Voller Stolz auf ihre Kultur

In Teheran gibt es einen Ort, an dem man schöne Erfahrungen sammeln kann. Es ist ein dreistöckiges Mehrfamilienhaus, in dem seit 1958 das Österreichische Kulturforum Teheran (ÖKFT) sitzt. Es gibt einen Garten mit Walnussbaum und Weinrebe. Unter einer Trauerweide stehen Bänke für Raucher. "Zum einen ist das ÖKFT ein Sprachinstitut und zum anderen ein Kulturzentrum, in dem Veranstaltungen in allen Kulturbereichen durchgeführt werden. Es gibt Film- und Literaturabende, Theater, wissenschaftliche Vorträge und Musikveranstaltungen", sagt Thomas Kloiber, der stellvertretende Direktor. Mehrmals im Jahr kommen Musiker, Schriftsteller und andere Künstler aus Österreich. Junge iranische Künstler bekommen hier die Chance, ihre Werke auf die Bühne zu bringen. "Es ist tatsächlich so, dass die meisten Künstler, die die Gästezimmer im Haus bewohnen, von dem Ambiente und der Lebendigkeit des Hauses begeistert sind", sagt Kloiber. "Die Wissbegier und der hohe Grad an Bildung machen das Teheraner Publikum zu einem anspruchsvollen, das sich keinesfalls mit Kultur auf niedrigem Niveau zufriedengibt." Seit einigen Monaten lernt Kloiber Persisch. Er findet die Sprache herausfordernd, vor allem, was die Schrift betrifft. Besonders das Fehlen von Vokalen stellt für ihn eine Hürde dar.

Botschaftsrätin Gabriele Juen, die Direktorin, war zuvor in New York tätig. "New York ist im Vergleich zu Teheran ein Dorf", sagt sie. "Ich habe keinen Gast gehört, der nicht wieder hierherkommen möchte. Diese Menschen sind überrascht vom Kontrast zwischen dem, was in den Medien über den Iran vermittelt wird, und der Wirklichkeit. Sie sind überwältigt von der Gastfreundschaft, Freundlichkeit und Offenheit der Menschen." Das Haus ist dafür, dass es 1000 Sprachlernende hat und jeden zweiten oder dritten Tag eine Kulturveranstaltung stattfindet, ein kleiner Betrieb. Hier arbeiten 21 Deutschlehrer.

Aliasghar Haddad hat sich mit den Übersetzungen der Werke Kafkas ins Persische einen Namen gemacht. Er hat in Deutschland Entwicklungssoziologie studiert, ist in den Iran zurückgekommen und seit 33 Jahren Literaturübersetzer. Im ÖKFT ist er als Lehrer tätig. Der 70-Jährige sagt: "Iraner sind im Allgemeinen sprachbegabt, aber ich habe auch schon Sprachgenies gesehen. Im vorigen Jahr, als ich einen Übersetzungskurs hatte, ist mir eine junge Frau aufgefallen, die erst nur seit einem Jahr Deutsch lernte, aber das Niveau erreicht hatte, Literatur auf Deutsch zu lesen und sogar sehr gut ins Persische zu übersetzen." Aliasghar Haddad sitzt gemütlich in der Bibliothek im zweiten Stock des Hauses an einem großen Holztisch. Auf dem Tisch stehen eine kleine Österreich-Flagge und eine Flagge der Europäischen Union. "Wir haben hier im Iran die größte deutschsprachige Bibliothek", erklärt Botschaftsrätin Gabriele Juen.

Pouneh Ghaemdoust ist in Deutschland aufgewachsen, hat in Teheran promoviert und ihre Doktorarbeit über die deutsche und persische Kinderliteratur geschrieben. Seit 2000 unterrichtet die 36-Jährige Kinder, Jugendliche und Erwachsene im ÖKFT, das sie als ihr zweites Zuhause empfindet. "Wir sind wie eine kleine Familie und haben viele schöne Erinnerungen. Maziar, ein Schüler, der auch der musikalische Leiter des Austrian-Iranian Symphony Orchestra ist, hat bei mir ein halbes Semester Deutsch gelernt."

Es gebe sogar Schüler im Haus, die die Sprache übers Fernsehen gelernt hätten, sagt Botschafter Friedrich Stift. "Wir sind stolz auf das Haus. Wir haben das einzige Kulturhaus, das seit 1958 kontinuierlich und ununterbrochen tätig ist." Er vergleicht Iran mit einem Kontinent, weil es ein so vielfältiges Land ist. Es gibt Wüsten, Gebirge, Seen und Meer. Der Botschafter sieht auch Gemeinsamkeiten zwischen der österreichischen und der iranischen Kultur: "Beide Länder sind stolz auf ihre Kultur. Iran hat eine alte Hochkultur und Zivilisation, und wir sehen uns auch als ein Kulturvolk. In Österreich wird die Musik hochgeachtet, und im Iran wird nicht nur die traditionelle Musik geschätzt, sondern auch die Poesie."

Informationen zum Beitrag

Titel
Voller Stolz auf ihre Kultur
Autor
Reyhaneh Parvizian, Hanieh Parvizian und Haybert Avedian
Schule
Österreichisches Kulturforum Teheran , Iran
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.08.2015, Nr. 177, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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