In kleinen Kutten Puccini auf der großen Bühne singen

Selbstbewusst vor 2500 Zuschauern singen: Wer zum Kinderchor der Bayerischen Staatsoper gehört, der muss nicht nur musikalisch, sondern auch pfiffig sein.

Man tritt in einen riesigen Saal, sechs Stockwerke über dem Erdboden. Verborgen hinter der Hauptfassade eines der schönsten Prachtbauten der Münchner Innenstadt versteckt sich der Chorsaal des Kinderchors der Bayerischen Staatsoper. Es ist 17 Uhr an einem Donnerstag. Eine Schar aufgeweckter Kinder strömt schwatzend in den riesigen Raum und reiht sich auf den ansteigenden Stufen des Saals hinter ihren Notenständern ein. Durch die vergleichsweise kleinen Fenster an der Rückwand blickt man auf den Max-Joseph-Platz. Ein gut aussehender, dunkelhaariger Mann mittleren Alters erscheint. Ein paar Vorlaute machen noch Witzchen, aber es wird schnell ruhig. Der elegant gekleidete Mann setzt sich auf einem Podest an seinen Steinway-Flügel und gibt ein Handzeichen. Alle Kinder stimmen ein tiefes "Uff" an und singen die Tonleiter nach oben und wieder nach unten.

Mit verschiedenen Übungen wärmen sie ihre hellen Stimmen auf. Die in Sopran und Alt aufgeteilten dreißig Buben und achtzig Mädchen im Alter von acht bis 16 Jahren singen Passagen aus den berühmtesten Opern der Welt: "Carmen", "La Bohème", "Hänsel und Gretel", "Turandot" oder "Frau ohne Schatten". Vor ihnen steht Stellario Fagone: Leiter des Kinderchors der Bayerischen Staatsoper. "Für mich ist das so was wie der Sinn des Lebens. Ich kann meine Liebe für die Musik an die kommenden Generationen weitergeben, ihnen schöne Erfahrungen ermöglichen und maßgeblich an der Erziehung der Kinder mitwirken", sagt der Turiner mit seinem weichen, italienischen Akzent. Nach dem Studium in seiner Heimatstadt war er zunächst als Pianist und Assistent des RAI-Symphonieorchesters tätig, bevor er 2003 als Korrepetitor an die Bayerische Staatsoper engagiert wurde. Seit 2006 ist er stellvertretender Chorleiter im Opernhaus. Diese Funktion bringt die Position des Kinderchorleiters mit sich.

Bei der szenischen Probe für "Tosca" mit Star-Tenor Jonas Kaufmann am Wochenende spürt man bei den bestens eingespielten Kindern trotz ihrer Professionalität Respekt und Nervosität. Doch im Laufe der Probe legt sich die Aufregung, und es scheint fast so, als wären die Kinder einfach unter sich auf dem Spielplatz. "Jonas Kaufmann spricht mich oft darauf an, wie toll es ist, mit meinem Kinderchor zu singen. Als ich ihn einmal fragte, ob er neben den zahlreichen szenischen Proben auch zu einer unserer normalen, musikalischen Proben vorbeischauen möchte, sagte er spontan zu. Davon waren die Kinder, insbesondere die Mädchen, sehr entzückt", lacht Fagone.

Eine Woche später finden sich die Kinder zu einer Vorstellung in der Oper ein. "Turandot" von Giacomo Puccini steht auf dem Programm. Es geht anstatt in den sechsten Stock in den ersten. Grund ist der kürzere Weg zur Bühne. Hier wird nach dem gewohnten Einsingen der italienische Gesangspart mehrere Male geprobt. Dann ruft Frau Wilbrink, Fagones Sekretärin: "Die Kinder müssen in die Kostümerie und in die Maske." Sie ziehen ihre maßgeschneiderten Gewänder für den Abend an, lange, weiße Kutten mit aufwendig eingebauten Lampen auf der Brust, die die Kinder in der dunklen Szene beleuchten. Dann werden sie der Reihe nach von etwa 20 Maskenbildnerinnen geschminkt. Je Kind brauchen die Damen weniger als vier Minuten. Danach geht es zurück in den Probensaal zur kleinen, routinemäßigen Generalübung. Dann folgt der Anruf des Inspizienten: "Kinder schnell hinter die Bühne!" Alle springen auf und bewegen sich eifrig in den gigantischen Hinterbereich des Theaters. Die Kinder sind still und hochkonzentriert. Auf das Zeichen des Inspizienten marschieren sie selbstbewusst singend und schauspielernd, ganz in ihre Rolle vertieft, im Angesicht von fast 2500 Zuschauern auf eine der renommiertesten Opernbühnen der Welt. Ihr Auftritt dauert dreizehn Minuten. Auf dem Weg zurück in den Chorsaal plaudern sie schon wieder über die aktuellen Bundesliga-Ergebnisse, so als wäre ihr Auftritt das Normalste auf der Welt gewesen.

