Einmal Vertrauen gefasst, laufen die Pferde hinter ihm her

Ruhig trottet das braune Pferd um den großgewachsenen Mann, der die Longe, an der es geführt wird, locker in der Hand hält. Das Tier schaut ihn aufmerksam an, ein Ohr hat es in seine Richtung geneigt. Damit deutet die junge Stute an, dass ihre Aufmerksamkeit dem Mann in der Mitte gilt. Er gibt ihr durch Handzeichen zu verstehen, dass sie zu ihm kommen soll. Die Stute bleibt stehen und richtet den Kopf in seine Richtung. Daraufhin dreht er sich mit dem Rücken zu ihr. Seine Haltung bedeutet für Ronja, dass sie nun zu ihm kommen kann. Sie setzt sich neugierig in Bewegung. Angekommen, stupst sie ihn sanft an, er wendet sich langsam zu ihr um und krault ihr behutsam die Ohren.

Ronja ist nur eines von vielen jungen Pferden, mit denen sich Klaus Hartwig an einem Arbeitstag beschäftigt. Er reitet junge Pferde ein oder versucht ältere Pferde von Privatpersonen oder Gestütsbesitzern, die ihre Tiere bereits aufgegeben haben, zu folgsamen Wegbegleitern zu machen. Dafür fährt der Pferdebereiter meist zu den Kunden und trainiert die Pferde in ihrer gewohnten Umgebung. Auch zu Hause, auf seinem alten Hof in Meinhard-Frieda bei Eschwege, nimmt er gelegentlich Tiere auf, um mit ihnen zu arbeiten. Dort hält er in geräumigen Offenställen sein eigenes Pferd und die Pferde seiner Lebensgefährtin.

Schon als Jugendlicher besaß Hartwig ein eigenes Pferd. Da seine Eltern jedoch der Ansicht waren, mit Pferden könne man kein Geld verdienen, machte er eine Ausbildung zum Landwirt und anschließend eine weitere zum Sonderpädagogen. Danach arbeitete er in einer Werkstatt für junge Menschen. "Richtig glücklich war ich mit den Berufen nicht, denn bei meiner Arbeit fehlten mir immer die Pferde." So begann er nebenbei Pferde auszubilden. Heute ist das sein Beruf. Dennoch ist der Weg des Mannes in Jeans und kariertem Hemd nicht der, den die meisten Bereiter einschlagen. Denn er hat keinen Trainerschein gemacht. Der Mittvierziger nutzt eigene Erfahrungen. Seine Methode unterscheidet sich von der Methode anderer Bereiter, da er mehr mit Pferden kommuniziert: "Ich lasse mich auf das Pferd ein, lerne das Pferd zu verstehen, während andere versuchen, das Pferd zu ändern." Zuerst beginnt er eine Kommunikation auf der Basis von Körpersprache aufzubauen: "Das mache ich möglichst ruhig und gleichbleibend." Er stellt sich auf die Kommunikation der Tiere ein, denn Pferde sind sensibel, sie erfassen feinste Bewegungen und reagieren darauf. "Dennoch nehme ich von Anfang an den oberen Rang ein", räumt er ein. Das sei wichtig, weil Pferde Herdentiere sind; sie finden Sicherheit unter einer bestimmenden Führung. "Ich gehe mit dem Pferd von Anfang an in Situationen, die es von allein meiden würde, dadurch entsteht Vertrauen." Solche Situationen entstehen zum Beispiel, wenn er sie an Enge gewöhnt. Denn Pferde haben Klaustrophobie, das heißt sie leiden an Platzangst: "Ich nutze die Enge, missbrauche sie aber nicht." Das Pferd lernt in der Enge, dass ihm dort nichts passiert. Das gewonnene Vertrauen ist nicht zu übersehen: Die Pferde laufen Hartwig freiwillig hinterher. Sie scheinen ihn als einen wichtigen Teil ihres Lebens zu akzeptieren: "Manche Pferde werde ich gar nicht mehr los, nachdem ich mich mit ihnen beschäftigt habe, sie wollen dann ständig die Ohren gekrault bekommen."

So kann Hartwig die weiteren Schritte aufbauen, die ein Fluchttier zu einem sicheren Begleiter werden lassen. Auch dabei beginnt er vom Boden aus. Zuerst legt er dem Pferd einen Sattel auf den Rücken und zeigt dem Tier, das vor ungewohnten Situationen lieber davonläuft, als sich damit auseinanderzusetzen, dass der Sattel keine Gefahr darstellt. Anschließend gibt er ihm das Gebiss in den Mund und zieht das Zaumzeug auf. Vom Boden aus erklärt er dem Tier, dass darauf gekaut werden kann und dass es mit dem Kopf auf den von ihm ausgeübten Zug folgen soll. Wenn das Pferd dies verstanden hat, beginnt er sich auf den Rücken des Tieres zu setzen, um dann wieder abzusteigen, um das Tier nicht zu überfordern.

Bleibt das Pferd in allen Situationen ruhig und gelassen, baut der Bereiter die einzelnen Lektionen, die er dem Pferd beigebracht hat, zusammen und beginnt es zu reiten. "In der Regel gibt es dabei überhaupt keine Probleme, weil das Pferd diese Dinge ja schon in Einzelteilen kennt." So beginnt er es im Schritt zu reiten, doch erst, wenn in der langsamsten Gangart Entspannung erreicht sind, sich das Pferd problemlos lenken und anhalten lässt, lässt er das Pferd traben. Auch hier muss erst Ruhe erreicht ist, bevor er anfängt, das Pferd galoppieren zu lassen.

Es gibt Tage, an denen er einem Pferd nichts Neues beibringen kann, da die alten, bereits gelernten Lektionen nochmals ausführlich erklärt werden müssen. Wichtig sei, dem Pferd, nachdem es etwas gelernt hat, Ruhe zu gönnen, damit es das Gelernte verinnerlichen kann. Dies ist der Grund, warum es einige Wochen dauert, bis ein Pferd alle Lektionen gelernt hat. Dann ist die Grundausbildung geschafft. Wie lang diese dauert, ist individuell. Ein Pferd weist viele Facetten auf, die seinen Charakter ausmachen. Es gibt ängstlichere Tiere, die Halt am Menschen suchen, oder dominante mit starken Willen und eigenen Kopf. Das macht den Beruf abwechslungsreich, denn jedes Pferd lernt anders: "Das hängt auch oft davon ab, was das Pferd schon mit Menschen erlebt hat. Wenn ein Pferd schon viel Chaos mit Menschen erlebt hat, dauert es oft lange, Vertrauen herzustellen."

Eines der schwierigsten Pferde sei eine Stute, die er sich vor Jahren gekauft hat: "Wenn sie mitarbeitet, ist sie ein super Pferd", sagt Hartwig seufzend. Doch die schöne Stute fasse kein Vertrauen und wolle stets ihren eigenen Weg gehen. Er bleibt aber zuversichtlich: "Doch am schönsten ist immer, wenn ein Pferd, das sich anfangs sehr schwierig verhalten hat und das sich nur sehr langsam auf den Menschen eingelassen hat, endlich anfängt mitzuarbeiten und Vertrauen gewinnt."

Informationen zum Beitrag

Titel
Einmal Vertrauen gefasst, laufen die Pferde hinter ihm her
Autor
Alina Schäfer
Schule
Oberstufengymnasium , Eschwege
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.08.2015, Nr. 183, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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