Spüren, ob das Publikum mit dir ist

Als Siebenjährige spielte Michelle Barthel aus Schapdetten-Nottuln im Münsterland erste Rollen in Märchen. Dass die heute 17-Jährige knapp zehn Jahre später für ihre Rolle der Becky im ARD-Spielfilm "Keine Angst" die Auszeichnung als "Beste Schauspielerin international" beim Internationalen Fernsehfestival 2010 in Biarritz sowie den Förderpreis beim Deutschen Fernsehpreis 2010 erhalten würde, hätte damals keiner prophezeien können. In der Cafeteria der Marienschule in Münster berichtet Michelle amüsiert von ihrem ersten Modelcasting, das sie mit einer Freundin als Achtjährige besuchte: "Wir haben uns da gar nichts dabei gedacht, es hat einfach Spaß gemacht, die Fotos zu machen. Mich hat dann einer vom Team gefragt, was ich noch so für Hobbys hätte, und als ich sagte, ich würde Theater spielen, waren sie begeistert und fragten, ob ich zu einem Casting für einen Kinofilm wolle." Sie lächelt. "Ich wollte da unbedingt hin."

Ihr erstes Casting bedeutete gleich ihren ersten Kinderkinofilm, "Der zehnte Sommer" von Jörg Grünler. Sie spielte eine der Hauptfiguren. Eine Agentur nahm sie prompt in ihre Kartei auf. Nach 2005 jedoch schien die Schauspielkarriere vorerst beendet: "Von da an kam gar nichts mehr, ich hatte das alles sogar vergessen." Bis zu jenem Tag, als ihre Familie von der Agentur eine Anfrage bekam, ob sie jemanden kenne, der zu der Rolle der kleinen Schwester Beckys in "Keine Angst" passen könnte. Michelle wurde zum Casting eingeladen. "Und dann hatte ich plötzlich eine große Rolle." Die Hauptrolle in einer so großen Produktion zu spielen, die die sozialen Umstände der Ärmsten in Deutschland mit drastischen Mitteln kritisiert, nahm die damals 15-Jährige sehr ernst. Zur Vorbereitung arbeiteten die jugendlichen Darsteller eng mit der Regisseurin Aelrun Goette zusammen, die mit ihnen über die Gefühle und Gedanken der Figuren sprach. "Wir sollten für unsere Rolle eine Rollenbiografie schreiben, das heißt, ich konnte mir meine Vergangenheit quasi selber aussuchen, mit kleinen Details, wo meine Rolle herkommt und so weiter." Überraschend intensiv sei ihre Art, ein 13-jähriges Mädchen aus problematischen sozialen Verhältnissen zu spielen, Hoffnungslosigkeit und Euphorie für den Zuschauer gleichermaßen spürbar zu machen, schrieben die Kritiker. Das talentierte Mädchen aus dem 1700-Einwohner-Dorf scheint eher bescheiden als großspurig mit ihrer Begabung umzugehen. "Die Medien pushen das eben sehr, alle Beteiligten sind aber total normal, sie machen nur einen Job, der total viel öffentliche Aufmerksamkeit bekommt." Zuletzt drehte sie einen Krimi mit den Kölner Tatortkommissaren. Natürlich habe sie Herzklopfen gehabt, "aber dann merkt man, das sind voll normale Menschen".

Sie sei froh, "dass diese Welt da nichts mit meiner echten Welt hier zu tun hat. Dass ich zwar da hinfahre, aber dann wieder nach Hause komme". In einem Theaterensemble der Marienschule erarbeitete sie ein Stück "Dressing Room No. Zero", das in den Städtischen Bühnen Münster zu sehen war. Den Unterschied zwischen dem Spiel vor der Kamera und dem auf einer Theaterbühne beobachtet sie genau. "Im Theater spürt man in jedem Moment, ob das Publikum mit dir ist oder nicht. Das ist eben sehr krass, wenn du da direkt Menschen hast, die du berühren kannst und die dir in der Geschichte folgen." In beiden Ausdrucksformen findet sie einen besonderen Reiz, "es gibt unendlich viele Charaktere, die man ausprobieren kann".

Die Schauspielerei ist für sie zwar der "totale Traumberuf", doch für ihre Zukunft hat sie dennoch keine konkreten Vorstellungen. Unbedingt will sie studieren und wäre später gern im journalistischen Bereich tätig oder Grundschullehrerin. "Am liebsten würde ich ja alles gern mal werden, um alles mal auszuprobieren", sagt sie und lacht hell auf. Nachdenklich sagt sie: "Jeder kann etwas Wundervolles. Das Schauspiel ist jetzt nichts, was mich irgendwie besonders heraushebt. Ich betrachte es als ein Geschenk, dass ich das alles im Moment machen darf."

Was aber treibt Michelle außerhalb von Schul- und Drehzeiten? "Ich singe und spiele Bass in unserer Band Vorlaut. Wir sind nicht groß, aber wir sind schon stolz auf uns." Sie covern Rocklegenden wie die Beatles und Lenny Kravitz. Michelle spielt neuerdings Fußball, "ich habe 13 Jahre Ballett getanzt und brauche jetzt mal was Wildes". Ihr liebstes Fach ist Sport, ihre Leistungskurse sind Englisch und Geschichte. "In Geschichte kann man so viel träumen . . ., sagt Michelle lächelnd.

Informationen zum Beitrag

Titel
Spüren, ob das Publikum mit dir ist
Autor
Viktoria Mletzko, Marienschule, Münster
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.02.2011, Nr. 39, S. N6
Projekt
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