Mit irischen Feen ist nicht zu spaßen

Eddie Lenihan ist einer der letzten Seanachís Irlands. Er setzt sich in die Stuben der alten Leute und hört Geschichten an, die er dann aufschreibt. Alle seine Bücher hat er im Pub geschrieben.

Mit weitaufgerissenen Augen hängen 50 Teenager an den Lippen des Mannes, der wild gestikulierend vor der Tafel hin und her springt. Er erzählt von Feen und Fabelwesen, die, so sagt er, noch heute in Irland leben. Eddie Lenihan ist 65 Jahre alt, ein kleiner Mann von zerbrechlicher Gestalt. Ein wilder, grauer Vollbart umrundet sein schmales Gesicht. Sein graues Hauptthaar reicht ihm bis zu den Schultern. Brille und Lippenbart vollenden das Bild. Lenihan wurde in Brosnan, Kerry, geboren und lebt heute in Clare, im Westen Irlands. Sein Dorf zählt 864 Einwohner. All seine Bücher hat er dort im Pub geschrieben. "Das ist mein Büro", lacht er. "Da sitze ich immer in der Ecke, kann ein paar Bier trinken und in Ruhe schreiben." Derzeit plane er ein Buch über historische Begebenheiten aus dem altem Irland. Man liest dort etwa, dass die Iren während der Notzeiten des Zweiten Weltkriegs Teeblätter statt Tabak rauchten. Außerdem wird es um die Rebellion von 1916 gegen die Briten gehen. Fast vier Stunden hat Lenihan im Bus verbracht, um nach Dublin zu fahren, um vor der Schülergruppe zu sprechen. Das findet er ganz selbstverständlich, denn er will seine Leidenschaft teilen.

Eddie Lenihan ist ein Seanachí: ein klassischer Geschichtenerzähler. Bis in die sechziger Jahre gab es viele Geschichtenerzähler in Irland. Heute ist Eddie Lenihan einer der letzten seiner Art. Seit 40 Jahren sammelt er Märchen, Legenden und Geschichten. Mit seinem Kassettenrekorder fährt er durch ganz Irland, setzt sich in die kleinen Küchen der alten Leute und hört ihnen einfach zu. Irland ist im Gegensatz zu Deutschland noch ländlicher geprägt. Viele Familien leben seit Generationen am gleichen Ort. Die Geschichten und Legenden werden von Generation zu Generation weitergereicht, bis heute. So ist auch zu erklären, warum das kleine und junge Land Irland bereits vier Nobelpreisträger für Literatur hervorgebracht hat.

Eddie erzählt nur Geschichten, die er selbst aufgezeichnet hat: "Es sind nicht meine Geschichten, sondern die der älteren Leute. Oft trauen sie sich nicht mehr, ihre Geschichten preiszugeben, weil sie denken, dass man sie für verrückt hält." Es sei ihm wichtig, dass die Geschichten als Kulturgut nicht verlorengehen. So macht er das, was einst die Gebrüder Grimm taten: Er archiviert mündlich überlieferte Geschichten. "Ich möchte besonders die mündliche Geschichte Irlands bewahren, denn die geht am schnellsten verloren." Das kann Críostoír Mac Cárthaigh nur bestätigen. Der Professor für Volkskunde am University College Dublin leitet die National Folklore Collection. Hier werden seit den dreißiger Jahren Kulturgüter des irischen Volkes gesammelt und archiviert. Mac Cárthaigh zeigt auf ein paar altertümliche Geräte: "Das Archivieren der irischen Folklore begann mit primitiven Aufnahmeinstrumenten." Man findet zum Beispiel Schulhefte von 13-Jährigen, die in den dreißiger Jahren gebeten worden waren, Geschichten von daheim aufzuschreiben. In fein säuberlicher Handschrift liest man über Hochzeitsbräuche, Beerdigungen und Aberglauben. Die National Folklore Collection besitzt hunderttausend Legenden und Märchen. So auch 700 Versionen des Märchens "Aschenputtel". Das Archiv ist die wichtigste Quelle der irischen Volkskunde. Fast täglich bekommt Mac Cárthaigh Anrufe von Menschen, die Briefe oder Hinterlassenschaften haben oder einfach nur jemanden kennen, der aufzeichnungswürdig ist. Eddie kennt das Institut gut, sammelt aber, da er an der anderen Ecke Irlands lebt, seine eigenen Geschichten. Stapel von Kassetten füllen sein Haus in Clare. Eddie besitzt die größte private Folkloresammlung. Die Geschichten der alten Leute trägt er mündlich, in Büchern und in Hörbüchern vor. Eddie erzählt dabei von magischen Zauberbüchern, die Schuhe zum Laufen bringen, von Wieseln, die Bestattungsrituale abhalten, und von den besten Methoden, Feenwege und Feenbüsche zu erkennen.

