Nachgrübeln, was wohl ein "Ich mag dich" bewirkt

Besucher drängen durch die Türen von Landaus einzigem Stadtkino. Alle wollen einen guten Platz im Saal. Initiiert hat die Veranstaltung Anja Ohmer, Senatorin und Dozentin für Germanistik und Darstellendes Spiel an der Universität Landau. Die Mittvierzigerin hat ihre Sonnenbrille lässig ins blonde Haar gesteckt. In ihren Chelsea Boots, schwarzem Shirt und geblümtem Rock wirkt sie fröhlich, tough und vor allem jung. Sie hat vor sieben Jahren als erste Hochschuldozentin Poetry Slam in die universitäre Ausbildung integriert. Beim Poetry Slam sind alle Textgattungen erlaubt, ob Rap, Reim, Lyrik, Short Story oder anderes. Wichtig sei nur, dass der Gesamteindruck des Vortrags stimme. "Denn nicht nur der Text steht im Vordergrund", sagt Ohmer, "sondern die ganze Person, die Art, wie sie spricht, wie sie geht, wie sie Interaktion mit dem Publikum betreibt." Als wichtigste Aufgabe der Slammer nennt Ohmer, das Publikum in den Bann zu ziehen. Dass das schwierig sein kann, weiß sie nur zu gut, denn sie schreibt selbst Texte.

Zuverlässig füllen die Landauer jedes Mal den großen Kinosaal und genießen die Donnerstagabende mit Poetik, Freunden und Bier. Entstanden aus einem Projekt für die Lehramtsstudenten, fand der erste Landauer Poetry Slam noch im Festsaal der Uni Koblenz-Landau statt. Dieser war jedoch so schnell voll, dass Anja Ohmer beschloss, das Risiko einzugehen, einen größeren Veranstaltungsraum zu buchen. Der Inhaber des Kinocenters war "sofort dabei". Ebenso der Hauptsponsor, die regionale Genossenschaftsbank, vertraute auf das Projekt. Jetzt gibt es zwei Veranstaltungen im Semester.

Wenn die Slammer, von maximalem Applaus begleitet, die Bühne betreten, wirken sie meist klein und verloren. Doch sobald sie loslegen, zeigt sich, was für ein Selbstvertrauen in ihnen steckt. Manche erzählen aus ihrem Leben. Ein Slammer machte sein Talent, Frauen zu vergraulen, zum Thema. Oft handeln die Texte von anderen Personen, deren Fehlern und Versäumnissen. Der Zuschauer ahnt nur, dass die Slammer in Wirklichkeit ihre eigenen Probleme thematisieren. So trug die Darmstädterin Jule Weber den Text "Hochseehaie" vor, in dem es um die Versäumnisse aller Menschen ging, Chancen und Träume zu verwirklichen. Sie erzählte die Geschichte eines alleinstehenden Mannes, der sich nicht traut, seinen Schwarm Judith anzusprechen aus Angst vor Zurückweisung und aus Faulheit. Auch hätte der Mann eigentlich lieber einen anderen Job, und auch sonst gefällt ihm sein Leben nicht so richtig. Doch etwas an seiner Situation zu ändern, das wäre ihm viel zu riskant. Stille breitet sich im Saal aus. Später bezieht die Autorin die Trägheit des Mannes auf ihre Beziehung, in der sie schon lange nicht mehr glücklich ist. Sie sieht keinen Sinn darin, den Weg der Trennung zu gehen, denn schlussendlich würde sie doch nur bei einem anderen Mann landen, mit dem sie nach einer gewissen Zeit auch wieder im Strudel der Gewohnheit und Langeweile landen würde. Im Saal sieht man verständnisvolles Nicken. Am Ende kritisiert die Slammerin ihre Faulheit, denn man wüsste ja nie, was die Veränderung bringen, was ein einfaches "Hey" oder "Ich mag dich" bewirken könne. Die Zuhörer hat Jule Weber zum Grübeln gebracht. Es gibt tosenden Applaus.

