekommen, wurden die Patienten versorgt und gegebenenfalls direkt ins Flugzeug geladen, das oft sogar besser als ein Krankenwagen ausgestattet ist. Danach ging es meist ins nächste Krankenhaus, während der Flying Doctor in dem fliegenden Behandlungszimmer schon die ersten Behandlungsschritte einleitete. Für den abenteuerlustigen Arzt war dies ein willkommenes Kontrastprogramm zum wenig abwechslungsreichen Klinikalltag.

Als sein Dienst beim Royal Flying Doctor Service beendet war, reiste Giselher Brand noch einige Monate als Tourist durch ganz Australien. Aus seinem reichen Erlebnisschatz hat er ein bestimmtes Ereignis noch ganz besonders deutlich vor Augen: "Ich war gerade aus Sydney an die Küste geflogen. Dort war es so knallheiß, dass ich direkt ins kühle Wasser gesprungen bin. Nach 15 Minuten habe ich mich dann umgedreht, und auf einmal standen dort 20 Menschen am Strand, die wild in meine Richtung gestikuliert haben. Als ich dann aus dem Wasser kam, haben sie mich gefragt, woher ich komme." "Mad German" nannten sie ihn und deuteten auf die Schilder, die überall am Strand verteilt waren. Darauf stand: "No swimming, sharks!" Als er die Warnung vor Haien las, lief ihm ein eisiger Schauer über den Rücken. Heute muss der drahtige Arzt über seinen jugendlichen Leichtsinn lachen.

Die Royal Flying Doctors genießen wegen ihrer Verdienste höchsten Respekt in Australien. Obwohl Brand nur einen Monat dort arbeitete, wurde auch ihm dieser Respekt gezollt, vor allem, weil er Deutscher war. Amüsiert erzählt er: "Als ich am Strand surfen lernen wollte, habe ich mich nebenbei mit dem Surflehrer unterhalten und gesagt, dass ich bei den Flying Doctors war. Der meinte dann sofort, der hier, der muss das können. Bezahlen musste ich auch nichts." Dass er als Deutscher bei den Flying Doctors war, sorgte überall für Erstaunen. Der Arzt erzählt mit seiner leicht heiser klingenden Stimme: "Jeder, der in Australien irgendetwas mit Medizin zu tun hat, will dorthin, für die ist das etwas Besonderes." Aber es gibt nicht genug freie Plätze. Umso erstaunlicher war es für die Australier, dass ein Deutscher angenommen wurde. Giselher Brand meint dazu nur trocken: "Da sind Beziehungen alles."

Nachdem er seine Tour beendet hatte, musste er wohl oder übel Lebewohl sagen. Wenn es nach ihm gegangen wäre, wäre er in Australien geblieben, doch so einfach ging es dann doch nicht. "Ich wollte eigentlich überhaupt nicht weg, aber damit war meine Frau ganz und gar nicht einverstanden." Für immer verabschieden konnte er sich dann aber doch nicht und versprach sich selbst, das Land alle zehn Jahre zu besuchen.

Jetzt, 36 Jahre später, führt Giselher Brand eine gemeinsame Arztpraxis mit seiner Frau in München, der ältere seiner beiden Söhne hat sein Medizinstudium beendet, und sein zweiter Sohn steht vor dem Physikum. Zur Jahrtausendwende war er mit seiner ganzen Familie in Australien und hat dort einen alten Freund besucht. Noch heute schwärmt er von der Landschaft, den klaren Seen, den idyllischen Orten und der endlosen Wüste. In seinem Behandlungszimmer hängen Fotos und Postkarten aus seiner Zeit in Australien und sein alter Mitarbeiterausweis der Royal Flying Doctors.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Notfälle im Outback
Autor
Philipp Althaus
Schule
Elsa-Brändström-Gymnasium , München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.07.2015, Nr. 159, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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