Zur Strafe auf den Bauernhof

Nicht schon wieder Kuhmist stoßen", brummt Balian Davitian (Name geändert) vor sich hin. Der junge Armenier, der seit rund fünf Jahren in der Schweiz lebt, hat einem jungen Mann bei einer Massenschlägerei die Nase und den Kiefer gebrochen. Der 16-Jährige wurde für diese brutale Tat zu zwölf Tagen Mithilfe auf einem Bauernhof verurteilt. Und auf dem Bio-Bauernhof der Familie Arnold, der auf 1100 Metern am Südhang von Spiringen im Kanton Uri liegt, gibt es genügend Arbeit.

Vor allem im Sommer, wenn die Kühe auf der Alp sind und bei schönem Wetter Heuen angesagt ist, ist die Familie froh über zusätzliche Hilfe und den finanziellen "Zustupf". Elsbeth Arnold, die 1,70 Meter große Bäuerin mit kinnlangem dunkelbraunen Haar, betreibt neben der Arbeit auf dem Hof eine kleine Wollkarderei in Amsteg. Aus der gekardeten Wolle stellt sie vielerlei Produkte her. Bei schlechtem Wetter begleiten die straffälligen Jugendlichen die 47-Jährige nach Amsteg, um sie beim Karden und Filzen zu unterstützen. Bei der Betreuung der jugendlichen Straftäter wechselt sich das Ehepaar ständig ab. So übernimmt Elsbeth Arnold die Aufsicht bei der Filz- und Hausarbeit, während ihr 48-jähriger Mann Michael die Jugendlichen bei der Stallarbeit betreut. Das ist vor allem im Herbst und Winter der Fall, wenn die Mutterkühe von der Alp zurückkehren und wieder im großen Laufstall gefüttert werden müssen. In dieser Zeit heißt es dann für die Jugendlichen, früh aufstehen und dem breitschultrigen Landwirt bei der Stallarbeit mithelfen.

Um sieben Uhr ist Balian Davitian bereits mit dem Füttern der Kühe beschäftigt. Während er Heu in der Futterkrippe verteilt, erklärt er: "Natürlich wäre es jetzt schöner, in den Ferien zu sein, aber diese Strafe ist immer noch viel besser, als im Jugendgefängnis zu sitzen." Während seiner Zeit auf dem Bauernhof wohnt der junge Armenier mit dem Drei-Millimeter-Haarschnitt in einem gemütlichen holzgetäfelten Zimmer des zweistöckigen Bauernhauses. Dieser Einsatz ist die letzte Chance für Balian Davitian, der bereits fünf Mal angezeigt wurde. Denn wenn er nach diesem Aufenthalt eine weitere Straftat begeht, landet er in einem geschlossenen Heim. Deshalb will sich der 1,80 Meter große junge Mann auch besondere Mühe geben.

Am Mittagstisch in der großen hellen Küche des Bauernhauses hat der schwarzhaarige Junge wieder einmal etwas am Essen auszusetzen. Elsbeth Arnold schlägt ihm kurzerhand vor: "Du kannst das nächste Mal gerne selbst kochen. Ich werde dann die Position der Meckertante übernehmen." Mit so einer Antwort hat der Realschüler nicht gerechnet. Er erklärt entschuldigend, dass er eigentlich gar nicht kochen kann und deshalb in Zukunft keine Sprüche mehr zum Essen abgeben wird. Nachdem er beim Abwasch geholfen hat, macht der redselige Junge noch einen kurzen Spaziergang mit Body, dem freundlichen Hund der Familie. Während er das Bergpanorama betrachtet, erzählt er schmunzelnd: "In den ersten Tagen habe ich mich wirklich gefragt, wo ich hier gelandet bin, denn im Gegensatz zu Zürich, meinem Wohnort, ist das Schächental für mich wie das Ende der Welt. Als ich dann aber Michael Junior, den 21-jährigen Sohn der Familie, kennenlernte, ging die Zeit viel schneller vorüber. Am Abend durfte ich jeweils mit Michael Junior fernsehen."

Für die fünfköpfige Familie ist ein neuer Einsatz, auch nach 20 Jahren Erfahrung, jedes Mal wieder aufs Neue eine interessante und anspruchsvolle Aufgabe. Die Jugendlichen werden der Familie über die Caritas Schweiz vermittelt. Das Ziel ist, dass die Straffälligen Abstand von ihrem sozialen Umfeld bekommen, um dadurch Einsicht über ihre fehlerhafte Tat zu gewinnen. Normalerweise dauert ein solcher Einsatz zwei Wochen. In dieser Zeit lernt die Familie die jungen Menschen und ihre Lebensgeschichte gut kennen. "Manche Geschichten sind sehr traurig, denn viele der Jugendlichen, die zu uns kommen, sind in zerrütteten Familienverhältnissen aufgewachsen und mussten schon früh erwachsen werden", sagt Elsbeth Arnold. Deshalb ist es der Familie ein Anliegen, dass sich die Jugendlichen wohl fühlen und die ein oder andere Erfahrung mit auf den Weg nehmen. "Es ist schön zu sehen, wie einige Jugendliche, die sich sonst in der Gesellschaft querstellen, bei gewissen Arbeiten richtig aufblühen."

Auch Balian Davitian hat aus seiner Zeit auf dem Bauernhof gelernt: "Bei der Arbeit auf dem Hof habe ich eingesehen, dass ich nicht gleich körperliche Gewalt anwenden muss, sondern meine Aggressionen auch auf andere Art herauslassen kann, etwa mit körperlicher Arbeit oder beim Sport." Natürlich gibt es aber auch Differenzen zwischen den Jugendlichen und der Familie. Elsbeth und Michael Arnold versuchen dann mit Gesprächen die Probleme aus der Welt zu schaffen. "Es sind nicht nur die Jugendlichen, die etwas aus ihrer Zeit bei uns auf dem Bauernhof lernen. Jeder Einzelne aus unserer Familie hat auch von den jungen Menschen, die bereits bei uns waren, etwas gelernt. So habe ich mich dank ihnen zu einem weltoffeneren Menschen entwickelt", erklärt der 1,90 Meter große Familienvater.

Informationen zum Beitrag

Titel
Zur Strafe auf den Bauernhof
Autor
Debora Arnold, Kantonale Mittelschule Uri, Altdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.02.2011, Nr. 33, S. N6
Projekt
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