Vokabeln lernt sie auf Fahrten zu Spielen

In Verena Brehmers Händen liegt ein Spanisch-Vokabelbuch, sie lernt für einen Test. Mit der Münchner Gymnasiastin sitzen 14 weitere Mädchen im Bus. Es ist leise, die Fußballerinnen der Altersgruppe 14 bis 17 Jahre schlafen oder lernen und sind aufgeregt. An diesem Samstag geht es für die B1-Juniorinnen des Fußballvereins FFC Wacker München 99 e.V. nach Sindelfingen, etwa zweieinhalb Stunden von München entfernt. Zum Fußball ist die von ihren sportfreudigen Eltern unterstützte Sechzehnjährige durch einen Freund gekommen. Im Garten spielte Verena schon immer, "das war mir dann aber zu langweilig". Mit acht Jahren ging sie zum Verein eines Schulfreundes und spielte erst mal bei den Jungs mit. Dann lernte sie beim Stützpunkttraining, einem Zusatztraining, das die Leistungen der Spieler neben dem regulären Vereinstraining verbessern soll, Sportlerinnen vom FFC Wacker kennen. Der Verein aus München-Sendling ist mit 150 Mitgliedern allein in der Jugend einer der größten Frauenfußballvereine in Deutschland. Zu ihm wechselte Verena mit 12 Jahren aus zwei Gründen: Mädchen dürfen nämlich ohne Ausnahmegenehmigung des DFB nur bis zur C-Jugend, deren Durchschnittsalter 12 bis 14 Jahre beträgt, bei den Jungs spielen. "Außerdem ist es in diesem Alter natürlich angenehmer und spaßiger, unter Mädchen zu spielen", sagt die Abwehrspielerin.

Im FFC Wacker hat sie dreimal in der Woche Training, das jeweils insgesamt dreieinhalb Stunden mit Hin- und Rückfahrt einnimmt, da die defensive Spielerin im Stadtteil Laim wohnt. Davon beträgt die reine Trainingszeit eindreiviertel Stunden und beginnt mit sogenannten "Stabis", Übungen, die zu einer stabileren Körperhaltung führen, um Verletzungen vorzubeugen. Danach folgt eine Dehn- oder Aufwärmübung, um einen schnellen Antritt und eine gute Kondition zu entwickeln. Dann findet meist ein offenes Spiel statt. Die Mannschaft trainiert im Sommer am Harras in Schwabing in einer Anlage mit Echtrasen. Im Winter oder nach starken Regenfällen müssen die B1-Juniorinnen auf Kunstrasen in Hallen anderer Vereine spielen. Außerdem findet an jedem Wochenende ein Spiel statt, dessen Dauer einen halben bis zu einem ganzen Tag beansprucht. "Es ist schon eine Belastung", meint die mittelblonde Schülerin, denn bei längeren Fahrten wie nach Freiburg oder Frankfurt muss sie außerhalb übernachten.

Da die Mannschaft, bestehend aus 22 Mädchen des Jahrgangs 1998, 2014 in die Bundesliga aufgestiegen ist, werden lange Fahrten immer häufiger. Wenn nach der Schule ein Training stattfindet, bleibt keine Zeit zum Lernen: Nach dem Unterricht fährt die Ganztagsschülerin mit dem Fahrrad oder der Straßenbahn nach Hause, isst schnell etwas und hat dann gerade noch Zeit, ein paar Hausaufgaben zu machen, bevor es zum Training geht. "Das ist dann eine Frage der Zeiteinteilung", erklärt Verena, denn man kann beispielsweise auf langen Autofahrten lernen. Die Benzinkosten und drei Übernachtungen je Spieler bekommt der Verein vom DFB finanziert, außerdem gibt es eine Mannschaftskasse für Extrakosten wie Essen oder Trikots, in die Sponsoren, wie zum Beispiel eine Metall-Recycling-Firma, einzahlen.

Manchmal muss sich die Gymnasiastin zwischen Schule und Sport entscheiden. Wenn sie zum Beispiel am Wochenende ein Spiel in Frankfurt hat, fällt ein ganzer Tag zum Lernen weg. Doch die 1,68 Meter große Sportlerin ist eine gute Schülerin. Verena will kein Profi werden. Das Gehalt der Frauen in der Nationalmannschaft sei nämlich mit rund 60 000 Euro brutto im Jahr im Vergleich zu den Männern, bei denen der Spieler mit dem niedrigsten Gehalt noch eine halbe Million Euro verdient, gering: Viele dieser Frauen benötigen einen Nebenjob, der mit dem kleinen Zeitfenster in der freien Wirtschaft natürlich schwer zu finden ist. Schließlich nehmen der Alltag in der Bundesliga, Lehrgänge mit der Nationalelf und diverse Pflicht- und Testspiele viel Zeit in Anspruch. Deshalb dient die Mehrheit dieser Damen als Sportsoldatin, um sich im Auftrag der Bundeswehr ganz auf den Fußball konzentrieren zu können. An Werbeverträgen mit weiblichen Nationalspielern sind viele Firmen entweder nicht interessiert, oder sie zahlen erheblich weniger, da der Bekanntheitsgrad der Fußballfrauen weitaus geringer ist. Dazu kommt, dass eine Fußballkarriere nicht viel länger als 15 Jahre dauert und viele Profis oft nur einen Hauptschulabschluss oder eine Ausbildung haben. Wenn Verena 18 Jahre alt ist, wird sie trotz ihres Könnens nicht in die erste Frauenmannschaft gehen, denn diese spielt eine Stufe unter dem Bundesliganiveau, sondern wird in der zweiten Frauenmannschaft spielen, die weniger zeitaufwendig ist, da sie für ihr Abitur lernen muss. "Andere Sportarten wie Tennis oder Tanzen sind nicht so intensiv", sagt das aufgeschlossene Mädchen, dem Joggen zu langweilig ist. "Ich brauche einfach Sport, und das ist eben Fußball bei mir", meint sie und lächelt.

Informationen zum Beitrag

Titel
Vokabeln lernt sie auf Fahrten zu Spielen
Autor
Paula Stopic
Schule
Elsa-Brändström-Gymnasium , München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.07.2015, Nr. 171, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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