Die Hürden für Bewerber sind hoch. "Allein musikalisch zu sein und gut singen zu können reicht bei uns leider nicht aus. Ein weiterer Maßstab ist uns fast wichtiger als die Musikalität, und zwar wie wach, lebendig und intelligent ein Kind ist. Das bringt zwar manchmal disziplinäre Herausforderungen mit sich, aber dieses Risiko muss ich eingehen. Denn eine nicht hundertprozentige Präsenz der Kinder kann bei der Zusammenarbeit mit Regisseuren und Dirigenten zu großen Problemen führen."

Für das Vorsingen hat der neunjährige Maximilian seit Wochen sein Lieblingslied geübt: "Der Uhu mit der Straußenfeder". Heute ist der große Tag. Die Sänger führen ihr eingeübtes Stück dem Chorleiter vor, der sie am Flügel begleitet. Aus mehr als hundert Bewerbern erhalten zehn bis zwanzig Kinder eine Zusage - Maxi hat überzeugt. Mit der Aufnahmevereinbarung unterschreiben seine Eltern die Pflichten, die für ihn im Kinderchor gelten. Dazu gehören zum Beispiel die Anwesenheit für Proben und Aufführungen während der gesamten Opernsaison von September bis Juli - auch in den Schulferien. Neben Freundschaften und Erlebnissen sammelt Maxi nicht nur wertvolle Erfahrung fürs Leben, sondern auch bare Münze. Für reguläre Proben erhalten die Kinder zehn Euro. Für eine szenische Probe springen 15 Euro heraus. Bei einer Vorstellung gibt es bereits 20 Euro und für manche Soloauftritte sogar dreistellige Summen. Auf die Frage, warum der Chor nicht als Kinderarbeit gilt, antwortet der Leiter: "Wir haben strenge Vorgaben vom Jugendschutzgesetz, wie lange und wie oft ein Kind arbeiten darf. Die genauen Auflagen besagen, dass die Kinder nicht mehr als 30 Vorstellungen im Jahr singen, nicht länger als fünf Stunden am Tag und nicht öfter als fünfmal die Woche proben dürfen. Wenn wir diese Regeln befolgen, betreiben wir legale Kinderarbeit." Insgesamt belaufen sich die Kosten dafür im Jahr auf mehr als 100 000 Euro. Darin sind die Löhne der Kinder für alle Proben und Auftritte, die Gehälter der Betreuerinnen und des Chorleiters enthalten. Für Jungen ist mit dem Eintritt des Stimmbruchs Schluss, für Mädchen endet die Chorzeit mit Vollendung des 16. Lebensjahres.

Während der Hochsaison vor Weihnachten oder zur Festspielzeit kann es vorkommen, dass die Kinder drei- bis viermal in der Woche an der Oper sind. Bei dringenden Anlässen werden sie auch von der Schule befreit. Der These, dass durch den intensiven Chor die Schule bei manchen Kindern zu kurz kommt, widerspricht Stellario Fagone grinsend. "Ich glaube, dass die Kinder hier so viel fürs Leben lernen und ihre Opernzeit so eine bereichernde Erfahrung für sie ist, dass dies der Schule langfristig gesehen sehr gut tut. In all meinen Jahren hier habe ich noch nie erlebt, dass Eltern wegen mangelnder schulischer Leistungen eine Reduktion des Chores wünschten."

In den vergangenen Jahren begann der Kinderchor seine Reichweite zu vergrößern und Gastauftritte anzunehmen. So reiste Fagone zum Beispiel mit ausgewählten Kindern und dem Symphonieorchester und Chor des Bayerischen Rundfunks nach Luxemburg zu einem Gastauftritt mit der Oper "Pique Dame" unter Leitung von Mariss Jansons. Obwohl ihm schon mancher Dirigent vorgeschwärmt hat, Fagones Kinderchor sei der beste, den er je dirigiert habe, vermeidet der Italiener charmant den Vergleich mit anderen Kinderchören. "Aber natürlich gehört zur Bayerischen Staatsoper auch ein Kinderchor mit hohem Ansehen."

Informationen zum Beitrag

Titel
In kleinen Kutten Puccini auf der großen Bühne singen
Autor
Jonah Lego
Schule
Elsa-Brändström-Gymnasium , München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.08.2015, Nr. 189, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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