Sie lieben Skandale und Applaus

Die Honorare sind oft gering, die Arbeitszeiten so gewöhnungsbedürftig wie die Aussichten. Trotzdem mögen viele Schauspieler ihren Beruf.

Ich bin ein Gesellschaftsmensch", sagt die 28-jährige Irina Ries, Schauspielerin am Stadttheater Gießen. Seit 2006 ist die 1,65 Meter große Frau mit dem langen braunen Haar am Stadttheater angestellt. "Es gefällt mir gut in Gießen, ich lebe in einer Zweier-WG und bekomme am Theater viele anspruchsvolle Rollen, die ich wahrscheinlich an anderen Häusern nicht bekommen würde." Trotzdem bewirbt sie sich ständig aufs Neue: "Damit ich im Vorsprechen fit bleibe und bei einem späteren Bewerbungsgespräch, bei dem es darauf ankommt, nicht zu aufgeregt bin", erklärt sie. Sie findet den Gedanken schön, ihren Beruf so lange auszuüben, bis sie "alt und schrumpelig" ist.

Man sollte den Beruf des Schauspielers aber nur ausüben, wenn man komplett dahintersteht, denn die Theaterbranche lebt von starken Bildern und setzt auf Schockwirkung. Zuschauer werden mit Nacktszenen und viel Blut konfrontiert. Irina Ries hat damit kein Problem. "Ich finde Skandale wichtig und würde sogar selbst eine Nacktszene spielen, wenn ich die Aussage, die dahintersteckt, verstehe. Man kann sich seine Rollen nicht immer aussuchen. Schauspieler sind ohnehin gezwungen, flexibel zu sein." Meistens hat man an einem Theater nur einen Zweijahresvertrag und wechselt daher oft den Wohnort. Es kommt auch vor, dass man gar kein festes Engagement bekommt. Dann muss man sich als freier Schauspieler über Wasser halten, der nur für ein Stück, meist für sechs Wochen, an einem Theater spielt.

Sie selbst war schon während und nach ihrem Schauspielstudium an vier verschiedenen Theatern, und das ist eigentlich noch ziemlich wenig. 1990 begann die damals Achtjährige aus Niedernhausen im Taunus mit der Schauspielerei, zunächst im Jugendchor und im Jugendclub und dann in der Statisterie und mit kleinen Sprechrollen am Stadttheater Wiesbaden. Ihre Eltern wollten eigentlich, dass sie erst einmal etwas "Richtiges" lernt. Lachend sagt Irina Ries: "Als sie dann gemerkt haben, dass es klappt, und sie mich bei Projekten an der Schule beobachtet haben, fanden sie es dann doch ganz toll. Der Beruf des Schauspielers ist eben nicht einfach, im Extremfall können manchmal 55 Stunden die Woche anfallen, ohne die Zeit, die man ohnehin zu Hause Text lernen muss oder sich auch körperlich fit halten sollte."

