Da sein beim Schock

Damit aus Trauer kein Trauma wird, steht das Kriseninterventionsteam Menschen in Not bei. Es ist vor Ort bei Unfällen, Amokläufen und Flugzeugabstürzen.

Man selbst möchte nie in die Situation kommen, von ihnen betreut zu werden. "Unsere Aufgabe ist es, Menschen wieder handlungsfähig zu machen, nachdem sie die Nachricht bekommen haben, dass eine geliebte Person gestorben ist", sagt Peter Zehentner, Jahrgang 1968. Seit 16 Jahren leitet er das Krisen-Interventions-Team, KIT-München, das auch nach dem Absturz der Germanwings-Maschine im März zum Einsatz kam. Ursprünglich absolvierte er eine Lehre als Koch und arbeitete im Münchner Hofbräuhaus. Während seines Zivildienstes im Rettungsdienst hatte er das Gefühl, dass seine Berufung doch eher eine andere ist. Er machte eine Ausbildung als Sozialarbeiter und arbeitete nebenbei als Rettungssanitäter. Auf seinen Einsätzen lernte er schließlich das KIT-München kennen und begann dort 1996 eine Ausbildung.

1994 war es das weltweit erste Projekt dieser Art und wurde durch den damaligen Rettungsfahrer Andreas Müller-Cyran ins Leben gerufen. Der Anlass dafür war ein Einsatz im Sommer 1989, bei dem es zu einem tragischen Unfall kam. "Ein kleiner Junge wurde von einer Trambahn erfasst und schwer verletzt. Schließlich versuchte man, ihn zu reanimieren, und während des kompletten Vorgangs standen die geschockten Eltern daneben und mussten alles mit ansehen", berichtet Zehentner. "Aus der Hilflosigkeit der anwesenden Rettungskräfte, wie man mit den Eltern hätte umgehen sollen, entstand die Idee des Krisen-Interventions-Teams. Heute ist man mit 2,3 Einsätzen am Tag die größte Einrichtung im Einsatzdienst in Deutschland, und im letzten Jahr feierten wir 20-jähriges Bestehen." Finanziert wird das Team durch Zuschüsse, private Spenden und die Mitgliedsbeiträge des Arbeiter-Samariter-Bundes, der die Trägerschaft hat. "Ein wichtiger Bestandteil sind die 55 ehrenamtlichen Mitarbeiter, ohne deren Hilfe dieses Projekt nicht realisierbar wäre, denn es gibt bei uns nur drei Festangestellte", erklärt der großgewachsene Zehentner. Doch auch die ehrenamtlichen Mitarbeiter sind hochqualifizierte Arbeitskräfte, die erst eine lange Ausbildung hinter sich bringen müssen. Dafür müssen sie mindestens 25 Jahre alt sein und eine langjährige Erfahrung im Rettungsdienst oder bei der Feuerwehr haben.

Die theoretische Ausbildung dauert 105 Stunden, anschließend begleiten sie ein Jahr lang verschiedene Einsätze. Am Ende findet noch ein Prüfungsgespräch statt. Die ehrenamtlichen Helfer kommen aus den verschiedensten Berufen, vom Ingenieur über den Moderator bis zur Krankenschwester. In der Regel sind an jedem Tag drei Mitarbeiter im Dienst, sollten alle im Einsatz sein, werden weitere über ein Alarmierungssystem gerufen.

Während der vielen Jahre hatten die Münchener etliche große Einsätze zu verzeichnen, zum Beispiel 2002 den Amoklauf in Erfurt mit 17 Todesopfern. Aber es gibt auch viele Einsätze ohne kriminellen Hintergrund oder schwere Unfälle, bei denen Menschen an einer Krankheit oder auch an Altersschwäche sterben. "Im dringendsten Fall brauchen wir nur zehn Minuten, um am Ort des Geschehens zu sein. Das ist möglich, weil alle unsere Mitarbeiter mit Alarmmeldern ausgestattet sind und immer ein Einsatzfahrzeug zur Verfügung steht", erläutert Zehentner anhand eines Beispiels: "Wenn sich nun Frau Müller nach dem Essen hinlegt, da sie sich nicht gut fühlt, und schließlich nicht mehr aufwacht, so wählt Herr Müller die 112. Zuerst kommt als First Responder ein Fahrzeug der Feuerwehr mit bis zu sechs Personen, die mit Wiederbelebungsmaßnahmen starten, anschließend ein Rettungswagen mit wiederum drei Personen, die Maßnahmen erweitern, dann noch der Notarzt. Ist Frau Müller dann trotz aller Bemühung tot, folgen die Streifenpolizei, die Rechtsmediziner, dann die Kripo und dann erst der Bestatter. Das bedeutet, dass während der gesamten Zeit bis zu 20 Personen im Einsatz sind, alleine das muss den Angehörigen erklärt werden." Wie lange so ein Einsatz dauert, lässt sich schwer voraussagen, das kann von gerade einmal 30 Minuten bis zu sechs Stunden reichen, im Durchschnitt sind es etwa 180 Minuten.