Immer mehr Schüler fänden sich im Publikum, vereinzelt auch ältere Leute, sagt Anja Ohmer. "Ich freue mich zu sehen, wie die Studenten, die ich auch im Seminar hab, sich entwickeln und was die können." Mit rund 600 Besuchern ist der Slam einer der größten in Deutschland. "Außerdem haben wir eine hohe Qualität. Bei uns treten die Popstars der Slam-Szene auf", sagt die Veranstalterin. Einige der Landauer, die in ihrer Heimatstadt klein angefangen haben, sind im ganzen Land erfolgreich, unter ihnen Jonas Meyer. Der 26-Jährige nennt sich selbst Indiana Jonas und ist in Slammer-Kreisen bekannt. Laut der Website MySlam.net hatte er bereits 87 Auftritte. Sein bisher größter Erfolg ist der Sieg im Finale der Landesmeisterschaft Rheinland-Pfalz/Saarland vor zwei Jahren.

Diese Landesmeisterschaft wurde 2012 vom Landauer Zentrum für Kultur- und Wissensdialog, das Anja Ohmer leitet, ins Leben gerufen und in Landau vor rund 3000 Besuchern ausgetragen. Eine weitere Besonderheit sei der Veranstaltungsort, das 1952 erbaute Universum Kinocenter, sagt Ohmer. Die rotüberzogenen Sitze und das Flair eines traditionellen, alten Kinos machten es zur idealen Location.

Was macht die Magie am Poetry Slam aus? "Vor allem junge Leute finden die Art von Kultur, die sie sonst so vergeblich suchen. Sie suchen ihren Ausdruck, finden ihn aber nicht im Theater. Auf der Suche nach Authentizität und bewegt vom Interesse am Menschen und der Vielfalt der Texte und Themen landen sie beim Poetry Slam", meint Ohmer. "Wo spricht man denn sonst noch über Texte?" Literatur in den hergebrachten Formen stoße bei jungen Menschen an Grenzen. Poetry Slam gehe als junge Kunst über diese Grenzen hinweg. Er gehe dem Trend entgegen, dass sich junge Leute oft von Kultur und vor allem Lyrik abwenden. So kam Ohmer auf die Idee, die Lehramtsstudenten nicht nur lesen, sondern selbst in die Produktion gehen zu lassen. "Sie sollten einmal selber den ersten Satz schreiben." Sie sieht darin Vorteile für eine innovative Lehrerausbildung: Es trainiere die Persönlichkeitsentwicklung, die Kritikfähigkeit, das Selbstbewusstsein und die Souveränität. Die Slammer lernen, ihre Unsicherheit zu übergehen und nicht immer nach einem theoretischen Konzept vorzugehen, laut Ohmer die Grundvoraussetzungen für den Lehrerberuf. Poetry Slam liefere die Antwort auf zwei Fragen, die ganz Deutschland beschäftigten: "Wie kriegt man junge Leute zu Kultur und wie bekommt man am Ende des Lehramtsstudiums die besten Lehrer?"

Neben dem Lehreffekt mache es den Studenten natürlich auch Spaß. Auch das Publikum ist guter Stimmung. Man teilt sich durch lautes Klatschen, Schreien und Pfeifen mit, denn das Publikum bewertet die Vorträge mit Hilfe des Lautstärkepegels und kürt den Sieger. Dieses Recht der Interaktion führt oft zu ausgelassenen Fan-Rufen. In der Pause trifft man Bekannte in der Schlange zur Toilette, raucht vor der Tür oder füllt die Süßigkeiten-Vorräte an der Kasse auf. Dabei diskutiert man die Favoriten, was gefallen hat und was nicht verstanden wurde.

Informationen zum Beitrag

Titel
Nachgrübeln, was wohl ein "Ich mag dich" bewirkt
Autor
Lene Haas
Schule
Eduard-Spranger-Gymnasium , Landau
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.08.2015, Nr. 177, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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