Für den 32-jährigen Dominik Breuer, der ebenfalls am Gießener Stadttheater angestellt ist, sind 55 Stunden noch relativ wenig. Bei ihm kam es sogar schon vor, dass er 100 Stunden in der Woche gearbeitet hat. Kein leicht verdientes Geld, wenn man bedenkt, dass ein Schauspieler unter Umständen in den ersten Jahren nur 1650 bis 2000 Euro Bruttogehalt im Monat bekommt. Dominik ist 1,78 Meter groß und hat eine Glatze. Auch er ist viel herumgekommen, innerhalb von neun Jahren hat er in fünf verschiedenen Städten gelebt. "Dabei ist es nicht leicht, die Schauspielerei mit Familie und seinen Freunden zu verbinden. Man macht diesen Beruf eben nicht fürs Geld", sagt er. Die Arbeitszeiten sind gewöhnungsbedürftig. Meistens hat man Proben, unter der Woche von 10 bis 14 Uhr und dann noch mal von 18 bis 22 Uhr. Außerdem muss man am Samstagvormittag da sein, und dann steht man noch fast jedes Wochenende auf der Bühne, weil donnerstags bis sonntags die Stücke aufgeführt werden. An vielen Theaterhäusern stehen aber auch an anderen Wochentagen Abendvorstellungen und morgens Schulvorstellungen auf dem Spielplan. Dazu kommt die Unsicherheit, überhaupt eine Stelle zu bekommen. In ganz Deutschland gibt es nur ungefähr 3600 Stellen, auf die sich aber zehnmal so viele Schauspieler bewerben. "Da bleibt einem nur die Möglichkeit, flexibel zu sein", bestätigt Dominik, der sich auch schon anderweitig umgesehen hat: Mit 15 Jahren spielte er den Tobias Foggen in "Verbotene Liebe", 1996 war er in der "Stadtklinik" auf RTL zu sehen und auf der Kinoleinwand als René in "Oi!Warning". Heute versucht er sich aber, soweit es geht, vom "Soapgeschäft" zu distanzieren. Die Theaterbranche sei viel professioneller und anspruchsvoller. "Außerdem habe ich momentan relativ wenig Zeit für Film und Fernsehen. Manchmal kann man mich noch für Hochschulprojekte begeistern. Das heißt, ich gebe kleinere Schauspielworkshops oder spiele selbst zum Beispiel an der Universität Weimar in Kurzfilmen wie ,Zimmer Frei' mit. Ansonsten bleibe ich aber erst mal beim Theater. Es ist nicht nur der Applaus, der mich so begeistert", betont er. "Die eigentliche Freude liegt im Schaffensprozess selbst, auch wenn sich die sechswöchigen Probenzeiten für ein Stück manchmal ganz schön lang anfühlen."

Dem stimmt Petra Soltau zu. Sie ist mittlerweile 59 Jahre alt, hat graues Haar und ist seit 1975 im Theatergeschäft. Schon mit zwölf Jahren war es ihr Traum, einmal Schauspielerin zu werden. Sie ist in Hamburg geboren und machte ihre Ausbildung an der dortigen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst. In den 80er Jahren war sie auch im Filmgeschäft tätig. Sie spielte unter anderem im "Tatort" und in "Soko 5113" mit. "Natürlich ist das Filmgeschäft lukrativer", erklärt sie. "Da kann man auch schon mal 800 bis 1200 Euro am Tag verdienen."

Solche Gelegenheiten bieten sich aber nicht immer, und das Theater gefalle ihr besser, "weil es eben live ist". Die Kunstinteressierte war schon an zwölf verschiedenen Häusern angestellt. Vor 18 Jahren kam sie von Wilhelmshaven nach Gießen. Sie ist seit 17 Jahren verheiratet und führt seitdem eine Fernbeziehung, wobei sie in der Distanz durchaus viel Positives erkennen kann. "Man gerät nicht so schnell in den Alltagstrott." Petra Soltau hat zwar keine Kinder, sagt aber, dass der Beruf kein Hindernis sei. Viele ihrer Kollegen hätten trotz Schauspielerei eine große Familie.

Um ihren 50. Geburtstag herum hat sie sich manchmal gefragt, ob sie nicht in dem Beruf aufhören sollte, "da ich mich nicht mehr zu Hause fühlte", erinnert sie sich. Mittlerweile ist sie aber froh, es nicht getan zu haben. Sie betont: "Ich habe schon so viel erlebt, von der Männerrolle bis hin zur Nacktszene, und so lange der Geist und das Handwerkszeug noch funktionieren, möchte ich weitermachen, bis ich den Löffel abgebe."

Informationen zum Beitrag

Titel
Sie lieben Skandale und Applaus
Autor
Michelle Platt, Landgraf-Ludwigs-Gymnasium, Gießen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.02.2011, Nr. 39, S. N6
Projekt
Jugend schreibt

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