Echter Blues ist kein Schorlebeschleuniger

Als ich als Kind Eric Clapton in einem Interview in der Sendung Rockpalast Gitarre spielen sah, da war mir klar: Das muss ich auch können." Für Timo Gross stand damit fest, dass die Gitarre sein Instrument ist und der Blues seine Musik. In seiner damaligen Schule lernte der heute 50-Jährige mit einem Gitarrenbuch seines Lehrers die ersten Griffe auf dem Instrument. Er selbst konnte keinen Unterricht nehmen, da er zu dieser Zeit niemanden kannte, der ihm den Blues beibringen konnte. Das erste Mal Unterricht nahm er erst mit 25 Jahren, als er schon als professioneller Musiker tätig war. In der Amsterdamer Hochschule der Künste begann er Jazzgitarre zu studieren, brach nach zweieinhalb Jahren aber sein Studium ab. "Das war einfach nicht das, was ich wollte", sagt Gross.

Sein Geld verdiente er zu dieser Zeit mit "Dienstleistermusik", Musik, die nur auf Party und moderne Hits abgestimmt ist, wie er heute zugibt. Spaß würde ihm das heute nicht mehr machen, man komme sich nämlich vor "wie ein Schorlebeschleuniger". Gross legt Wert darauf, dass sein Publikum zuhört. Er erzählt, dass das nicht immer gegeben ist, obwohl Deutschland in Musikerkreisen als besonders aufmerksam gilt. "Es gibt Abende, da hört kein Mensch zu. Letzte Woche war ich auf einem Konzert, und zwei Männer neben mir haben sich die ganze Zeit unterhalten, die haben gar nicht zugehört. Da frage ich mich auch, warum sie Eintritt bezahlen."

Gross redet mit dem ganzen Körper. Er beugt sich nach vorne und gestikuliert immer wieder mit seinen Händen. Der Mann mit dem Igelschnitt trägt zerrissene Jeans und einen engen, blau-weiß gestreiften Pullover. 2005 begann er unter seinem eigenen Namen Blues zu spielen. "Nachdem ich das Album Down to the Delta herausgebracht habe, habe ich erst mal sechs Wochen recherchiert, wo man in Deutschland Blues spielen kann." Er erkannte, dass es in Deutschland eine Bluesszene gibt, die zwar klein, aber trotzdem aktiv ist.

Im Laufe der Jahre stellte Gross aber fest, dass "Livemusik in Deutschland immer schwieriger wird". Außerhalb von Covermusik oder Partybands auf Weinfesten sinke das Interesse. "Der Blues wird sich mit anderen Musikrichtungen vermischen und so immer mal wieder auftauchen", sagt der Bad Bergzabener aber ohne Bedauern.

Als Produzent und Lehrer unterstützt er junge Musiker wie Johnny Rieger oder Marius Tilly, die mit ihren Alben für Furore in der Szene sorgten. Neben seiner Tätigkeit als Musiker arbeitet Gross nämlich auch als Produzent und als Gitarrenlehrer. Das ist auch notwendig, um sich eine finanzielle Unabhängigkeit zu schaffen. "Also nur von den Blues-Auftritten leben - da weiß ich nicht, ob es reichen würde. Es hängt auch immer davon ab, wie oft ich spiele", erklärt er.

