Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.02.2011, Nr. 33, S. N6

Drei Kinder leben noch in Somalia, ihre Mutter ist in der Schweiz. Besuch im Asylheim.

Der Geruch alter Möbel mischt sich mit einem Duft von tausend gekochten Speisen. Unter anderem nimmt man orientalische Gewürze wie Ingwer, Pfeffer und Curry wahr. Kaum vorstellbar, dass hier elf Menschen wohnen. Die Männer aus Somalia teilen sich sechs Zimmer im obersten Stock der Unterkunft für Asylsuchende des Schweizerischen Roten Kreuzes in Altdorf im Kanton Uri. Mit seinen hellgrau gestrichenen Wänden und dem dunkelgrauen Boden wirkt der Aufenthaltsraum alles andere als einladend und gemütlich. Der Stoffbezug der beiden durchgesessenen Sofas und der zwei Sessel hat an Farbe verloren und ist abgewetzt. Ein alter Bildröhrenfernseher steht in der Ecke. "Streit um das Fernsehprogramm haben wir nicht, am Abend läuft der somalische Sender, denn für den Rest interessiert sich keiner", sagt einer der Bewohner.

Die Küche hat schon bessere Zeiten erlebt. Von Hygiene und Ordnung kann nicht die Rede sein. Jeder kocht hier für sich selbst. "Es gibt eine einfache Regel: Jeder hat seinen eigenen Schrank, seine eigenen Pfannen und seine eigenen Spaghetti", erklärt der schlaksige 24-jährige Ali Mire Dahir in seinem weiß gestreiften Hemd. Sein Lieblingsgericht ist trockener Basmatireis. In seinem Schrank bewahrt er zusammen mit ein paar lose herumliegenden Zwiebeln einen großen Sack davon auf. Aber auch das Schweizer Brot schmeckt ihm. "Solches Brot kennen wir in Somalia nicht." Das beschränkte Budget von 11,50 Franken am Tag lässt nicht mehr an Lebensmitteln zu, weil er davon auch noch sein Feierabendbier oder einen Kinobesuch bezahlen muss.

Mit dem 24-jährigen Somali lebt auch Abdikarim Mahamud in der Unterkunft. Die beiden Freunde haben sich vor einem Jahr, kurz nachdem sie in die Schweiz gekommen sind, in Altdorf kennen gelernt. Ihre Geschichte ist ähnlich. Beide sind vor dem Krieg und vor dem Militärregime aus ihrer Heimat geflohen. Mit dem Flugzeug sind sie in die Schweiz gereist. Ihre Familien haben einen kleinen Teil der Tickets bezahlt. Den Rest hat eine gemeinnützige Organisation übernommen. Ali Mire Dahir musste seine Frau und drei Kinder zurücklassen. "Schau mal, das ist meine Frau Lela. Ist sie nicht hübsch?", fragt der Mann mit dem kurzen Afro-Haar und braunen Stoffhosen wehmütig. Manchmal telefoniert der Asylsuchende mit seiner Familie; auch über das Internet haben sie Kontakt. Er vermisst sie sehr.

Seiner Familie in Somalia geht es schlecht, sein Bruder ist seit zwei Monaten verschwunden, und bis jetzt gibt es noch kein Lebenszeichen von ihm. Sein größter Wunsch ist, dass seine Frau und seine Kinder zu ihm in die Schweiz kommen dürfen. Doch das ist zurzeit nicht möglich, denn Ali Mire Dahir besitzt den Ausweis N. Das bedeutet: "Ich bin Asylsuchender ohne definitive Entscheidung für eine Aufenthaltsbewilligung. Ich weiß nicht, ob ich bleiben darf." Er fügt noch hinzu: "Bei Somaliern fällt die Entscheidung oft negativ aus, weil unser Volk ein schlechtes Image hat."

Obwohl Ali Mire Dahir bemüht ist, Arbeit zu finden, blieben bisher all seine Versuche aufgrund seiner mangelnden Deutschkenntnisse erfolglos. Neben seinem kleinen Bett steht ein CD-Player, an den vier CD-Hüllen mit der Aufschrift "Deutscher Grundwortschatz" angelehnt sind. In seinem Schrank, den er mit einem großen Hängeschloss verriegeln kann, hat er zusätzliche Lehrbücher verstaut. "Viele Leute wohnen hier - man weiß ja nie!" Ali Mire Dahir spricht für seine Verhältnisse schon recht gut deutsch. Sein Freund Abdikarim Mahamud hat es da schwerer. Der 21-Jährige mit ebenfalls kurz geschnittenem, krausen Haar und mit kleinen, leicht abstehenden Ohren versteht zwar viel, bringt aber kaum einen deutschen Satz hervor.