Daneben kommt es immer wieder zu Einsätzen im Ausland. In solchen Fällen wird das Team von der Bundesrepublik Deutschland beauftragt und fliegt unmittelbar zum Unglücksort. So betreute KIT-München 2004 Angehörige der Opfer des Tsunami-Unglücks in Thailand - bis heute der Einsatz mit den meisten deutschen Todesopfern. Bei den Anschlägen des 11. September 2001 waren sie ebenfalls vor Ort. Auch kürzlich beim Absturz der Germanwings-Maschine wurden sie gerufen. "Zuerst bekamen wir die Nachricht vom Auswärtigen Amt, dass es ein Unglück mit mindestens zehn toten Deutschen gegeben hat", erinnert sich der Teamleiter. "Zwei Stunden später erhielten wir dann den Auftrag zur Betreuung der betroffenen Angehörigen, worauf wir sofort das Team zusammengestellt haben, das schließlich nach Südfrankreich flog." Wie schon bei den Inlandseinsätzen sind auch die Abläufe im Ausland fest eingespielt. "Man kommt am Ort des Geschehens an und trifft auf Angehörige, die nichts Genaues wissen, nur dass es ein Unglück gegeben hat. Wir empfangen diese Menschen, betreuen sie und informieren sie über den aktuellen Stand. Es kommen Fragen auf, wie zum Beispiel, wo die Verunglückten sind und ob diese auch sicher tot sind. Oder woher man weiß, dass es sich bei den Toten um ihre Angehörigen handelt." Diese Phase ist besonders schwierig, da viele Betroffene einfach nicht begreifen können, was gerade passiert ist. "Um das zu erklären, müssen wir viele Gespräche führen, auch über Themen wie beispielsweise die DNA-Analysen."

Die Langzeitbetreuung wird aber von anderen Einrichtungen wie der Arche oder der Nicolaidis-YoungWings-Stiftung übernommen. Die Phasen, die betroffene Angehörige durchlaufen, sind fast immer ähnlich. Die erste Phase ist die Situation der Fassungslosigkeit, man begreift einfach nicht, was geschehen ist. Anschließend folgt die "Chaosphase", in der man nicht weiß, wieso es passiert ist. Dabei sind die Betroffenen einer extremen Belastung ausgesetzt. Das große Ziel ist es dann, diese Menschen trotz des vorhandenen Schocks wieder handlungsfähig zu machen. Dabei müssen die Mitarbeiter versuchen, sich emotional abzugrenzen, um nicht selbst unter der Belastung zu leiden. Eine Hilfe ist das Tragen einer Uniform, denn somit unterscheidet man sich auch äußerlich von den Betroffenen.

Durch die Betreuung der erfahrenen Mitarbeiter kann es besser gelingen, dass aus Trauer kein Trauma wird und somit der Abschied von einer geliebten Person ein wenig erträglicher gemacht wird. "Unser Ziel ist es, mit den Betroffenen zusammen gute Bilder zu gestalten", meint Zehentner. Und wenn er spürt, dass er die Betroffenen auf ihrem Weg der Trauer, begleitet von Freunden und Angehörigen lassen kann, sei dies ein schönes Gefühl, das ihn dankbar mache.

Informationen zum Beitrag

Titel
Da sein beim Schock
Autor
Jona Gilch
Schule
Elsa-Brändström-Gymnasium , München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.08.2015, Nr. 195, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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