Auf den ersten Atemstoß

Kein Hindernis war dem Vollblutalphornisten zu groß, um seinen Traum zu verwirklichen. Für die Vorbereitungen hatte der jung gebliebene 86-Jährige rund ein Jahr investiert. "Aufgeber gewinnen nie und Gewinner geben nie auf!" Ganz nach seinem Lebensmotto hatte Guido Giacomuzzi vor einem Jahr bei einem Besuch im Kloster Einsiedeln das Dossier seiner Alphorngruppe einem hohen Würdenträger aus Rom in die Hände gedrückt mit der Anfrage, im Petersdom mit seinem Ensemble aufzutreten. Bald kam die Zusage, im Petersdom spielen zu dürfen. Auflage war jedoch, die Alphornmusik mit Gesang zu begleiten.

Giacomuzzi, ein alter Hase in der Schweizer Alphornszene, nutzte seine Kontakte und fand in Emil Wallimann einen Komponisten für passende Gesangsstücke. Dieser schrieb einen vierstimmigen Chorsatz, die Texterin Lisbeth Arnold untermalte ihn mit Worten. Nun suchte Giacomuzzi noch einen Chor, der seine Alphorngruppe nach Rom begleiten konnte. Der Kirchenchor Escholzmatt im Berner Emmental war begeistert und sagte zu. Giacomuzzi organisierte und leitete die Proben für den großen Auftritt. Und er buchte für alle 130 Musiker die Reise nach Rom.

Giacomuzzi wuchs als eines von acht Kindern im St. Gallischen Kaltbrunn am Ricken auf. Sein Vater starb, als er zwei Jahre alt war. Guidos Brüder spielten Trompete in der Militärmusik. Sie bestanden darauf, dass auch der kleine Guido ein Instrument lernen musste. Beim Trommelspiel zeigte sich, dass Guido ein gutes Taktgefühl hatte. Guido wollte jedoch lieber Fußball spielen als musizieren. "Ich war ein talentierter Stürmer im linken Flügel", erzählte er. Aber seine Brüder verboten ihm das Fußballspielen. Sie wollten, dass sich Guido voll auf die Musik konzentrierte. Dort sahen sie Potential.

Mit zwölf Jahren begann Guido schließlich, Posaune zu spielen. "Ich hatte immer ausgezeichnete Lehrer, die mich fast gratis unterrichteten", erinnert er sich dankbar. "Mein Ziel, wie die Brüder in der Militärmusik mitspielen zu können, erreichte ich problemlos."

Der gelernte Kaufmann, der in einem Lebensmittelgeschäft für die Einkäufe zuständig war, suchte nach der Pensionierung eine neue Herausforderung. Der Rentner entschied sich, das Alphornspielen zu lernen. "Es war Liebe auf den ersten Atemstoß." Die Spielart unterscheidet sich zwar stark von der einer Posaune. Aber er gab nicht auf, nahm Stunden und übte unermüdlich. Schnell beherrschte er das Alphornblasen so gut, dass er bei anderen Leuten in der Region Interesse weckte und zwei Alphorngruppen gründete. Das "Echo vom Frohberg", das im Zürcher Oberland probt, besteht aus 14 Mitgliedern unterschiedlichen Alters. Das Ensemble feierte vergangenes Jahr das zehnjährige Bestehen. Die zweite Alphorngruppe ist ein Seniorenensemble aus fünf Mitgliedern, das einmal wöchentlich in Rüti musiziert. Einige Stücke, die die Gruppe "Echo am Frohberg" spielt, sind von Giacomuzzi selbst komponiert.

Längst ist er auch Lehrer und versteht es dank seiner Frohnatur hervorragend, seine Freude am Alphornblasen weiterzugeben. Zurzeit lernen bei ihm fünf Junioren das Alphornspielen; sein jüngster Schüler ist gerade neun Jahre alt. Giacomuzzi strahlt über das ganze Gesicht, wenn er von seinen jungen Schülern erzählt. Nicht nur das Notenlesen, vor allem die Atemtechnik sei wichtig. Verschiedene Töne lassen sich allein durch die Formung der Lippen und durch die richtige Atemtechnik spielen. Durch verschiedene Mundstücke erklingen ebenfalls unterschiedliche Tonhöhen. Giacomuzzi beherrscht die ganze Spannbreite über vier Oktaven.

Auf Wanderungen ist er selten ohne Alphorn im Rucksack anzutreffen. "Ein Alphorn gehört einfach in die freie Natur. Wenn das Echo seines Spiels von den Bergen zurückhallt, ist das der schönste Applaus", schwärmt er. Aber das größte Erlebnis in seiner Musikerkarriere war der unvergessliche Auftritt mit seinem Alphornensemble im Petersdom und der anschließende Apéro mit der päpstlichen Schweizer Garde. "Wir sind eingeladen worden, nächstes Jahr wiederzukommen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Auf den ersten Atemstoß
Autor
Lynn Jenny
Schule
Kantonsschule Zürcher Oberland , Wetzikon
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.08.2015, Nr. 189, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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