In der Lämmerzeit helfen junge Dubliner

Patrick Nuttall züchtet Cheviot-Schafe. Die sind groß, haben weiße Gesichter, Hasenohren, Beine wie Zahnstocher und weiden in einem grünen irischen Tal. Mit der Wolle lässt sich nur wenig verdienen.

Patrick Nuttall sitzt in der Küche an einem großem Eichentisch seines Hofes in Calary, einem Tal mit grünen Feldern, die durch Hecken und alte Steinmauern voneinander getrennt sind. In der Mitte des Tals liegt Roundwood. Es gibt zwei Lebensmittelläden, ein Restaurant und zwei Pubs. Man sieht Patrick an, dass er sich viel im Freien aufhält. Seine Haut ist wettergegerbt, sein Haar kurz und schwarz gelockt. Er trägt einen blauen Drillichanzug, eine Art Latzhose, die sich über seinen Oberkörper spannt, und Gummistiefel. Er riecht nach Schaf, Medikamenten und Heu. Der 39-Jährige ist Schafzüchter und Landwirt. Seine Mutter steht am Herd und kocht irisches Stew. Einer seiner Collies liegt vor dem Agar, dem typischen irischen Ofen. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet Patrick in Roundwood, County Wicklow, südlich von Dublin. Er hat 500 Cheviot-Schafe, die er für den Fleischmarkt züchtet. Cheviot-Schafe sind große Schafe mit weißen Gesichtern und Hasenohren. Die weiblichen Schafe können ein Gewicht von bis zu 80 Kilogramm erreichen, die männlichen können sogar 120 Kilogramm schwer werden. Im Vergleich zu ihrer üppigen Wolle sehen ihre wollfreien Beine wie Zahnstocher aus.

Zum Bauernhof gehören Felder und mehr als 5000 Bäume, die Patrick gepflanzt hat. In dem zweistöckigen Wohnhaus lebt er mit seiner Familie und seinen Eltern. Neben dem Haus führt ein matschiger Weg in einen großen Hof. Hier liegen die Ställe, die im Winter mehr als 550 Tiere beherbergen. Daneben sieht man verfallene Gebäude unter wucherndem Efeu. Hier lagern Landwirtschaftsgeräte.

In den neunziger Jahren übernahm Patrick den Hof von seinem Vater. Er war damals 17 Jahre alt. Seither arbeitet er von morgens bis abends auf dem Bauernhof. "Schon als Jugendlicher musste ich auf dem Hof helfen. Mein Vater erwartete gute Arbeit und Hilfe von mir. Ich wollte in seine Fußstapfen treten." In Irland werden die Schafe wegen der Kälte in den Wintermonaten im Stall untergebracht. Nur im Westen und auf den Aran Islands bei Galway bleiben sie das ganze Jahr im Freien. Patrick bringt seine Tiere im frühen Dezember in den Stall. "Im Westen lebt eine andere Schafart, die der Kälte widerstehen kann. Meine Schafe können das nicht. Sie würden sich im Winter unterkühlen und Krankheiten bekommen." Wenn die Tiere im Stall untergebracht sind, werden sie geschoren. Da sie keine Leichtgewichte sind, ist das keine einfache Sache. Ein Mann hält das Schaf fest, ein anderer schert. Patrick bevorzugt das Scheren im Winter. So könne er Krankheiten besser erkennen, und die Lämmer kämen größer und schwerer zur Welt. Außerdem bleibt die Wolle nicht in den Stallgehegen hängen und verstopft nicht die Lüftungsschächte.

Im Januar müssen die Schafe zur Ultraschalluntersuchung. Patrick erfährt, wie viele Lämmer jedes Schaf zur Welt bringen wird. Die Muttertiere werden entsprechend mit verschieden Farben gekennzeichnet. "Schafe mit drei Lämmern brauchen natürlich mehr Nahrung als Schafe mit nur einem Jungen." Außer Hafer bekommen die Schafe Silage, also fermentiertes Winterfutter, und nach der Geburt Gras. Schafe mit drei Lämmern bekommen nach der Untersuchung sofort Hafer. Schafe mit zwei Lämmern erhalten acht Wochen vor der Geburt Hafernahrung. Schafe mit nur einem Jungtier bekommen erst zehn Tage vor der Geburt Hafer.