Und das macht er mit vollem Körpereinsatz. Er lebt seine Geschichten mit, springt wild von einer Seite des Klassenraums zur anderen. Sein Bart schwingt nach, wenn er plötzlich vor einem steht. So recht weiß man nie, ob das, was er da erzählt, wirklich passiert oder erfunden ist. Eddie redet mit großem Enthusiasmus und ist davon überzeugt, dass es in den Hügeln und in den Feldern Irlands nur so wimmelt von Feen und anderen magischen Wesen. Die Feen, das sind aber nicht "jene lieblichen Disneygestalten", wie Eddie richtigstellt. Mit den irischen Feen sei nicht zu spaßen. "Sie sehen wie du und ich aus. Nur dass sie noch etwas bleicher sind, weil sie kein Blut haben. Mit diesen Feen ist nicht zu scherzen", warnt Eddie mit leerem Blick.

Hat er denn einmal eine fairy, eine Fabelgestalt, getroffen? Er wird ganz ernst, nimmt einen Schluck von seinem Tee. Die Klasse ist mucksmäuschenstill. "Ich fuhr mit dem Bus an einem kleinen Örtchen vorbei. Zufällig guckte ich raus auf ein Feld und sah einen überdimensionalen Hund, so groß wie ein Esel. Ich traute meinen Augen kaum. Als ich noch mal hinguckte, war er verschwunden. Ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen." Am selben Abend erfuhr Eddie, dass ein Bauer in den fünfziger Jahren eine Feenfestung, die Heimat der Feen, auf genau diesem Feld zerstört hat. Diese Festung werde seitdem von dem Geisterhund bewacht. Ja, Eddie glaubt an Märchengestalten, besonders an Feen. "Warum sollten die alten Leute lügen?", meint er und schaut erstaunt durch seine runden Brillengläser. Obwohl es der katholischen Lehre widerspricht, an Feen zu glauben, glaubt Eddie, der jeden Sonntag in die Kirche geht, an sie. Er glaubt an Gott, denkt aber, dass, wenn man an Gott glaubt, man auch an Feen glauben muss. Zumindest als Ire. Eddie glaubt so sehr an Feen, dass er 1999 mit einer Aktion sogar in der "New York Times" landete. Eine Autobahn sollte direkt durch einen Weißdornbusch führen. In solchen Büschen leben aber die Feen. Eddie bedrängte die Ingenieure so lang, bis sie die Autobahn um den Busch herum verlegten. Keiner wollte vom Unglück verfolgt werden.

Sein Interesse an Folklore wurde Eddie nicht in die Wiege gelegt. Die Eltern waren keine Geschichtenerzähler. Erst während seines Linguistikstudiums fing Eddie an, sich für Dialekte zu interessieren. Er besuchte alte Leute und hörte ihnen zu. Irgendwann interessierten ihn ihre Geschichten mehr als die Dialekte. 30 Jahre lang war Eddie Lehrer für Englisch und Irisch in Limerick. Dann beschloss er, hauptberuflich als Geschichtenerzähler zu arbeiten. Eine Frau und sechs Kinder kann er mit seinem außergewöhnlichen Job ernähren. Ein Sohn macht seinen Doktor in Augsburg. Geschichtenerzähler sind gefragt. Vor allem im Ausland. Kürzlich hat das chinesische Fernsehen mit Eddie einige Folgen gedreht, in denen er irische Geschichten erzählt.

Eddie hat 17 Bücher geschrieben und viele Tonaufnahmen gemacht. Sein neues Buch "Meeting the other crowd" ist auf Japanisch und Italienisch erschienen. Im Februar 2016 wird er in Japan Geschichten vortragen. Woher kann er so gut erzählen? Hat er je einen Kurs zum Storytelling besucht? Eddie lacht laut auf. "Das ist doch Unsinn. Man muss keine Kurse zum Geschichtenerzählen belegen. Man muss den Menschen nur zuhören. Richtig zuhören. Leider kommt diese Fähigkeit in der heutigen Zeit immer mehr Menschen abhanden."

Informationen zum Beitrag

Titel
Mit irischen Feen ist nicht zu spaßen
Autor
Freya Tacke
Schule
St. Kilians Deutsche Schule , Dublin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.07.2015, Nr. 165, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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