Der talentierte Songwriter gibt zu, manchmal einfach keine Lust zu haben, seine Auftritte zu buchen und den Clubbetreibern "hinterherzurennen". Durch sein Studio im Keller schafft er es, keine großen Kosten bei Aufnahmen zu haben. "Das heißt, ich muss mich nicht über Wochen kostspielig in ein Studio einmieten." Eine wichtige und immer häufiger vorkommende Maßnahme, um aus Plattenverkäufen überhaupt noch einen Gewinn zu erzielen. Denn die Preise für eine Aufnahme bei professionellen Tontechnikern sind für nicht gerade weltbekannte Berufsmusiker kaum zu stemmen. Über die Jahre hat sich Gross das Produzieren selbst beigebracht, um diese Kosten zu umgehen. "Was viele Musiker allerdings vernachlässigen, sind Gema-Tantiemen. Man bekommt schließlich für jeden Auftritt, bei dem jemand deine Musik spielt, Gage", sagt er. Dann unterbricht er kurz das Gespräch und kocht sich einen Kaffee, sein Lieblingsgetränk. Außerdem gibt er noch regelmäßig Workshops für größere Gruppen von Musikern und hat ein Netzwerk von Gitarrenlehrern, die für und mit ihm arbeiten.

Bei dem Gespräch wird schnell klar, dass das Leben als Berufsmusiker offenbar nicht einfach ist. Man kann ertragreiche Covermusik spielen, die der breiten Masse zusagt, aber oft frustrierend für Musiker ist, da ein Auftritt schnell zu Arbeit wird, wenn man sich mit den Liedern selbst nicht identifizieren kann. Der andere Weg wäre der, den Timo Gross gewählt hat: eigene Lieder zu komponieren und vorzutragen. Die Risiken bestehen darin, dass die Lieder dem Publikum nicht gefallen. Häufig müssen solche Singer-Songwriter ihren Traum aufgeben und einen anderen Beruf ausüben.

Ans Aufhören oder Aufgeben hat Timo Gross noch nie wirklich gedacht. "Es ist zutiefst menschlich, dass man sich manchmal hinterfragt. Aber: Wer hat eigentlich so einen tollen Job wie ich? Ich hoffe natürlich, dass alle Menschen Spaß an ihrem Job haben, aber ich könnte nicht auf irgendeinem Amt sitzen", erklärt der Familienvater nachdenklich.

Trotzdem ist sich Timo Gross sicher, dass Musiker in Deutschland besser leben können als in anderen Ländern. "Ich habe Freunde in Austin, Texas. Da gibt es Locations, bei denen die Bands Schlange stehen. Da spielen an einem Abend bis zu fünf Bands." Dementsprechend niedrig sei auch die Gage. Folglich müssen sich die Musiker sogenannte "Dayjobs" suchen. "Zum Beispiel irgendwo in einer Burgerbraterei. Also, vom Geld her lebt man hier besser. Natürlich ist dort eine ganz andere Atmosphäre als hier in Bad Bergzabern oder in Landau. Aber ich wollte da nicht hin. Zum Touren geh ich immer mal gerne in die Staaten, aber nicht, um als Musiker dort zu leben", versichert er.

Viele Musiker verzichten dort aus Geldmangel auf ihre Lebens- und Krankenversicherungen und müssen oftmals zu Spendenaktionen aufrufen, um sich notwendige Operationen leisten zu können. Durch die gesetzlichen Krankenkassen und die Künstlersozialkasse, eine Sozialversicherung, die freiberuflichen Musikern eine Möglichkeit auf Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung gibt, ist man in Deutschland dagegen einigermaßen geschützt.

Timo Gross führt in einen niedrigen, dunklen Keller, der eingeräumt ist mit unzähligen Gitarren, Verstärkern und sonstigem Equipment. Zu jeder seiner Gitarren kann er eine Geschichte erzählen. Die Gitarre, die Gross für all seine Studioalben benutzt, hat er von seinem Freund bekommen. Dieser hatte die Einzelteile ersteigert und selbst zusammengefügt. Nach einiger Überzeugungsarbeit konnte er seinen Freund dazu überreden, sie ihm zu verkaufen. "Die klingt zwar trocken nicht so gut, aber mit dem Verstärker klingt sie schon cool. Sie bringt mir sehr viel Inspiration."

Informationen zum Beitrag

Titel
Echter Blues ist kein Schorlebeschleuniger
Autor
Justin König
Schule
Eduard-Spranger-Gymnasium , Landau
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.08.2015, Nr. 189, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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