Anstatt in die Schule zu gehen, musste er zu Hause seiner armen Familie bei der Arbeit helfen, weshalb er nie lesen und schreiben gelernt hat. "Ich hoffe, in der Schweiz ein neues, besseres Leben führen zu können. Mein Traum ist, einen Job auf dem Bau zu erhalten." Vorläufig darf er in der Schweiz bleiben. "Mir gefällt der Kanton Uri, auch wenn die Sommer sehr heiß sind, viel heißer als in Somalia", betont der zierliche Somalier, der einen grauen Wollpullover, verwaschene Jeans und gelbe Schuhe trägt. Die kalten Wintermonate gefallen ihm da schon besser, obwohl es dann in seinem Zimmer bitterkalt wird. Die Ritzen in der Wand deckt er mit seinen Kleidern ab, welche er mit Klebeband befestigt. Viel mehr als seine zwei Paar Hosen, ein paar T-Shirts und drei Pullover besitzt er nicht. Allerdings hat er ein Handy, auf das er sehr stolz ist. Einer seiner wenigen Urner Freunde hat es für ihn gekauft. "Ich kenne zwar viele Leute, doch mehr als ein Grüezi gibt es nicht."

Mit Rassismus sind die Freunde hier aber glücklicherweise nicht konfrontiert. "Wir haben jedoch schon schlimme Geschichten von Kollegen im Kanton Zürich gehört. Darum wissen wir den Kanton Uri wirklich zu schätzen", äußern sich die Somalier erleichtert. Geht man die knarzige Holztreppe hinunter, gelangt man zum Zimmer von Jiija Abdulahi. Sie ist hochschwanger aus Somalia in die Schweiz gekommen. Ihre drei Kinder im Alter von sechs, sieben und neun Jahren musste sie im Kriegsgebiet zurücklassen. Sie sind auf sich allein gestellt, denn auch ihr Vater ist nicht mehr bei ihnen. "Den musste ich wegen seiner Gewalttätigkeit gegenüber mir und den Kindern verlassen", sagt die kleingewachsene Frau. Die Kinder werden nun aber vom Roten Kreuz in Somalia betreut.

In ihrem Heimatland gab es für Jiija Abdulahi kein Leben mehr. Zu oft musste die ganze Familie hungern. Die 28-Jährige sah nur einen Ausweg: die Flucht. Das Flugzeug brachte sie von Somalia nach Mailand. Von da reiste sie mit dem Zug nach Genf, wo auch gleich ihre Tochter Sara zur Welt kam. Das Geld für die Reise erhielt sie von einem sozialen Hilfswerk. "Ich bin bemüht, in der Schweiz für mich und meine Tochter ein anständiges Leben aufzubauen", versichert sie. Nun lebt die Somalierin mit ihrer Tochter seit fast zwei Jahren in der Unterkunft für Asylsuchende in Altdorf. Ihr schüchterner Blick wirkt unsicher, aber liebevoll. Als gläubige Muslimin trägt sie ein gold-gelbes Kopftuch und ein buntes, mit Blumen besticktes Kleid. "In Somalia besaß ich kaum Rechte und wurde stets von der Männerwelt unterdrückt. Doch das ist jetzt Vergangenheit."

Im bescheidenen Schlafzimmer der Somalierin herrscht striktes Schuhverbot. Das weiß sogar die kleine Sara. Flink zieht sie ihre Schuhe vor der Tür aus. Zwei Plüschtiere und ein pinkfarbenes Plastikauto liegen auf dem Boden. An der Wand hängt ein Foto ihrer drei Geschwister in Somalia, welches ihr das Rote Kreuz geschickt hat. Mutter Jiija Abdulahi hat große Sehnsucht nach ihnen. Die Organisation bietet einen Telefondienst an. Diesen nutzt sie, um wenigstens ein- bis zweimal im Monat die Stimmen ihrer Kinder hören zu können. "Obwohl sie sagen, dass es ihnen gut geht, spüre ich, dass genau das Gegenteil der Fall ist", bemerkt die barfüßige Frau. Gewalt, Prostitution und Zwangsrekrutierung erleiden somalische Kinder tagtäglich. "Sie sollten so schnell wie möglich ihrer Mutter in die Schweiz folgen können. Hier könnten die Kinder sorglos aufwachsen", betont sie.

Jiija Abdulahi hilft im Asylzentrum mit, so viel sie kann, weil sie wegen ihrer schlechten Deutschkenntnisse keine Arbeit außerhalb findet. Dafür geht es in der Liebe wieder aufwärts. Die Asylsuchende hat nämlich einen somalischen Mann aus Luzern geheiratet. "Ich erwarte zusammen mit ihm mein nächstes Kind", sagt die Schwangere mit weit aufgerissenen Kulleraugen und einem breiten Lächeln auf dem Gesicht.

Informationen zum Beitrag

Titel
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.02.2011, Nr. 33, S. N6
Autor
Raphael Aeschbacher; Kantonale Mittelschule Uri, Altdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.02.2011, Nr. 33, S. N6
Projekt
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