Nicht alle finden es cool

Andere Mädchen spielen mit ihren Puppen, stattdessen baute ich ihnen Puppenhäuser aus Holz", erzählt Katharina Benning, Auszubildende in einem großen Tischlereibetrieb im Münsterland. Die 17-Jährige ist im zweiten Lehrjahr und erklärt mit einem leichten Grinsen ihre Berufswahl. "Der letztendliche Entschluss war spontan, mir war aber schon immer bewusst, dass ich andere Berufsvorstellungen hatte als meine Freundinnen." Zudem bot ihr Vater, der nach seinem Schulabschluss selbst eine Ausbildung zum Tischler absolvierte, ihr schon als Kind die Möglichkeit, sich mit Holz zu beschäftigen und einfaches Spielzeug selbst zu bauen.

"Von sechs bis 15 Uhr arbeiten ist perfekt, ich habe jeden Nachmittag Freizeit, das sieht bei vielen ganz anders aus." Jedoch setzt sie hinzu, dass sie nach der Arbeit auf der Couch liegt und nicht mehr viel unternimmt. Die Produktion in der Tischlerei, die hochwertigen Laden- und Innenausbau betreibt, ist körperlich anstrengend. "Die Muskeln an meinen Armen werden auffällig größer." Offenbar der einzige Makel, der der zierlichen jungen Frau zu schaffen macht.

Der frühe Arbeitsbeginn stört sie dagegen wenig. "Für die Arbeit brauche ich mich ja nicht groß in Schale zu werfen." Zu ihrer Arbeitsbekleidung gehören ein einfaches, lockeres T-Shirt, eine Arbeitshose und -schuhe. "Meistens schminke ich mich leicht für die Arbeit, öfters trage ich Nagellack und Ohrringe, darüber machen sich meine Arbeitskollegen regelmäßig lustig, na ja, ich bin eben ein ganz normales Mädchen und achte nun mal auf mein Aussehen."

Auf die Frage, was andere über sie und ihren Beruf denken, antwortet sie ernster als zuvor: "Mädchen sagen mir oft, dass sie großen Respekt vor mir haben und es echt cool finden, dass ich mich getraut habe, das zu machen, was ich wirklich will." Jungs dagegen reagieren oftmals anders. Das Mädchen muss des Öfteren auch mal einstecken können, wird ausgelacht und darf sich Sprüche anhören wie: "Warum bist du nicht Kindergärtnerin geworden? Als Tischlerin bringst du es eh zu nichts, das ist nichts für Mädchen."

"Natürlich war mir bewusst, dass es nicht einfach wird, von anderen ernst genommen zu werden." Katharina beschreibt sich selbst als viel selbstbewusster und schlagkräftiger als zuvor. Ihr Verhalten habe sich geändert. Sie habe gelernt, sich zu wehren. "Nicht mehr so kleinkariert und pingelig zu sein war eine Grundvoraussetzung, um von meinen Kollegen ernst genommen zu werden." Diese Voraussetzung erfüllte die junge Frau relativ schnell und konnte sich in ihrem Ausbildungsbetrieb, genau wie die fünf Frauen, die die Bürotätigkeit verrichten, neben den mehr als 100 männlichen Mitarbeitern eine gleichwertige Position verschaffen und erreichte es, ernst genommen zu werden.

Katharina stößt des Öfteren an ihre körperlichen Grenzen. "Natürlich versuche ich erst, allein mit meinen Aufgaben fertig zu werden, irgendwie muss ich mir ja Respekt und Anerkennung verschaffen. Jedoch gibt es auch einige kraftaufwendige Arbeiten wie den Transport eines schweren Eichenbrettes, Tätigkeiten, die keiner in unserem Betrieb alleine erledigt bekommt. Es ist ein gutes Gefühl, wenn mich auch einmal die Jungs um Hilfe bitten." Andererseits setzten viele Kollegen auf ihre Unterstützung, wenn es um Tätigkeiten gehe, die Geduld und eine gewisse Feinmotorik verlangten. So produziert die Firma für Kosmetikgeschäfte kleine Kommoden und Regale; Katharinas Aufgabe ist es, "fachfrauisch" die kleinen Griffe herzustellen und zu lackieren. "Wir sind ein super Team, obwohl die Arbeit echt anstrengend und nervenaufreibend ist, haben wir auch immer Spaß zusammen."
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Nicht alle finden es cool
Autor
Sina Wellinghorst
Schule
Werner-von-Siemens-Gymnasium , Gronau
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.07.2015, Nr. 171, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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