Patrick entscheidet, wann er die Schafe decken lässt. Dann lässt er die Widder zu seinen Schafen. Die männlichen Schafe sind separat in einem Gehege untergebracht. Die Tiere würden sich sonst streiten. Die Befruchtung erfolgt immer natürlich. Für Patrick ist die beste Lämmerzeit Ende März, weil dann das Wetter mild ist. "Es sind die stressigsten, wichtigsten und aufregendsten zwei Wochen des Jahres. Jedes Schaf wird dieses Jahr durchschnittlich 1,8 Lämmer bekommen. Darauf müssen wir uns vorbereiten. Ohne Hilfe würden wir das nicht schaffen." Die Hilfe bekommt er von Studenten aus Dublin. Jedes Jahr helfen drei bis vier während der Lämmerzeit. Sie übernachten im Hof und kümmern sich rund um die Uhr um die Mutterschafe und Lämmer. "Diese brauchen nämlich in den ersten zwei Wochen ständige Betreung", erklärt Patrick.

Die Studenten beobachten die Schafe und rufen den Bauern, wenn ein Tier Anzeichen einer Geburt zeigt. Vor der Geburt legt sich das Schaf stumm in die hinterste Ecke im Stall. Hier bleibt es liegen, bis der Geburtsvorgang beginnt. Die Geburt selbst geht schnell, fünf Minuten im Schnitt. Erst tritt Geburtsflüssigkeit hervor. Danach kommt das Lamm zum Vorschein, dann die Plazenta. Das Lamm kommt nass und blutig in einer Blase zur Welt. Es hat kurzes, weißes Fell, das rotgelb von Blut und Flüssigkeit ist. Die Mutter leckt das Lamm sofort sauber und legt sich neben ihr Kind. Ein Student bringt beide in ein Einzelgehege. Die Lämmer versuchen kurz nach der Geburt aufzustehen, was zu drollig anzusehenden Stürzen führt. Nach fünf Minuten können die Lämmer stehen.

Bei Drillingsgeburten gibt es meist ein Lamm, das nicht stark genug ist, um um die Milch der Mutter zu kämpfen. Patrick gibt daher das schwächste Lamm von dreien an ein Schaf mit nur einem Lamm weiter. Er legt das fremde Lamm neben das Mutterschaf. Das Lamm wird dann von den Geburtsflüssigkeiten der Mutter bedeckt. Dadurch sieht die Mutter das Lamm als ihr eigenes an. "So überleben die Lämmer und werden stärker." Größere Lämmer lassen sich auf dem Markt teurer verkaufen. "Natürlich gibt es einen finanziellen Aspekt beim Schafzüchten", sagt Patrick. Schließlich ernährt er damit seine Familie. Das Scheren im Winter zum Beispiel spart ihm Geld und Zeit. "Die meisten Leute denken, dass Schafscheren eine Maßnahme ist, mit der man als Bauer viel Geld verdient. Das ist aber nicht so: Pro Schaf mache ich nicht viel mehr als einen Euro Gewinn. Schafscheren ist kein großes Geschäft, sondern eine Notwendigkeit." Und die Konkurrenz schläft nicht. Manchmal verreist er für Arbeitsgespräche ein paar Tage, allerdings fast nie, um Urlaub zu machen. "Wenn ich verreise, muss meine Arbeit jemand anderes übernehmen, und das zu organisieren ist schwer." Patricks Gesicht leuchtet auf. "Als ich in Australien war, habe ich mich bei anderen Schafzüchtern umgeguckt und mich über deren Bauernhöfe und Methoden erkundigt. Ich habe viel Neues gelernt." Er hofft, dass eines Tages sein Sohn mitanpacken kann und den Hof übernehmen wird. Der Junge ist zwei Jahre alt. "Bis dann ist also noch viel Zeit. Und so früh will ich auch nicht aufhören." Der Hund will raus. Die Schafe blöken. Zeit für die Fütterung.

Informationen zum Beitrag

Titel
In der Lämmerzeit helfen junge Dubliner
Autor
Denis Jaursch, Cillian Purser
Schule
St. Kilian's Deutsche Schule , Dublin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.08.2015, Nr. 183, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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