Einfach mal reden

Der Eingang mit dem Schild "Einfach mal reden" ist unscheinbar. Doch der GesprächsLaden, in dessen Räumen früher ein Kopiershop war, ist aus der Industriestadt Schweinfurt nicht mehr wegzudenken. "Es waren in der Gesamtsumme 1746 Kontakte im letzten Jahr, von denen es bei 1081 Personen dann wirklich zu intensiven Gesprächen kam." Die Freude über die hohe Akzeptanz bei vier Stunden täglicher Öffnungszeit unter der Woche ist Robert Bundschuh anzusehen. Der Pastoralreferent ist Gründer und hauptamtlicher Mitarbeiter des Ladens. Mit seinen leicht ergrauten Haaren und dem Vollbart wirkt der 60-Jährige vertrauenswürdig, seine Stimme klingt optimistisch. Es überrascht nicht, dass es den Besuchern leichtfällt, sich ihm zu öffnen. Diese Echtheit ist wichtig, damit die Menschen sich wohl fühlen und über ihre Probleme reden. "Es sind drei wesentliche Faktoren, die dafür sorgen, dass ein Gespräch hilfreich ist: Es muss von Wertschätzung dem anderen gegenüber geprägt sein, von Echtheit, die aufrichtige Begegnung ermöglicht, und von einfühlendem Verstehen."

Genau das erklärt er jedem ehrenamtlichen Mitarbeiter, von denen es zwölf gibt. Studien belegen, "dass Ehrenamtliche in dem helfenden Bereich genauso effektiv und hilfreich agieren wie Profis, wenn sie bestimmte Grundhaltungen beherzigen. Wo ich dem anderen wertschätzend, verstehend, einfühlsam, also quasi in seinen Schuhen gehend begegne, kann ich davon ausgehen, dass ein Gespräch hilfreich und förderlich ist."

16 Jahre ist es her, dass Robert Bundschuh vom Dekan des katholischen Stadtdekanats den Auftrag bekam, eine seelsorgerische Einrichtung aufzubauen. "Zu Beginn waren Konzept und Ausrichtung des GesprächsLadens offen; klar war, dass es eine niederschwellige Anlaufstelle für Menschen in unterschiedlichen Problemlagen werden sollte." Eine Oase mitten in der hektischen Innenstadt ist entstanden. Die helle Türglocke und der freundliche Empfangsraum wirken gastfreundlich.

Dennoch ist sich Bundschuh sicher, dass es viele große Überwindung kostet, zu kommen. "Es braucht ein gewisses Maß an Leidensdruck, bis jemand den Weg zu uns findet. So mancher ringt mit sich, um den Mut aufzubringen, über persönliche Probleme zu sprechen." Die Themen sind so vielfältig, wie es die Menschen eben sind. Lebensprobleme wie Vereinsamung, Krankheit, Älterwerden, Beziehungsschwierigkeiten kommen zur Sprache, ebenso psychische Beeinträchtigungen wie Angst, Depression, Minderwertigkeitsgefühl, Sucht. Häufig suchen Menschen auch Gespräch und Trost im Zusammenhang mit Sterben, Tod und Trauer oder Beratung in Konfliktsituationen, im Arbeits- und Berufsleben.

In den meisten Fällen zeigt die Erfahrung, dass es hilfreich ist, wenn jemand die Chance ergreift, sich vorbehaltlos und vertrauensvoll einem anderen zu öffnen. Die Mitarbeiter werden nicht müde, den Besuchern zuzuhören, welche Probleme auch immer sie haben: "Da kommt der junge Mann, der befürchtet, um sein Erbe betrogen zu werden. Oder eine Frau, Ende dreißig, die von ihrer großen Sehnsucht nach einer festen Beziehung erzählt. Ein Elternpaar macht sich Sorgen um die jüngere Tochter, die, so scheint es, finanziell von ihrem Partner ausgenutzt wird. Die 16-Jährige möchte ihr Verhältnis zu ihrem Vater verbessern. Der Schulabgänger fühlt sich mutlos im Blick auf sein Vorstellungsgespräch. Der Senior ist, nun verwitwet, mit dem Haushalt überlastet. Die Tochter möchte ihre Mutter zur Trauergruppe überreden und weiß nicht, wie. Die Frau, die seit Eröffnung der Einrichtung regelmäßig vorbeischaut, will nur schnell sagen, dass die Stimmung daheim wieder besser geworden ist..." Bundschuh will selbst belastbar bleiben. Ausgleich ist ihm wichtig. Er findet ihn im kollegialen Austausch, im Schreinern, beim Joggen und "in der eigenen Familie als Wohlfühlort".

Informationen zum Beitrag

Titel
Einfach mal reden
Autor
Moritz Müller
Schule
Bayernkolleg , Schweinfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.08.2015, Nr. 195, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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