Emanzipiert im Roten Salon

Sonnenlicht fällt durch die blitzblanken Scheiben und erleuchtet den Eingangsraum im Marburger Haus der Romantik. Das mintfarbene Holzportal schließt sich und sperrt den Lärm der Stadt aus. Auf einer bedruckten Leinwand sind lebensgroße Porträts der Personen zu sehen, die in Marburg um die Wende zum 19. Jahrhundert den Begriff der Marburger Romantik geprägt haben. Die wohl bekanntesten sind die Brüder Wilhelm und Jacob Grimm, ihr Bruder Ludwig Emil Grimm und die Geschwister Clemens Brentano und Bettina Brentano, später Bettina von Arnim. Auch die Schriftstellerin Sophie Mereau, der Jurist Friedrich Carl von Savigny, Caroline Schlegel-Schelling, eine der berühmtesten Vertreterinnen der deutschen Frühromantik, Carl Wilhelm Justi, Friedrich Creuzer und Caroline von Günderode sind auf der Leinwand zu erkennen, die eine ganze Wand des Raumes einnimmt.

"Dass sich all diese Persönlichkeiten zu etwa derselben Zeit in Marburg trafen, war ein glücklicher Augenblick für die deutsche Frühromantik", sagt Marita Metz-Becker, die Vorsitzende des Marburger Hauses der Romantik e.V.. Mit Begeisterung und sachlicher Hingabe erzählt die Professorin am Institut für Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaft der Philipps-Universität in Marburg von den Persönlichkeiten, die sich um 1800 hier trafen. "Diese Personen, die hier zusammenkamen, ließen sich von den Geschehnissen der Französischen Revolution inspirieren. Sie brachten die drei Ideale Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit in die Salons, in denen ein großer Teil des gesellschaftlichen Lebens stattfand." Die Romantikbewegung in Deutschland war politisch progressiv. "Das kann man vor allem an der Frauenemanzipation erkennen, die in den Salons eine Hauptrolle spielte." Sie deutet auf eine der Porträttafeln, die das Leben der Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Bettina von Arnim darstellt.

An den ersten Raum schließt sich der "Rote Salon" an, der seinem Namen alle Ehre macht. Er beeindruckt durch das Dunkelrot der Wände; in ihm ist die Geselligkeitskultur anhand von Biedermeiermöbeln und Schriftstücken präsentiert. Die Porträts der Marburger Salonbesucher in schlichten Goldrahmen stammen von Ludwig Emil Grimm, der auch "der Maler-Bruder" genannt wird. Dass der "Rote Salon" nicht nur über die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts informieren will, erkennt man schnell an der Einrichtung: Auf dem Tisch liegen Briefe, eine Schreibfeder, ein Fächer. In der Mitte des Tisches steht eine zur Hälfte herabgebrannte Kerze in einem Messinghalter. Die Szenerie erinnert mehr an ein erst kürzlich verlassenes Zimmer als an einen Ausstellungsraum im herkömmlichen Sinne. Der Besucher soll hier ein Gefühl für das Leben in der Zeit der Romantik bekommen.

Um diese Erinnerungsstätte der Romantik zu gründen, wurde 1998 der Verein Marburger Haus der Romantik - Museum für die Kulturgeschichte der Romantik gegründet. "Es ist unser Anliegen, das Gedenken an den Marburger Romantikerkreis an die Öffentlichkeit zu bringen und die Zeit der Marburger Romantik im kulturellen Gedächtnis der Gesellschaft zu bewahren", sagt die Vorstandsvorsitzende. Es gibt Projekte für den Deutschunterricht, Fortbildungen für Lehrer und jährlich drei bis vier Wechselausstellungen. Überdies werden Stadtführungen oder Vorträge gehalten. Das Marburger Haus der Romantik steht in engem Kontakt mit der Philipps-Universität Marburg, dem Museum für deutsche Frühromantik in Jena und anderen Einrichtungen im In- und Ausland. 2006 wurde das Marburger Haus der Romantik vom Hessischen Rundfunk und vom Hessischen Literaturrat mit einer Plakette als herausragender literarischer Ort ausgezeichnet. Zur Freude von Metz-Becker ist der Bau eines Romantikmuseums in Frankfurt beschlossene Sache. Dieses wird eine wichtige Zentrale in der Mitte Deutschlands sein und stellt eine vielversprechende Zusammenarbeit in Aussicht.

Informationen zum Beitrag

Titel
Emanzipiert im Roten Salon
Autor
Laurens Roolfs
Schule
Freie Waldorfschule , Marburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.07.2015, Nr. 165, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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